Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Bauersfrauen in Sonderbussen und Kopfprämien für Spatzen

So ging Landwirtschaft damals: Das Foto wurde 1951 in Friedelsheim aufgenommen.
So ging Landwirtschaft damals: Das Foto wurde 1951 in Friedelsheim aufgenommen.

Zeitreisen sind zwar nicht möglich. Wer aber die „RHEINPFALZ“ des Jahres 1950 liest, erhascht einen flüchtigen Blick auf das Denken und Leben der Menschen damals in der Pfalz – in dem Jahr, in dem die Industriekarte entstand, die auf dieser Seite zu sehen ist.

Die Hungerjahre nach dem Krieg sind noch in schmerzhafter Erinnerung, Themen wie der Brotpreis oder die Versorgung mit Haushaltszucker spielen eine große Rolle. Und der Leser stößt auf Dinge, die heute skurril wirken, wie zum Beispiel Kopfprämien für Spatzen.

Zugleich zeigt sich aber auch, wie der Konsum stramm anzieht. So wurden im ersten Halbjahr des Jahres 1950 fast 223.000 Kraftfahrzeuge in der damaligen Bundesrepublik (ohne West-Berlin) neu zugelassen, das waren 135 Prozent mehr als in der gleichen Vorjahreszeit. Ein Vergleich mit der Gegenwart: Im ersten Halbjahr 2019 zählte das vereinigte Deutschland mehr als 1,8 Millionen Neuzulassungen.

Im Sommerschlussverkauf des Jahres 1950 registrieren die Einzelhändler einen „Ansturm der Käufer“. Ein Bericht schildert, wie kaufentschlossen die Menschen waren: „Gehaltsempfänger, die ihr Monatsgehalt noch nicht bekommen hatten, nahmen vielfach am Wochenende bei Bekannten Darlehen auf, um aus der Unmenge der angebotenen Waren möglichst schnell die ,Lockvögel’ herauszuholen.“ Heute würde man wohl Schnäppchen sagen. Auch seien „Bauersfrauen in großer Zahl“ mit Bussen und Sonderwagen aus den „ländlichen Bezirken“ in die Städte gekommen – und das „schon mehrere Stunden vor Ladenöffnung“. Ein Geschäftsführer eines Pfälzer Modehauses sagte: „Auf den kolossalen Ansturm der ersten Tage war kein Mensch gefasst.“

Heute würde die folgende Meldung sicher Empörung hervorrufen. Aber damals wurden Spatzen noch als Schädlinge betrachtet. Und es muss – ganz im Gegensatz zu heute – unheimlich viele gegeben haben. Allein in Deidesheim seien in der „Spatzenbekämpfungsaktion“ bis Juli 1950 über 1000 Spatzen „abgeliefert“ worden. „Die Stadtverwaltung zahlt je Stück eine Prämie von 10 Pfennig.“

Das war ein ziemlich hohes Kopfgeld. So hätte man sich für die Prämie für fünf „Stück“ Spatzen 100 Gramm Hausmacher-Leberwurst kaufen können, die damals für 48 Pfennig angeboten wurde. Eine „weibliche Hilfsarbeiterin“ in der Industrie erhielt 1949 pro Arbeitsstunde 78 Pfennig brutto.

Nicht nur mit dem Fang von Spatzen war damals Geld zu verdienen. Die „RHEINPFALZ“ wies Mitte Mai 1950 auf das Sammeln von Weinbergschnecken für die Versorgung des französischen Lebensmittelmarktes hin. 20 Pfennig gebe es für ein Kilogramm gesammelter Weichtiere und damit „die Möglichkeit eines guten Nebenverdienstes für die Bevölkerung“. Zur Einordnung: Für ein halbes Kilo Weizenmehl Type 550 waren damals 28 Pfennig zu zahlen.

Mitte Juli erhöhen die Bäcker die Brotpreise, was zu größeren Diskussionen auch in der Politik bis in die Hauptstadt Bonn führt: Der Preis für das Dreipfund-Roggenbrot beispielsweise wurde auf 80 bis 85 Pfennig (vorher 77 Pfennig) heraufgesetzt.

Auch die Lektüre der Anzeigen fördert Lebensumstände zutage, die heute fremdartig erscheinen. Da wird etwa ein Maulesel als „zugfest und fromm“ zum Verkauf angeboten. Oder ein Medikament für die Anwendung am Menschen mit dem aussagekräftigen Namen Wurmserol: „Gegen Afterwürmer, wirkt da, wo die Würmer sitzen für 1,40 Mark in Apotheken“.

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