Rheinpfalz Vom Pfadfinder-Virus infiziert
„Infiziert“! Überall im Dorf hängen Wegweiser mit dieser Vokabel. „Infiziert“? Wer? Womit? Und warum? Die kleinen Schilder zeigen den Weg hoch zum Jugendzeltplatz im Stopper. Ihm folgten am verlängerten Wochenende mehr als 600 Kinder und Jugendliche aus dem Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), der im Stopper sein Landeslager Rheinland-Pfalz/Saar (RPS) abhält. Das Lagermotto heißt: „RPS infiziert“. Es durchzieht als roter Faden und als Spielidee die vier Tage im Wasgau.
Also: Wovon sind die Pfadfinder infiziert, die aus 50 Stämmen und aus ganz Rheinland-Pfalz und dem Saarland nach Hauenstein gekommen sind? Die Landesführer Phil Wendel (Wachenheim) und Jan Paulus (Saarbrücken) nennen Symptome: „Zusammenhalt und Gemeinschaft“, sagt Phil, „Naturverbundenheit und Solidarität“, ergänzt Jan, „Freude und Spaß an der Jugendarbeit und am Ehrenamt“, fügt Patrick Franz (Saarbrücken) an, der die Öffentlichkeitsarbeit im Lager verantwortet. Und rund um dieses Virus haben die Verantwortlichen eine Spielidee kreiert: Dazu hat sich unter der Leitung von „Frau Professor Dr. Bazilli“ ein „Ärzteteam“ gebildet, das den „Infizierten“ zunächst eine „Gruppentherapie“ verordnet. Die Lagerteilnehmer, unter denen sich auch Pfadfinder aus Simbabwe, Israel und der Schweiz befinden, teilen sich in 30 altersspezifische Gruppen und werden kräftig durchgemischt. Beim „Blindenfußball“, bei einem Riech- und Fühlparcours, beim Aufbau einer Kohte mit verbundenen Augen beispielsweise lernt man sich kennen. Diese Gruppen, in denen nur jeweils zwei Pfadis aus einem Stamm sind, gehen am Freitag auf die Suche nach Ingredienzen für eine Medizin, die der Infektion angemessen ist. Auf Wandertouren zwischen acht und 16 Kilometern Länge – gestaffelt nach dem Alter – machen sich die Gruppen und der Leitung eines „Docs“ auf die Suche beispielsweise nach Sumpfalgen, Cellubastose oder getrockneter Digitalis, die sie an rund 20 im Wald verteilten Stationen finden und erwerben können. Die Zutaten werden im „Gesundheitsamt“ abgegeben, getauscht – oder bei einem „Schmugglerspiel“ abgegriffen. Daraus mixen Professorin Bazilli und ihre Kollegen schließlich einen „Zaubertrank“. Zum Lagerprogramm gehören Andachten, in die sich die Teilnehmer einbringen, es gibt natürlich klassische Lagerfeuer, die dezentral von Stämmen und Gauen befeuert werden und an denen Lieder aus dem lagereigenen Liederbuch gesungen werden. Es gibt einen Lagerkiosk, ein „Labor“ darf nicht fehlen. Das Lager betritt man durch ein aus Holzstämmen gezimmertes Tor, hinter dem es nur so wuselt: Hier werden Zutaten für den ultimativen Zaubertrank getauscht, dort wird zur Gitarre gesungen, hier köchelt Grießbrei auf dem Feuer, im Büro wird an der täglich erscheinenden Lagerzeitung gearbeitet, dort wird gespielt … „Alles ganz super! Ganz toll“, ist der zehnjährige Henning vom Stamm Herigar aus Meckenheim bei Bonn ganz begeistert von Lagerleben, Programm und Landschaft. Und so erleben auch die Besucher, die am Samstag der Einladung zum Besuchertag folgen, das Lager: Ein Kubb- und ein Minifußballturnier werden ausgespielt, es gibt eine Ausstellung zur Pfadfinderhistorie, die Bundesvorsitzende Jule Lumma (Mannheim) stellt sich den Fragen der Pfadfinder, ein Spielmobil spuckt Hunderte Spielgeräte aus, ein Erste-Hilfe-Kurs läuft, ein „Eros-Würfel“ bietet Speed-Dating. Das Lager war ausgeschrieben für die Pfadfinderstufe für Zehn- bis 16-Jährige. Der jüngste Teilnehmer freilich ist gerade 17 Monate alt, trägt aber schon stolz das Klufthemd mit der Lilie. 83 Jahre ist der Älteste, der sich mit vielen anderen (noch aktiven) Ehemaligen samt Familien im Lager einfindet. Seit März 2015 hat die Landesleitung an der Vorbereitung des Landeslagers gearbeitet, 100 Leiter haben an der Organisation der verschiedenen Bereiche – vom Programm über die Technik bis zum Lageraufbau – mitgewirkt. Eine Gruppe von 30 Pfadfindern war sechs Tage vor Lagerbeginn vor Ort und hat in 700 Arbeitsstunden mit nicht weniger als 83 Kohten, 30 Jurten, 17 Großjurten, 12 Hochkohten 2750 Quadratmeter überdachte Zeltfläche geschaffen und dabei 1500 Meter Stangenholz und fast 1000 Zelt-Heringe verbaut – Platz für 600 Kinder und Jugendliche. Und auch dieser großen Zahl ist die Infrastruktur, die der Zeltplatz bietet, gewachsen: „Da passt alles!“, fasst Phil Wendel zusammen. Ach ja: die Infektion! Der Zaubertrank, der bei der Lagerabschlussrunde gereicht wurde, hat zusammen mit den vielen Gemeinschaftserlebnissen des Lagers die gefährlichen Auswirkungen des Virus erfolgreich bekämpft und die positiven Effekte der „Infektion“ verstärkt: Und so wirkt dieses Pfadfinder-Virus in die Arbeit der Stämme hinein. Und nichts anderes hatte man ja bezweckt.