Autoindustrie
BMW: Stammwerk wird für E-Autos umgebaut
Die Halle 140 im Münchner BMW-Stammwerk ist historisches Gelände. Mit Verbrennungsmotoren wurde dort gut 70 Jahre lang gebaut, was für die Bayern namensstiftend war. Heute wird sie am einen Ende abgerissen, während am anderen in zugiger Atmosphäre das Heraufdämmern einer neuen Ära zelebriert wird. „Unser Stammwerk wird zum ersten Bestandswerk, das ausschließlich vollelektrische Fahrzeuge fertigt, – und zu einem Pionier,“ erklärt BMW-Produktionschef Milan Nedeljkovic den Ernst der Stunde. Ende 2027 soll es so weit sein. Ein Jahr vorher wird der neue Standort Debrecen zur ersten reinen BMW-Elektoautofabrik. Aber die entsteht in Ungarn auf der grünen Wiese. Das Stammwerk produziert am Rande der Münchner Innenstadt, was die Transformation besonders herausfordernd macht.
Insgesamt vier neue Hallen entstehen bei Investitionskosten von 650 Millionen Euro auf den Ruinen alter. Ausweichflächen gibt es bei den beengten Stadtverhältnissen nicht. Es ist sozusagen eine Operation am offenen Herzen. „Aber wir können beides, transformieren und mit Rekordwerten weiterproduzieren“, sagt Nedeljkovic. 2023 war das so. 2,6 Millionen Autos der drei Konzernmarken BMW, Mini und Rolls- Royce haben die Bayern weltweit gebaut und damit so viele wie nie. Jeder siebte Neuwagen war vollelektrisch.
„Urvater“ für E-Autos geplant
Im Stammwerk München war 2023 bereits jeder zweite vom Band laufende Wagen ein Stromer. Was BMW dort aber ab Ende 2026 bauen will, sind nicht irgendwelche Elektromodelle, sondern mit der sogenannten Neuen Klasse eine völlig neue Elektrofahrzeuggeneration. Eine Limousine soll im Stammwerk den Anfang machen und zu einer Art Urvater werden, wie es ab 1961 der legendäre BMW 1500 wurde, erinnert Mike Reichelt, der für die Neue Klasse der Gegenwart verantwortliche Manager.
Denn vor 63 Jahren sei mit diesem Modell im BMW-Stammwerk schon einmal etwas gestartet worden, was Neue Klasse hieß und für BMW Jahrzehnte geprägt hat. „Den gleichen Sprung haben wir jetzt 2026 wieder vor“, sagt Reichelt. Er geht einher mit neuer Direktvermarktung per Internet, technischer Planung im virtuellen Raum und künstlicher Intelligenz in der Produktion. „Wir lösen uns von Tradition“, findet Nedeljkovic.
Das hat weitreichende Folgen. Gegenüber dem Referenzjahr 2019 werde BMW mit der Neuen Klasse die Produktionskosten je Einheit um ein Viertel senken – trotz Inflation, verspricht der Topmanager. Beim Endprodukt Elektroauto werden die neuen Zeiten nicht nur in verändertem Design mit nüchtern-aufgeräumtem Interieur und integriertem Display im unteren Streifen der Windschutzscheibe sichtbar. In puncto Nachhaltigkeit will BMW mit der Neuen Klasse neue Maßstäbe setzen und sie zu fast einem Drittel aus Sekundärrohstoffen bei insgesamt halbiertem ökologischen Fußabdruck bauen. Eine neue Batterie soll zudem 30 Prozent mehr Reichweite ermöglichen.
Preise sind noch offen
Was das Ganze preislich für Kunden bedeutet, lässt BMW noch offen. Auch wann ein Einstiegsmodell der Neuen Klasse kommt, ist noch geheim. Das Personal weiß dagegen schon, was auf es zukommt. Es bleibe durch die Neue Elektroklasse nicht nur in München bei rund 7000 Beschäftigten. „Sie führt nicht zu weniger Arbeitsplätzen“, sagt Nedeljkovic auch mit Blick auf die Gesamtbelegschaft von heute konzernweit knapp 150.000 Leuten. Für so manchen Zulieferer dürfte diese Rechnung ganz anders aussehen.
Das BMW-Personal profitiert dabei auch von steigendem Absatz. „Wir sind ein wachsendes Unternehmen“, sagt Nedeljkovic. Das ist vor allem Stromern zu verdanken. Über eine halbe Million reiner Elektroautos wollen die Bayern 2024 weltweit verkaufen. Das wäre mindestens ein Drittel mehr als die gut 376.000 Stromer des Vorjahres.