Lebensversicherungen RHEINPFALZ Plus Artikel Bewertung: Akut gefährdet bis sehr stabil

Dauerhaft niedrige Zinsen und zunehmend strengere Kapitalanforderungen machen Lebensversicherern zu schaffen.
Dauerhaft niedrige Zinsen und zunehmend strengere Kapitalanforderungen machen Lebensversicherern zu schaffen.

Wie sicher sind die deutschen Lebensversicherer? Experten kommen zu unterschiedlichen Urteilen. Die einen sehen ein Viertel der Branche angezählt. Andere sagen, sie sei recht gut durch die Pandemie gekommen.

Wer eine Lebenspolice hat, sollte sich nicht nur mit dem Produkt befassen, sondern auch ein Auge auf den Zustand seines Versicherungskonzerns haben. Denn solche Policen laufen oft über Jahrzehnte. Und bedrohlich ist die Lage wegen dauerhaft niedriger Zinsen und zunehmend strengerer Kapitalanforderungen für die Branche schon länger. Dazu kommt, dass der gesetzliche Garantiezins ab 2022 auf 0,25 Prozent sinkt, was zumindest klassische Policen zum Auslaufmodell macht. Aber durch die Pandemie ist die Branche erstaunlich gut gekommen, findet die auf die Assekuranz spezialisierte Ratingagentur Assekurata. „Neugeschäft und Stornoquoten haben sich 2020 besser entwickelt als erwartet“, sagt Assekurata-Chef Reiner Will.

Beitragseinnahmen voriges Jahr konstant

Eine Kündigungswelle hat es bei Lebenspolicen nicht gegeben und wird von Assekurata auch nicht erwartet, heißt das. Zudem sind die Beitragseinnahmen der Branche voriges Jahr bei gut 99 Milliarden Euro konstant geblieben. Für 2021 erwartet Assekurata einen leichten Anstieg um eine halbe auf dann knapp 100 Milliarden Euro.

Niedrigzinsen nahe Null und Überlegungen der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa, die Solvenzanforderungen demnächst zu verschärfen, blieben aber herausfordernd für die in ihrer Robustheit zudem sehr stark gespreizte Branche, räumt Assekurata-Analyst Lars Heermann ein. Es gebe Unternehmen, die deutlich schlechter als der Branchendurchschnitt dastehen.

Strenge Kriterien an finanzielle Stabilität

Den Bund der Versicherten (BdV) und Analyst Carsten Zielke veranlasst das zu einer alarmierenden Sichtweise. „Die Situation ist sehr brenzlig, 23 von 80 untersuchten Lebensversicherern sind angezählt“, urteilt BdV-Chef Axel Kleinlein. „Die Solvenz verschlechtert sich zinsbedingt und erreicht bei einigen Gesellschaften eine bedrohliche Lage.“ Zielke hat die Branche für den BdV unter die Lupe genommen, legt dabei strengere Kriterien an finanzielle Stabilität an als die heimische Finanzaufsicht Bafin.

Die sieht aktuell keinen Lebensversicherer akut gefährdet, aber 20 Unternehmen stehen unter besonderer Beobachtung. Um welche Versicherer es sich handelt, sagt die Bafin nicht. Jörg Asmussen beruhigt. „Kein Kunde muss sich Sorgen um seine Lebensversicherung machen“, betont der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Alle garantierten Leistungen seien gesichert. Die Branche stehe besser da, als BdV und Zielke das glauben machen wollten.

Befristete Sonderregeln

Richtig ist, dass die Maßstäbe, die BdV und Zielke anlegen nicht die offiziellen sind. Man könnte aber auch argumentieren, dass sie einen ehrlicheren Blick auf den Zustand manches Unternehmens geben. Denn derzeit operiert die Branche mit Übergangsmaßnahmen, die wie es der Name ausdrückt, zeitlich begrenzt sind, und zwar bis 2032. Diese befristeten Sonderregeln machen es einfacher, auf dem Papier ausreichende Solvenz und Stabilität auszuweisen. Spätestens ab 2032 müssen Lebensversicherer aber ihre Anforderungen ohne Übergangsregularien erfüllen, betont die Deutsche Aktuarsvereinigung (DAV) als Berufsstand der Versicherungsmathematiker. Aber auch für die DAV ist die Marktsituation derzeit weiter sehr stabil.

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