Zeitarbeit
Eine Branche in der „Corona-Zange“
Die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft in unterschiedlichem Ausmaß getroffen – in manchen Branchen geht es für viele Betriebe mittlerweile um die pure Existenz, andere Bereiche vermelden hingegen Wachstum. Die Zeitarbeit gehört zu den Sektoren, die die Folgen der Corona-bedingten Schließungen und Beschränkungen stark zu spüren bekommen haben. Denn Zeitarbeiter gehören häufig zu den ersten, von denen sich Kunden-Unternehmen trennen, wenn die Geschäfte schlechter laufen.
Die Folgen lassen sich in Zahlen ausdrücken. So vermeldete Rheinland-Pfalz Mitte 2020, nach dem ersten Lockdown – dazu liegen die neuesten gesicherten Angaben vor – gegenüber dem Vorjahresquartal einen Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung um insgesamt 6630 Stellen. Fast die Hälfte davon entfiel auf die Arbeitnehmerüberlassung (3208). Bei der Betrachtung der gesamten Situation am Arbeitsmarkt ist dabei zu berücksichtigen, dass in manchen Branchen zugleich Beschäftigung aufgebaut wurde.
Probleme gab’s schon vor Corona
Die Zeitarbeit, darauf weisen Arbeitsmarktforscher hin, steckte schon vor Corona in Schwierigkeiten, nicht zuletzt wegen der schwierigen Situation für die Automobilindustrie. Auch das schlägt sich in Zahlen nieder. So ging die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Zeitarbeiter in Rheinland-Pfalz 2019 Monat für Monat im Jahresvergleich zurück, zum Teil im zweistelligen Prozentbereich. Dieser Rückgang setzte sich 2020 fort mit der Folge, dass im Juli 2020 landesweit noch gut 26.700 Zeitarbeiter registriert wurden – über 6000 weniger als noch zwei Jahre zuvor.
Inzwischen geht es wieder aufwärts. Schaut man auf die neuesten, noch hochgerechneten Daten, so verzeichnete die Zeitarbeit im Land im November 2020 mit rund 30.000 Beschäftigten einen deutlichen Anstieg gegenüber Oktober (28.900) sowie ein leichtes Plus von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Landesweit sind derzeit rund 2 Prozent aller Erwerbstätigen in der Zeitarbeit beschäftigt.
Derzeit kein dramatischer Abwärtstrend
Anders als im vergangenen Frühjahr, als in Folge des ersten Lockdowns die Zeitarbeit einen spürbaren Einbruch zu verzeichnen hatte, gebe es derzeit keinen dramatischen Abwärtstrend, bestätigt Walter Hüther, stellvertretender Geschäftsführer der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit. Vielmehr seien Signale für eine gewisse Erholung zu registrieren. Zugleich sei spürbar, dass viele Unternehmen noch unsicher seien, wie sich die Lage weiter entwickele – man merke „die Zurückhaltung“ bei der Rekrutierung neuer Leiharbeiter.
Angesichts von Rückgängen und Anstiegen bei der Anzahl der Zeitarbeiter verweist Hüther noch auf einen anderen Aspekt: Als die Konjunktur noch gut lief, hätten viele Unternehmen bei ihnen tätige Zeitarbeiter in die Stammbelegschaft übernommen. Auch das kann dazu führen, dass die Anzahl der Leiharbeiter unterm Strich zurückgeht.
Viele Zeitarbeitsfirmen mit Existenzsorgen
Unter den Zeitarbeitern finden sich überproportional viele Nicht-Deutsche, laut Walter Hüther mehr als 40 Prozent. Vielen Flüchtlingen gelang in den vergangenen Jahren über die Zeitarbeit der Einstieg in den Arbeitsmarkt. Darauf weist auch Werner Stolz hin, Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) mit über 3600 Mitgliedsunternehmen. Die Zeitarbeit sei und bleibe „das Mittel der Wahl“ für den Einstieg in den Arbeitsmarkt, betont Stolz.
Auch er betont, dass die Lage schon vor Ausbruch der Pandemie schwieriger geworden sei. Nun aber sei die Zeitarbeit in die „Corona-Zange“ genommen worden. Dazu verweist Stolz auf eine Umfrage seines Verbands vom Januar. Demnach fürchtet ein knappes Viertel der befragten Unternehmen (22 Prozent) um die Existenz. Vier Fünftel der Unternehmen hätten Auftragsrückgänge zu beklagen. Umgekehrt hätten viele Personaldienstleister neue Aufträge requirieren können, beispielsweise im Bereich der Logistik oder in der Gesundheitsbranche.
Das Beispiel des Daimler-Lkw-Werks in Wörth
Viele Unternehmen ergänzen je nach Auftragssituation ihre Stammbelegschaft durch Zeitarbeiter. Dadurch sei es möglich, „flexibel auf Marktschwankungen oder andere Herausforderungen zu reagieren“, teilt eine Sprecherin der Daimler Truck AG mit Blick auf das weltweit größte Lkw-Werk in Wörth mit. Neben anderen Maßnahmen sei in den vergangenen Monaten auch dieses „Flexibilisierungsinstrument“ genutzt worden. Genaue Zahlen zu den in Wörth beschäftigten Zeitarbeitern werden offiziell nicht mitgeteilt. Nach RHEINPFALZ-Informationen waren in Wörth Ende 2020 rund 350 Leiharbeiter beschäftigt.
Häufig wird Zeitarbeit als „Brücke“ in die Stammbelegschaft eines Betriebs bezeichnet, Experten sprechen auch vom „Klebeeffekt“. Den gibt es offensichtlich auch in Wörth. Dort seien in den vergangenen Jahren 400 Zeitarbeiter unbefristet übernommen worden; seit 2005 seien so insgesamt 2600 Zeitarbeiter fest eingestellt worden, teilt die Sprecherin mit. Betriebsrats-Vorsitzender Thomas Zwick bestätigt, dass in Wörth „regelmäßig“ Leiharbeiter übernommen würden. Die Anzahl der Zeit-Beschäftigten bewege sich derzeit auf ähnlichem Niveau wie vor der Corona-Krise.
Verband warnt vor weiterer Regulierung der Zeitarbeit
Dank einer Gesetzesänderung können in dieser Krise auch Zeitarbeitsunternehmen für ihre Beschäftigten Kurzarbeit anmelden. Fast drei Viertel der Betriebe haben laut IGZ-Umfrage von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Dieses Instrument zum Vermeiden von Entlassungen habe der Branche sehr geholfen, bestätigt Hauptgeschäftsführer Werner Stolz.
Andere politische Entscheidungen und Diskussionen sieht Stolz hingegen kritisch, beispielsweise das ab April geltende weitgehende Verbot von Zeitarbeit in der Fleischindustrie oder Initiativen, Zeitarbeit in der Pflegebranche zu untersagen. Das seien „ganz eigenartige Signale“, moniert Stolz. Er warnt: Wenn die Zeitarbeit derart beschränkt werde, verringere das beispielsweise auch die Chancen von Langzeitarbeitslosen, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Deren Anzahl ist, das zeigen die neuen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, nach einem deutlichen Rückgang in Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs, zuletzt wieder spürbar gestiegen.
Werner Stolz sieht aber auch die eigene Branche in der Pflicht. Um die Zeitarbeiter für die künftigen Anforderungen, Stichwort Industrie 4.0, fit zu machen, sei ein noch stärkeres Engagement bei Weiterbildung und Qualifizierung notwendig.
Stichwort: Zeitarbeit
Zeitarbeit, Leiharbeit oder, offiziell, Arbeitnehmerüberlassung – gemeint ist immer dasselbe: Ein Arbeitgeber, der Verleihbetrieb, überlässt einen Mitarbeiter für eine gewisse Zeit einem anderen Unternehmen, dem Entleiher, und wird von diesem dafür bezahlt. Der Zeitarbeiter wiederum erhält sein Gehalt vom Verleihbetrieb, bei dem er angestellt ist. Ist der Beschäftigte nicht „verliehen“, muss ihn sein Verleihbetrieb dennoch weiter bezahlen.
Derzeit gibt es bundesweit rund 700.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Zeitarbeiter. Die Regeln für die Zeitarbeit sind im seit 1972 existierenden Arbeitnehmerüberlassungsgesetz festgelegt. Dieses Gesetz wurde 2017 letztmals geändert. Seitdem darf ein Zeitarbeiter beispielsweise grundsätzlich nicht länger als 18 Monate ununterbrochen in einem Kundenbetrieb beschäftigt sein. Seit 2012 gibt es einen Mindestlohn für die Zeitarbeit. Am 1. April steigt der Mindestlohn von derzeit 10,15 Euro pro Stunde (West) auf 10,45 Euro – dieses Niveau gilt dann erstmals in Ost- wie in Westdeutschland.