Rheinpfalz Zur Sache: Schmerzmittel in Bächen und Flüssen

91-83669137.jpg

Diclofenac ist in Deutschland ein breit eingesetztes Schmerzmittel, den meisten Patienten dürfte es wohl unter dem Markennamen Voltaren bekannt sein. Niedrig dosierte Präparate, meist Salben und Gels zum Auftragen, sind nicht verschreibungspflichtig. Nach Angaben des „Deutschen Ärzteblatts“ werden in Deutschland jährlich rund 90 Tonnen des Wirkstoffs verbraucht, wodurch schätzungsweise 63 Tonnen Diclofenac über den Urin ausgeschieden und in die Kanalisation gespült würden. Die Kläranlagen sind aber nicht darauf ausgelegt, Medikamente herauszufiltern. Das wurde beispielsweise deutlich, als das Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht in Mainz 2010 erstmals Gewässer auch auf Arzneimittelrückstände untersuchte. Neun Flüsse und Bäche wurden dabei unter die Lupe genommen, darunter auch der Erlenbach in der Südpfalz und der Eckbach, der im Pfälzerwald entspringt und bei Worms in den Rhein mündet. Bei sechs dieser Gewässer lag die Diclofenac-Konzentration an den Messstellen über der von der EU vorgeschlagenen Qualitätsnorm von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Im Fall des Eckbachs waren es sogar 0,88 Mikrogramm, die Qualitätsnorm wurde damit um ein Vielfaches überschritten. Das Umweltbundesamt sieht bei Diclofenac eine „hohe Umweltrelevanz“. Weltweite Aufmerksamkeit fand in den 1990er-Jahren beispielsweise das Geiersterben in Indien und Pakistan, das – wie man heute weiß – durch mit Diclofenac kontaminierte Tierkadaver ausgelöst wurde. Der Wirkstoff war in diesen Ländern an die „heiligen Kühe“ verfüttert worden, um sie vor Arthroseschmerzen zu bewahren. Das Fressen von solchen Kadavern führte bei den Geiern zu Nierenversagen. Auch bei Regenbogenforellen wurden Nierenschäden ab einer Diclofenac-Konzentration von einem Mikrogramm pro Liter festgestellt, wie eine Untersuchung des bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft ergab. 2012 hatte das Mainzer Umweltministerium an der TU Kaiserslautern das Forschungsprojekt „Mikro_N“ initiiert, bei dem im Einzugsbereich der 125 Kilometer langen Nahe ausgewählte Mikroschadstoffe analysiert wurden. Ergebnisse wurden Ende 2015 bei einer Tagung vorgelegt, auch Diclofenac stand dabei im Blickpunkt. Eine Erkenntnis zu diesem Wirkstoff: Im südlichen und östlichen Einzugsgebiet der Nahe – also insbesondere bei der Lauter, dem Oberlauf des Glans und bei der Alsenz – gibt es über viele Flusskilometer deutliche Überschreitungen der Qualitätsempfehlung. Bei Niedrigwasser könnten sogar Belastungszustände auftreten, die für Wasserorganismen eine akute Vergiftungsgefahr darstellen. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler landen derzeit jährlich 98,8 Kilogramm Diclofenac aus der Nahe im Rhein. Ohne Gegenmaßnahmen dürften es künftig noch mehr werden. Denn aufgrund der Überalterung der Bevölkerung werde auch im Einzugsgebiet der Nahe der Verbrauch an Arzneimittel wie Diclofenac steigen. Mit einem Simulationsmodell bis ins Jahr 2050 haben die Wissenschaftler prognostiziert: Etwa 50 Prozent der Nahe-Abschnitte, die von Abwasser aus Kläranlagen beeinflusst sind, wiesen dann zu hohe Diclofenac-Konzentrationen auf. Am Rhein würde bei dieser Entwicklung eine Jahresfracht von knapp 113 Kilo ankommen. Fazit der Untersuchung: „Somit ist in Zukunft von einer Verschärfung der bereits jetzt zum Teil schon kritischen Belastung der Gewässer mit Diclofenac auszugehen.“ Vom Beispiel Nahe leiten die Wissenschaftler schließlich Handlungsempfehlungen für das ganze Land ab: Eine Reduzierung der Einträge von Mikroschadstoffen in rheinland-pfälzische Gewässer sei „aus Vorsorgegründen sowie im Sinne eines nachhaltigen Schutzes der natürlichen Wasservorkommen geboten“. (ros)

x