Wirtschaft
Flüchtlingsintegration in den Arbeitsmarkt: IHK-Projekt mit positiver Bilanz
Nach drei Jahren hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Pfalz den Kompetenz-Check für Flüchtlinge abgeschlossen. Obwohl statt der geschätzt 2400 Personen lediglich 465 die berufliche Einschätzung durchlaufen haben, ziehen IHK und Arbeitsagentur eine positive Bilanz.
„Super engagiert, offen, immer auf der Suche nach neuen Aufgaben“: Genau so, wie man sich manch’ anderen Auszubildenden wünsche, sei Ahmadzia Rezaie. Maximilian Postel, Geschäftsführer der HTK GmbH in Ellerstadt, einem IT-Dienstleister und Software-Entwickler für mittelständische Unternehmen, geriet am Dienstag geradezu ins Schwärmen, als er von dem jungen Afghanen berichtete. Als einer von fünf Support-Mitarbeitern wird Rezaie bei dem Unternehmen, das mit derzeit 26 Mitarbeitern 2 Millionen Euro im Jahr umsetzt, nach drei Jahren Ausbildungszeit demnächst die Abschlussprüfung Fachinformatiker Systemintegration ablegen. Eine Erfolgsgeschichte.
Rezaie ist einer von 465 Geflüchteten – zwei Drittel von ihnen Syrer, aber auch Afghanen und andere Nationalitäten sind darunter –, die seit 2017 einen von der IHK Pfalz organisierten Kompetenz-Check durchlaufen haben: einen drei- bis viertägigen Test bei verschiedenen Bildungsträgern und in zehn verschiedenen Berufsfeldern, in denen Geflüchtete ihre Qualifikationen belegen konnten und in denen herausgearbeitet wurde, welche sie zusätzlich benötigten, um in der deutschen Arbeitswelt Fuß zu fassen. Besonders nachgefragt gewesen seien von ihnen Metall- und Büroberufe, Informationstechnologie und Verkauf, berichtete Dirk Michel, Teamleiter Fachkräftesicherung der IHK Pfalz, anlässlich der Bilanz des Projekts.
Sensationelle Erfolgsquote
Gut 200 derjenigen, die den Kompetenz-Check gemacht haben, wurden direkt in ein Arbeitsverhältnis oder in eine Ausbildung vermittelt. Ein knappes Drittel sei kurz davor, berichtete Michel: Bei ihnen hapere es an der Sprache, weswegen sie entsprechende Kurse absolvierten. Bei 23 Prozent habe man festgestellt, dass sie derzeit nicht geeignet seien für den Arbeitsprozess. Größte Hürde sei die Sprache. Es gebe aber auch kulturelle Unterschiede, die von der Arbeitsvermittlung „zu bearbeiten seien“, räumte Heidrun Schulz ein, Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit.
Für die beteiligten Institutionen – die Arbeitsagenturen und Jobcenter in der Pfalz trafen die Vorauswahl, die IHK sorgte mit 16 Bildungsträgern für die Umsetzung – ist das eine sensationell gute Erfolgsquote. Denn damit schnitt der Kompetenz-Check, die größte IHK-Flüchtlingsinitiative bundesweit, besser als ähnliche Projekte ab. Albrecht Hornbach, Präsident der IHK Pfalz, zeigte sich mit der Bilanz zufrieden: „Es war ein richtiger und wichtiger Schritt, im Jahr 2016 die Mittel dafür bereitzustellen. Die Unternehmer in der Pfalz handelten damals in der Überzeugung, dass jeder Mensch etwas kann und dass jeder Flüchtling Fähigkeiten und Kenntnisse aus seiner Heimat mitbringt.“
250.000 Euro investierte die IHK in das Projekt
Bis zu 1 Million Euro stellte die IHK aufgrund eines 2016 gefassten Beschlusses der IHK-Vollversammlung dafür zur Verfügung. Tatsächlich benötigt wurden 250.000 Euro. Denn die Anzahl der Kandidaten war deutlich geringer als vorab geschätzt: Mit bis zu 2400 Personen hatten die IHK-Experten kalkuliert. Dass es weniger als 500 wurden, hat für Arbeitsagentur-Expertin Schulz mehrere Gründe: So habe sich im Kreis der potenziellen Bewerber herumgesprochen, wie der reguläre Weg über die Arbeitsagenturen laufe, der vermehrt genutzt werde. Sie belegte das mit Zahlen: 2019 waren in Rheinland-Pfalz 1,4 Millionen Menschen in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis, 25.000 mehr als im Vorjahr. 14.000 von ihnen stammten aus Migrationsländern – 4700 mehr als ein Jahr zuvor. Außerdem, so Schulz, sei die Anzahl der neu ankommenden Flüchtlinge gesunken, was sich auch auf den Kompetenz-Check ausgewirkt habe: 2019 gab es noch 17 Teilnehmer, wohingegen es 2017, im ersten Jahr, 243 waren, und im Folgejahr 188.
Gleichwohl: 8700 Geflüchtete sind laut Schulz in Rheinland-Pfalz arbeitssuchend. 4600 weitere besuchten Sprachkurse, ebenso viele berufsvorbereitende Kurse: Unter dem Strich fast 18.000 Menschen. Bei manchen wird es wohl beim Vermittlungsversuch bleiben. Für Schulz ist der Kompetenz-Check trotz der großen Anzahl Unversorgter eine Erfolgsgeschichte: Damit sei es gelungen, Flüchtlinge in qualifizierte Arbeitsverhältnisse zu bringen, in die sie ohne die IHK-Initiative wahrscheinlich nicht gelangt wären.
Zwei Jahre lang dürfen ausgelernte Flüchtlinge in Deutschland mindestens bleiben
Zwei Jahre lang wird Ahmadzia nach seiner Prüfung mindestens bei seinem Ausbildungsunternehmen HTK arbeiten dürfen. Denn so lange werden ausgelernte Flüchtlinge nicht abgeschoben, auch wenn die Heimat als sicheres Herkunftsland eingestuft wird. Eine dauerhafte Lösung für den Fachkräftemangel ist dieser politische Kompromiss nicht. „Ich hoffe, dass er noch ein paar Jahre bei uns arbeiten darf“, sagt HTK-Geschäftsführer Postel. Und: „Es wäre schön, noch mehr solche Kollegen zu finden.“