Kultur Südpfalz Warum kocht dieser Mann?

Placeholder-Image

Mit dem Engagement der türkisch-deutschen Kabarettistin Senay Duzcu haben die Gleichstellungsbeauftragten der Region zum wiederholten Mal einen Volltreffer gelandet. „Ausverkauft“ hieß es am Freitag wieder einmal für eine Veranstaltung im Programm der Reihe „Brot und Rosen“.

In einem schlichten kurzen schwarzen Rock und roter Bluse, eine rote Blüte ins lange schwarze Haar gesteckt, erscheint Senay Duzcu auf der Bühne im Herxheimer Chawwerusch-Theatersaal und verkündet, dass sie oft gefragt werde: „Sind Sie wirklich eine echte Türkin? Das sieht man gar nicht.“ Zwei Stunden lang plaudert die Deutsch-Türkin ganz ungeniert über Kulturunterschiede, deckt daraus entstehende Missverständnisse und Vorurteile auf. Zum Beispiel wenn sie erklärt: „Die Türkin in mir sagt: Mein Hintern ist schön, die Deutsche in mir sagt: Mein Hintern ist groß, die Deutsch-Türkin in mir sagt: Mein Hintern ist schön groß.“ Mit weiteren Beispielen im öst-westlichen Vergleich hatte sie schnell das lach- und spaßbereite Publikum auf ihrer Seite. „Die Türkin in mir kommt immer zu spät zur Arbeit, die Deutsche in mir macht immer pünktlich Feierabend.“ Das einzige deutsche Unternehmen, das südländisch geführt werde, sei die Deutsche Bahn als Vorbild für Verspätungen. Sie beobachtet Menschen und ihr Verhalten im Alltag und spinnt daraus ihre Witze. In Herxheim stellt die griesgrämige deutsche Klamottenverkäuferin mit dem Sprich-mich-bloß-nicht-an-Blick einem türkischen Teppichhändler gegenüber, der sich überschwänglich in Komplimenten ergeht, sich den Mund fusselig redet und die Kunden mit Tee und Gebäck indirekt nötigt, irgendetwas zu erwerben. Senay Duzcu macht sich lustig über die ewig Gestrigen in Deutschland, die immer noch denken, die Osmanen stehen vor Wien: „Dabei sind wir schon im Ruhrgebiet“, lästert die Wahl-Kölnerin, die in Dortmund Architektur studiert hat, bevor sie ins komische Bühnenfach wechselte, und stellt ihren Herkunftsort Duisburg als „viertgrößte Stadt der Türkei“ vor. Die Deutsch-Türkin nimmt auch frauenpolitische Themen aufs Korn, wenn sie Respekt vor der Kanzlerin äußert, die Fragen und Kritiken zum Beispiel über ihren Kleidungsstil über sich ergehen lassen muss, die einem männlichen Pendant nie gestellt würden. Zur Freude ihres spaßbereiten Publikums demonstriert die bekennende Muslima selbstironisch ihr „Bio-Kopftuch“, das sie immer bei sich trägt. Herzhaftes Lachen aus dem Publikum erntet die Kabarettistin auch für den türkischen Akzent beim Nachahmen des entsetzten Ausrufs ihrer Oma aus Ostanatolien, als diese zum ersten Mal im Fernsehen eine Kochsendung schaute: „Warum kocht dieser Mann! Ist seine Frau gestorben?“ Einen der wenigen Männer unter vielen Frauen aller Altersgruppen im Chawwerusch-Theatersaal holte sich Senay Duzcu zum Abschluss auf die Bühne. Der Handwerker Manfred aus Herxheim durfte nach ausgiebiger Anleitung und mit viel Unterstützung der singenden Frauen zur lustig deutsch umgetexteten Melodie von „YMCA“ die Buchstaben „ADHS“ tanzen. Aber damit war es Senay Duzcu nicht genug: Am Ende des kurzweiligen zweistündigen Programms ließ sie zu orientalischer Musik den ganzen Saal Bauchtanz üben. Nach anfänglicher Zurückhaltung begleitete begeisterter Schlussapplaus die Kabarettistin von der Bühne: Als die Stand-up-Komödiantin zu Beginn erwähnte, sie dachte in „Hexenheim“ gelandet zu sein, reagierten die Gäste geniert – und dann passierte es auch noch, dass Senay Duzcu verdutzt vernehmen musste, dass es in Herxheim nicht einen einzigen türkischen Gemüseladen gibt. (srs)

x