Wirtschaft Autobranche vor großem Wandel
Wiesbaden. Die Automobilindustrie steht vor einem umfassenden Strukturwandel. Die Veränderungen werden Auswirkungen auf Hunderttausende Arbeitsplätze haben.
Zehntausende zusätzliche Jobs sind in den vergangenen Jahren in der deutschen Automobilindustrie entstanden, die Konzerne verzeichnen gute Absatzzahlen. Und dann so ein Satz: „Die Branche muss sich komplett neu erfinden“, sagt Frank Iwer, im Vorstand der IG Metall für strategische und politische Planung zuständig. Eine der deutschen Leit- und Schlüsselindustrien, die bundesweit mehr als 800.000 Menschen beschäftigt, steht offenkundig vor gewaltigen Veränderungen. Noch weiß niemand seriös vorherzusagen, wie rasch sich der Wandel vollzieht, wie tiefgreifend er sein wird, was am Ende stehen wird. Nur eines ist klar, darüber waren sich Betriebsräte und Vertrauensleute bei einer vom IG-Metall-Bezirk Mitte veranstalteten Tagung einig: Der Wandel wird spürbare Auswirkungen auf Beschäftigte und Beschäftigung in der Branche haben. Zumal gleich mehrere parallel verlaufende Entwicklungen den Wandel vorantreiben: Da ist zum einen die Digitalisierung der Mobilität, Stichwort autonomes Fahren. Auch die Produktionsprozesse werden immer stärker digitalisiert, Stichwort Industrie 4.0. Zudem stellt sich die Standortfrage neu und dringlich, wenn zum Beispiel Zulieferer aus Kostengründen seit einigen Jahren verstärkt Werke in Mittel- und Osteuropa errichten. Die tiefsten Sorgenfalten bei Beschäftigten und Gewerkschaftern aber verursacht das mögliche Aus des Verbrennungs- zugunsten des Elektromotors. Derzeit arbeiten über 300.000 Beschäftigte am sogenannten Antriebsstrang. Die möglichen Folgen eines kompletten Wechsels vom Verbrennungsmotor, der aus rund 1400 Einzelteilen besteht, auf den Elektroantrieb mit rund 200 Teilen verdeutlicht Claudia Grässle, Geschäftsführerin der Technologieberatungsstelle (TBS) Rheinland-Pfalz, an einem Beispiel: Werde vollständig auf den E-Motor umgestellt, ohne dass gleichzeitig alternative Produktionen zur Verfügung stünden, könnten dadurch nach einer „ersten groben Schätzung“ der TBS alleine in der Pfalz 6000 Jobs wegfallen. Jörg Köhlinger, Leiter des auch für Rheinland-Pfalz zuständigen IG-Metall-Bezirks Mitte, beobachtet derzeit einen „Hype“ um die Elektromobilität, der auch durch die Debatte um manipulierte Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen befördert werde. In der Realität läuft der Verkauf von E-Fahrzeugen nach wie vor schleppend; ihr Anteil bei den Neuzulassungen liegt in Deutschland noch unter 1 Prozent, der hohe Preis und vergleichsweise geringe Reichweiten schrecken viele ab, die nötige Infrastruktur existiert nur in Ansätzen. Solche Hinweise aber können vor allem jene, die in Betrieben arbeiten, die vollständig auf die heftig in die Kritik geratene Dieseltechnologie ausgerichtet sind, kaum beruhigen. „Wenn der Diesel stirbt, werden wir nicht mehr gebraucht“, beschreibt etwa Oliver Simon, Betriebsrats-Chef des Bosch-Werks in Homburg mit etwa 4500 Mitarbeitern, die Lage. Auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sagte: „Wir machen uns um den Bosch-Standort Homburg schon Sorgen“. Deshalb müssten die dortigen Mitarbeiter schon jetzt weiter qualifiziert werden, um auch in Zukunft sichere Arbeitsplätze zu haben. Generell sei es die „größte Herausforderung“, die Mitarbeiter der Branche mit künftig notwendigen Qualifikationen auszustatten, fordert Hofmann Arbeitgeber und Politik auf, sich dieser Aufgabe zu stellen. Und auch an die eigenen Leute gerichtet betont Hofmann, eine Politik, die sich gegen die Veränderungsprozesse stemme, werde nicht erfolgreich sein.