Kaiserslautern
Zehn Jahre nach Hannenfass-Brand: „Heute kann ich wieder lachen“ (mit Bildergalerie)
Zehn Jahre, und am Ort des Geschehens erinnert nichts mehr an diese Tragödie. An die Nacht, als alles in Flammen stand. Als eine Feuersbrunst tobte und über den Dächern der Altstadt der Himmel glühte. „Es war ein Albtraum“, sagt Theodoros Tzounis, „niemand hat gedacht, dass wir überhaupt nochmal öffnen.“ Niemand – außer er selbst. Mach’ dir keine Gedanken, wir schaffen das, will er am Morgen des Infernos seinen Bruder beruhigt haben. Und so sollte es sein. Eineinhalb Jahre später, im Januar 2018, sprudelte hier das Altbier wieder aus dem Hahn. Frisch gezapftes Krefelder, meterweise abgefüllt. Er habe allen beweisen wollen, was möglich ist, meint Tzounis heute. „Ohne eine Minute zu zweifeln.“ Optimist zu sein, also an ein gutes Ende zu glauben, das ist das eine. Das andere: alles dafür zu tun, dass das Ende auch wirklich ein gutes wird.
Tzounis, 54, ist Pächter und Wirt der Kultkneipe Hannenfass im Kaiserslauterer Zentrum. 2004 hatte er den Laden am St.-Martins-Platz übernommen, und nach allem, was passiert ist, muss man sagen: Dass das „Hanne“ in seiner Erscheinung wieder so steht, ist ein kleines Wunder. Aber der Reihe nach.
„Theo, komm schnell, es brennt!“, ruft der Mitarbeiter
Die Nacht auf den 3. Mai 2016, ein Dienstag. Es ist 1.30 Uhr, als Tzounis seine Bedienungen abrechnet, die schwere Holztür verriegelt – und geht. Im Hannenfass, so erzählt er die Geschichte heute, scheint zu dem Zeitpunkt alles in Ordnung. Dann klingelt eine halbe Stunde später das Handy. „Theo, komm schnell, es brennt!“, ruft einer seiner Angestellten. In der benachbarten Kneipe begießt das Personal gerade den Feierabend. Als Tzounis eintrifft, züngeln die Flammen in den Lautrer Nachthimmel. Der Dachstuhl und die oberen Geschosse brennen lichterloh, durch den Schankraum quillt schwarzer Rauch. Asche und Ruß, überall. Umgehend müssen Feuerwehr und Polizei die Häuser am St.-Martins-Brunnen evakuieren. Später wird ein Gutachter schreiben: Mit höchster Wahrscheinlichkeit war es ein technischer Defekt im ersten Stock, der das Feuer entfachte – ein Kabelbrand im Büro des damaligen Besitzers. Noch bis zum nächsten Abend löschen rund 100 Einsatzkräfte die letzten Glutnester. Verletzt wird niemand.
Die Schäden aber, sie sind verheerend. Treppenhäuser werden abgeriegelt, Innenhöfe gesperrt, vorübergehend müssen die Nachbarn ausziehen – so etwa die Tanzschule Marquardt. Am Unglücksort selbst, einem Fachwerkbau, sind die Holzbalkendecken verkohlt, und der historischen Fassade droht der Einsturz. Zu diesem Ergebnis gelangen drei Experten in ihren Analysen. Es bleibe nur eines, heißt es: der Abriss.
Vor dem Brunnen klaffte ein befremdliches Loch
An einem Vormittag im Mai 2026 sitzt Theo Tzounis vor seiner Kneipe, im Schatten der Markise. Zehn Jahre sei das jetzt her, verrückt. Er zeigt die Fotos jener Nacht auf dem Smartphone, die Bilder der Katastrophe. Von den zertrümmerten Scheiben. Der mit Asche bedeckten Theke. Den Pfützen von Löschwasser. Alles, was Tzounis retten konnte, waren Stühle, ein paar Bilder – und 13 Hannen-Holzfässer. Originale von 1985, als die Brauerei aus Mönchengladbach mit ihrer Kette in die Westpfalz kam. Sie schmücken noch heute das Lokal. Die Zerstörung durch den Brand beziffert Tzounis auf rund 500.000 Euro, allein in der Gaststätte unten. Insgesamt entstand ein Millionenschaden. Zum Glück, atmet der Betreiber auf, sei die Versicherung eingesprungen.
„Das ist mein Kind, meine Wohnung, mein Zuhause“, sagt der Grieche, „heute bin ich ein glücklicher Mann und kann wieder lachen.“ Nach harten Jahren, zugegeben.
Jedenfalls klafft ab Mai 2016 ein befremdliches Loch am St.-Martins-Platz 1, die Spuren des Abrisses. Der Plan: Das Gebäude soll wiederaufgebaut und der historischen Architektur nachempfunden werden. Also auch das Hannenfass. Nur 20 Monate nach dem Schock feiert Tzounis am 10. Januar 2018 die Eröffnung. Gegenüber hatte er da schon eine Lounge eingeweiht, die Kneipe aber: sein Herzstück. Und nicht wegzudenken aus der Altstadt. Wer die Schänke betritt, erkennt kaum einen Unterschied zu einstigen Zeiten. Der Schreiner der ursprünglichen Holzeinrichtung, den Tzounis aufgespürt hatte, baute sie ihm detailgetreu nach. Aus Italien ließ der Wirt sogar die roten Fliesen liefern. „Alles wie früher“, sagt er, „das hatte ich mir versprochen.“ „Tausende Nachrichten und Anrufe“ habe er nach dem Unheil bekommen, Zuspruch von Freunden und Gästen aus aller Welt. Spenden oder Hilfen jedoch, die hat er laut eigenen Worten nie annehmen wollen.
„Im Hannenfass bleibe ich, bis ich sterbe“
Heute hat die Altstadt ihre kultige Bierkneipe längst zurück. Alles im Hannenfass steht, als wäre damals, im Mai 2016, nie etwas geschehen. Am vorigen Montag lud Theo Tzounis deshalb zur großen „Blaulicht-Party“ ein – um an den Schrecken jener Nacht vor zehn Jahren zu erinnern. Um den Kampf von Feuerwehr und Polizei zu würdigen.
„Im Hannenfass bleibe ich, bis ich sterbe“, sagt der Wirt noch, „das ist mein Leben.“ Und selbst wenn nicht, die Zukunft der Gaststätte scheint sicher. Tzounis’ beiden Söhne sind bereits eingestiegen ins Geschäft.