Interview
Klimawandel: „An der Grenze der Anpassungsfähigkeit“
Sie als Experten sagen: Der Wald braucht Unterstützung, nicht nur Schutz. Warum?
Astrid Kleber: Der Wald erfüllt vielfältige Funktionen, die nicht zuletzt für den Menschen wichtig sind und die wir daher auch als Dienstleistungen bezeichnen. Diese sind in erster Linie Wasserrückhalt, Wasserfiltern und –speichern, Luftfiltern, Kühlen und Frischluftproduktion, CO 2 -Bindung, das Bereitstellen des Rohstoffes Holz und die Erholungsleistung. Der Erhalt dieser Funktionen wird durch den fortschreitenden Klimawandel zunehmend wichtiger, denn Hitzewellen und ausgeprägte Dürrephasen in der Vegetationszeit ebenso wie extreme Starkregenereignisse werden die kommenden Jahrzehnte mit hoher Wahrscheinlichkeit prägen. Widerstandsfähige, sogenannte resiliente Systeme können ihre Funktionsfähigkeit nach Störungen wiederherstellen.
Was braucht der Wald, um resilient zu sein?
Astrid Kleber: Zur Resilienz von Ökosystemen trägt maßgeblich eine hohe Vielfalt bei – im Ökosystem Wald kann Vielfalt in verschiedenen Ebenen erzielt werden, die wichtigsten sind die genetische, die Baumarten- und die Waldtypenvielfalt.
Gegenüber Nordamerika und Ostasien hat Europa heute eine sehr geringe Anzahl an Baumarten. Man geht davon aus, dass die Ost-West-Ausrichtung der Gebirge wie auch die im Süden vorgelagerten Meere der Rückwanderung von Arten nach Norden nach der letzten Kaltzeit entgegenstanden. Um unsere Wälder zur Resilienz zu befähigen, halten wir es daher für notwendig, die Erhöhung der Vielfalt auf allen Ebenen aktiv zu unterstützen.
Was würde ohne diese Unterstützung passieren? Von welchen Szenarien gehen Sie aus?
Astrid Kleber: Ohne die Unterstützung zur Erhöhung der Vielfalt ist die Anpassungsfähigkeit einzelner Baumarten wie auch des Gesamtsystems Wald eingeschränkt. Durch den Klimawandel erwarten wir steigende Temperaturen, die mit einer höheren Verdunstungsrate einhergehen. Zudem ist die Zunahme von Hitzewellen und Dürrephasen in der Vegetationszeit wahrscheinlich. Diesen Veränderungen im Wasserhaushalt müssen die Bäume durch eine bessere Dürreresistenz gewachsen sein – eine größere genetische Vielfalt erleichtert es Baumarten, sich daran anzupassen. Weiterhin tragen die höheren Temperaturen wie auch eine verlängerte Vegetationszeit zu einer beschleunigten Entwicklungszeit von Insekten bei. Dies erleichtert die Massenvermehrung von natürlichen Feinden, und eine eingeschränkte Artenvielfalt spielt dem zusätzlich in die Hände. Zunehmend etablieren sich auch neue wärmeliebende Schaderreger, denen es bisher bei uns zu kalt war.
Was ist dahingehend möglich, was wahrscheinlich? Und was hat das alles mit dem Klimawandel, der weltweiten Erwärmung zu tun?
Astrid Kleber: Der globale Klimawandel hat regional unterschiedliche Auswirkungen. Beispielsweise erwärmen sich die Pole schneller als der Äquator, Küstenregionen sind durch den Meeresspiegelanstieg bedroht, Gletscher und Permafrostgebiete durch Abtauen von Eiskörpern, um nur einige Beispiele zu nennen. In Rheinland-Pfalz ist bei starkem Klimawandel eine weitere Temperaturerhöhung um 3 bis 4,5 Grad Celsius zum Ende des Jahrhunderts gegenüber dem langjährigen Mittel von 1971-2000 möglich. Gleichzeitig ist ein Rückgang der Sommerniederschlagsmengen um bis zu 30 Prozent möglich, aber umgekehrt auch eine Zunahme der Winterniederschläge um bis zu 25 Prozent. Ein Anstieg der Anzahl und Dauer von Hitzewellen ist ebenso wahrscheinlich wie eine zunehmende Anzahl an niederschlagsfreien Tagen im Sommer. Im Winter ist mit einem Rückgang der Frosttage von 80 auf 20 bis 40 zu rechnen.
Was hat das alles für Auswirkungen auf das Ökosystem Wald?
Astrid Kleber: Die klimatischen Veränderungen bringen unsere heimischen Baumarten an ihre Grenzen der Anpassungsfähigkeit. Demnach wird von den für Rheinland-Pfalz wichtigen Hauptbaumarten lediglich die Traubeneiche mit dem Klima Ende des Jahrhunderts zurechtkommen. Die Fichte wird dann flächendeckend in ganz Rheinland-Pfalz kein geeignetes Klima mehr vorfinden. Für die Kiefer sind lediglich die kühlen Mittelgebirgsregionen noch im Spektrum ihrer natürlichen klimatischen Ansprüche und auch die Buche wird in den heißesten Gebieten, den großen Flusstälern in Rheinland-Pfalz, an ihre Grenzen kommen.
Die klimatischen Veränderungen gehen auch am Pfälzerwald offenbar nicht spurlos vorüber. Worauf muss sich die hiesige Forstwirtschaft einstellen?
Ulrich Matthes: Die Forstwirtschaft im Pfälzerwald muss sich auf wärmere und – insbesondere in der Vegetationszeit – trockenere Bedingungen einstellen. Die in den vergangenen Jahrzehnten bereits um bis zu drei Wochen länger gewordene Vegetationsperiode wird sich noch weiter ausdehnen. Insbesondere das Frühjahr kann sich je nach Klimaszenario bis zum Jahr 2100 von heute Anfang März auf Anfang bis Mitte Februar verschieben.
In Verbindung mit mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre kann eine längere Vegetationszeit das Waldwachstum durchaus begünstigen, was Daten für die vergangenen Jahrzehnte belegen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass genügend Wasser verfügbar ist. Doch hier müssen wir bis Ende des Jahrhunderts mit starken Einschränkungen rechnen. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle: Höhere Temperaturen bewirken mehr Verdunstung, Tage ohne Niederschlag werden zunehmen, Trockenperioden intensiver. Auch ist ungünstig, dass Niederschläge zunehmend räumlich und zeitlich konzentriert auch als Starkregen fallen werden und nicht in den Boden eindringen können. Ein früherer Vegetationsbeginn bedeutet zudem, dass der Wasserverbrauch der Vegetation ansteigt, was bei geringerer Wasserverfügbarkeit schneller zu Stresssituationen bis hin zum Absterben von Bäumen führen kann. Und trotz zurückgehender Frostereignisse kann die Spätfrostgefahr durch früheren Austrieb ansteigen.
Und was bedeutet das für Bäume, die schon geschädigt sind?
Ulrich Matthes: Von klimatischen Veränderungen profitieren viele Krankheiten und natürliche Feinde. Sind Waldbäume zum Beispiel durch Trockenheit geschwächt, können sie diesen Widersachern nicht mehr genügend Abwehrkräfte entgegensetzen. So können einerseits bekannte, etablierte Borkenkäfer- und Prachtkäferarten ihr Areal erweitern und sich schneller vermehren. Andererseits treten neue Arten auf, wie gegenwärtig die Esskastaniengallwespe oder die Douglasiengallmücke. Meist in Kombination mit Sturmwurf und Hagelschlag kommt es dann zum Absterben von Bäumen und Lücken in der Waldlandschaft.
Auch die Waldbrandgefahr wird durch den Klimawandel ansteigen. Die bisherige Entwicklung zeigt jedoch, dass Anzahl und Fläche der Waldbrände seit Mitte des letzten Jahrhunderts nicht zugenommen haben. Das kann auf den hohen Anteil weniger brandanfälliger Laub-Mischwälder zurückgeführt werden. Insofern ist der Waldumbau zu Laub-Mischwäldern eine sinnvolle Strategie, Waldbränden und auch Schäden durch andere Extremereignisse vorzubeugen.
Kann eine veränderte, die Folgen des Klimawandels berücksichtigende Forstwirtschaft den Wald als Wirtschaftsraum in ökonomischer Hinsicht wertvoller machen? Holz ist ja jetzt schon knapp und teuer.
Ulrich Matthes: Die Unterstützung der Anpassungsfähigkeit des Waldes an den Klimawandel ist ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung ökologisch und ökonomischer stabiler Wälder. Klimaresiliente Mischwälder sind weniger anfällig gegen extreme Ereignisse und gegen Krankheiten und Insekten. Mehrere Baumarten in kleinflächiger Mischung und unterschiedliche Waldtypen in der Landschaft erhöhen die Vielfalt und senken das Risiko für ökonomische Verluste – etwa durch Schadholz sowie große Holzmengen in kurzer Zeit, die zu Ertragsverlusten führen. Auch die Mehrkosten für Verkehrssicherungsmaßnahmen und für die Wiederaufforstung geschädigter Wälder müssen in Betracht gezogen werden. Klimaangepasste, stabile Wälder können kostengünstig natürlich verjüngt werden. Sie sind Voraussetzung für die nachhaltige Erzeugung von gesundem und qualitativ hochwertigem Holz, das vorrangig in langlebigen Holzprodukten wie Häusern und Möbeln eine hohe regionale Wertschöpfung erzielen kann. Eine breite Palette an Baum- und damit Holzarten ist zudem angesichts des künftig kaum vorhersagbaren Bedarfs an Holzprodukten forst- und holzwirtschaftlich günstig. Dabei kommt es auch darauf an, die Verwendungsmöglichkeiten vor allem von Laubholz durch technologische Entwicklungen zu verbessern. In diesem Bereich passiert an den entsprechenden Hochschulen im Land derzeit Einiges.
Welche Besonderheiten sind dabei aus Ihrer Sicht für den Pfälzerwald und dessen Nutzer zu beachten?
Ulrich Matthes: Der Pfälzerwald ist Teil des deutsch-französischen Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen. Als Modellregion für nachhaltige Entwicklung hat er vielfältige ökologische und sozioökonomische Perspektiven. Die Voraussetzungen für die Anpassung an den Klimawandel sind vergleichsweise günstig. Von den Folgen des Klimawandels war der Pfälzerwald bislang weniger betroffen als andere Waldlandschaften. Dazu tragen maßgeblich ein hoher Laubbaum- und Mischwaldanteil bei und die Tatsache, dass es keine großen Nadelbaumreinbestände mehr gibt und die anfällige Fichte weniger als 10 Prozent Flächenanteil hat. Und die Waldkiefer als nach wie vor häufigste Baumart ist oft mit Rotbuche und anderen Baumarten gemischt. Mit der auch ökonomisch besonders wertvollen Traubeneiche wächst im Pfälzerwald eine Baumart, die zwar nicht risikofrei ist, aber sich ausgesprochen gut mit künftigen Klimabedingungen arrangieren kann. Aufgrund hoher Lichtansprüche und hoher Gefährdung durch Wildverbiss muss das Waldmanagement dafür sorgen, dass sich die Eiche erfolgreich verjüngen und langfristig etablieren kann.
3 Prozent der Fläche im Biosphärenreservat sind als Kernzone ausgewiesen. Auf diesen Flächen kann erforscht werden, wie sich nicht mehr bewirtschaftete Wälder auf „natürlichem“ Wege an den Klimawandel anpassen. Für die naturnahe Waldbewirtschaftung und das natürliche Anpassungsvermögen an den Klimawandel sind solche Freilandlaboratorien von unschätzbarem Wert.
Eine Besonderheit ist die vor allem im südlichen Pfälzerwald vorkommende Weißtanne, eine andere die den Haardtrand prägende Edelkastanie. Aus dem Mittelmeerraum stammend, ist sie an warm-trockene Bedingungen hervorragend angepasst. Ebenso wie die Weißtanne ist sie als klimaresiliente Mischbaumart unverzichtbar.
