Rheinpfalz Was geht noch?

91-72981313.jpg

NEUSTADT. Der Pfälzerwald-Verein (PWV) will sein Tausende Kilometer umfassendes Netz markierter Wanderwege durchforsten. Es soll sowohl den heutigen Anforderungen von Ausflüglern und Feriengästen als auch den Möglichkeiten des Vereins angepasst werden. Diese Herkulesaufgabe geht mit großem Elan die seit März amtierende PWV-Hauptwegewartin Tina Stöckel an.

Jeder, der durch die Pfalz wandert, kennt sie: Bunte Striche, Punkte, Dreiecke oder Kreuze, die meist an Bäume gepinselt sind und zeigen, wo es lang geht. Das Grundkonzept stammt aus dem Jahr 1896 und gilt im Prinzip bis heute. Danach führen beispielsweise alle Kreuz-Markierungen über Johanniskreuz. Vor allem aber kennzeichnen die vom PWV seit seiner Gründung im Jahre 1902 hingebungsvoll gehegten und gepflegten Wegzeichen Strecken, die für Mehrtages-Touren gedacht waren. Beispiel rotes Kreuz: Diese Markierung führt von Aschaffenburg bis zur Burg Lichtenberg bei Kusel. Davon wird der 130 Kilometer lange pfälzische Bereich von den PWV-Wegewarten betreut. Bis in die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein waren mehrtägige Rucksacktouren über solche Fernwanderwege durchaus ein Renner, erläutern PWV-Geschäftsführer Bernd Wallner und Tina Stöckel. Dann kamen Rundwege mehr und mehr in Mode, die an einem Tag oder vielleicht sogar an einem Nachmittag zu bewältigen sind und auf denen unterwegs möglichst eine gemütliche Hütte zum Einkehren einlädt. Manche Abschnitte auf den einst zur Erschließung der Region gedachten Fernlinien sind auch heute noch ausgesprochen beliebt. Andere hingegen scheinen von Ortsunkundigen, die auf Wegmarkierungen angewiesen wären, kaum noch begangen zu werden. Beispiel das erwähnte rote Kreuz: Der etwa 30 Kilometer lange Abschnitt zwischen Speyer und Edenkoben mag bei Einheimischen gefragt sein, so Wallner und Stöckel. Doch die kennen sich mit den Örtlichkeiten aus. Auswärtige hingegen scheinen diese Route kaum noch unter die Wanderstiefel zu nehmen. Ähnlich dürfte es sich beim Abschnitt Landstuhl – Burg Lichtenberg der Rotes-Kreuz-Route verhalten, vermuten die beiden Pfälzerwäldler. Vor allem in den Randbereichen des PWV-Streckennetzes scheinen einzelne Passagen von Ortsunkundigen nur noch selten aufgesucht zu werden. So etwa die nördlichen Abschnitte des weißen und des blauen Kreuzes, die von Niederhausen an der Nahe durch die Nordpfalz und den Pfälzerwald bis nach Frankreich führen. Hinzu kommt, dass die neuen Prädikatswanderwege auch in der Pfalz wie Pilze im Herbst aus dem Boden schießen. Für sie rühren die Tourismusorganisationen kräftig die Werbetrommel („Wanderwunder Rheinland-Pfalz“ oder „Wandermenü Pfalz“), was die Neugier von Urlaubern und Ausflüglern weckt. Damit geraten die traditionellen Strecken allerdings noch mehr ins Hintertreffen. Und schließlich fällt es dem PWV, ähnlich wie vielen anderen Organisationen, immer schwerer, Ehrenamtliche für arbeits- und zeitintensive Vereinsaktivitäten zu gewinnen und dauerhaft zu motivieren. Zumal bei den Prädikatswanderwegen die Markierungsarbeiten wie das Aufstellen von Schildern beziehungsweise der Ersatz von verschwundenen Wegzeichen nach Wallners Worten mit 15 bis 20 Euro pro Kilometer honoriert würden. Demgegenüber gebe es für das Aufmalen der von den PWV-Wegewarten unterhaltenen Striche, Kreuze und Punkte nur ein Dankeschön. Vielerorts ist kaum noch ein Nachfolger zu finden, wenn alters- oder berufsbedingt ein Wegewart Pinsel, Farbtöpfe und Schablonen aus der Hand legt. Tina Stöckel will deshalb versuchen, eine Art „Markierungs-Feuerwehr“ aufzubauen. Die könnte aushelfen, wenn irgendwo mal Not am Mann ist. Wenn dies gelingen sollte, wäre das „der Idealzustand“, fügt der PWV-Geschäftsführer hinzu. Die Erfahrung lehrt ihn freilich, dass die Erhaltung der Wegzeichen auch deshalb ein schwieriges Geschäft ist, weil dabei der Wandel so ziemlich das einzig Beständige ist. So komme es vor, dass eben noch eine PWV-Ortsgruppe über ein aktives Team verfüge, das auch Strecken der Nachbarvereine übernehmen könnte. Doch dann werde der eine Markierer krank, müsse der andere aus familiären Gründen kürzertreten und ziehe der dritte weg, weil er eine neue Arbeitsstelle gefunden hat. Und schon ist die Personaldecke wieder verdammt kurz. Vor diesem Hintergrund hat der PWV-Hauptvorstand intensiv über die Notwendigkeit diskutiert, das 4000 bis 5000 Kilometer umfassende Fernmarkierungsnetz des Vereins zeitgemäßer zu gestalten. Dabei soll „nichts über die Köpfe der Ortsgruppen hinweg“ laufen und „niemandem etwas weggenommen“ werden, betonen Stöckel und Wallner. Vielmehr solle unter zwei Gesichtspunkten ein allgemeiner „Denkprozess“ im Verein angestoßen werden: Der Verein hat sein Gebiet seit langem in 20 Wegebezirke aufgeteilt. Die noch aktiven Bezirke sollen in einem ersten Schritt um eigene Vorschläge gebeten werden, welche Routen nach ihren Kenntnissen nicht mehr gefragt beziehungsweise wo schlicht keine Wegewarte mehr vorhanden sind. Diese Vorschläge sollen dann als erste Bestandsaufnahme von Hauptwegewart Tina Stöckel und Geschäftsführer Bernd Wallner zusammengefasst werden. Anschließend wird es Aufgabe des Hauptvorstandes sein, darüber zu diskutieren, inwieweit die Ergebnisse ausreichend und sinnvoll sind. Parallel dazu sollen die Ortsgruppen bei den nächsten Bezirksversammlungen über das heikle Thema informiert werden. Davon erhofft sich der Hauptvorstand einen groben Überblick über das Meinungsspektrum. Verläuft alles nach Plan, könnten erste Überlegungen bei der Mitgliederversammlung des Gesamtvereins im saarländischen Neunkirchen vorgestellt werden, die für den 19. März terminiert ist.

x