Interview
Villa Musica mit Vivaldi in Landau
Die erste Frage ist vielleicht etwas provokant, aber bei diesem Projekt womöglich naheliegend. In dem Konzert spielen nur Frauen, so wie einst beim „roten Priester“ im Ospedale della Pietà in Venedig. Musizieren Frauen anders als Männer?
Leopold Mozart hat 1784 geschrieben: „Überhaupt finde ich, dass ein Frauenzimmer, das Talent hat, mehr mit Ausdruck spielt als eine Mannsperson.“ Ich persönlich glaube das nicht. In der instrumentalen Welt, in der Kunst insgesamt, sehe ich keinen Unterschied – wirklich keinen. Da zählt nur die künstlerische Persönlichkeit. Aber Vivaldi hat im Ospedale della Pietà in Venedig genau das getan: Er hat in jeder jungen Frau, die er unterrichtet hat, ihre künstlerische Persönlichkeit geweckt und entwickelt, und das tue ich auch bei der Villa Musica. Als ich nun mit einer kleinen Camerata aus unseren Stipendiaten die „Vier Jahreszeiten“ aufführen wollte, kam mir fast intuitiv der Gedanke: „Jetzt wäre einmal der Moment, ein reines Frauenorchester auszuprobieren.“ Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ habe ich in den unterschiedlichsten Sälen und mit sehr verschiedenen Orchesterbesetzungen aufgeführt. Die Idee eines reinen Mädchenorchesters fand ich auf Anhieb spannend – und ich wollte wissen, wie sich das anfühlt und wie sich die Dynamik entwickelt. Denn es sind alles junge Musikerinnen, und ich beschäftige mich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema Frauen, „Frauen in der Musik“ in künstlerischen und führenden Positionen. Frauen unter sich – das ist einfach eine eigene Welt. Die Atmosphäre ist eine andere, die Dynamiken sind anders, und es ergeben sich besondere Formen des Miteinanders. Deshalb hat mich diese Geschichte rund um das Mädchenorchester des Ospedale della Pietà in Venedig immer zutiefst fasziniert und bewegt.
Sie spielen Solopart im „Winter“. Was gefällt Ihnen besonders an diesem Konzert?
Mir gefallen alle vier Konzerte der „Jahreszeiten“: Jedes Konzert hat seine Besonderheit. Es ist ein reiner Zufall, dass ich nun den „Winter“ spiele. Zuerst habe ich an unsere jungen Künstlerinnen gedacht und erst ganz am Ende an mich selbst. Wenn ich aber etwas hervorheben soll, dann ist es im „Winter“ ganz eindeutig der zweite Satz. Dieser Satz ist von einer so traumhaften Schönheit, so himmlisch und zart, dass er mich jedes Mal aufs Neue tief berührt.
Wir wollen nichts vorwegnehmen, aber beim langsamen Satz des Winters, auch meines Erachtens einer der schönsten des ganzen Zyklus, gehen die Interpretationen weit auseinander. Wie stark (und schnell) regnet es bei Ihnen?
Das ist tatsächlich eine der schönsten Fragen, die mir bisher gestellt wurden. Bei mir regnet es eher langsam. Ich liebe Regen. Von meinem Wesen her würde ich mich als romantischen Menschen bezeichnen, und schon als Kind hatte der Regen für mich etwas zutiefst Poetisches. Für mich hat Regen eine große Romantik – besonders dann, wenn er sanft und ruhig fällt.
Die Bandbreite der Deutungen des Zyklus ist ja mittlerweile sehr sehr groß. Die Version von Punk-Geiger Nigel Kennedy, die vormals Furore machte, mutet längst geradezu gediegen an. Was ist Ihr Stilideal und haben Sie Vorbilder für Ihre Interpretation?
Ja, das ist das Schönste an der Kunst: Sie ist frei. Jeder Künstler, jede Künstlerin gestaltet aus dem eigenen Empfinden heraus – und genau darin liegt die Einzigartigkeit. Ich würde niemals sagen: „Das ist eine gute Interpretation und das ist eine schlechte.“ Wir haben heute eine wunderbare Vielfalt an Stilidealen und Ausdrucksformen. Wenn eine Interpretation gut gearbeitet ist, wenn sie überzeugend wirkt und authentisch ist, dann ist sie wertvoll. Und deshalb möchte ich unsere eigene Interpretation auch nicht im Voraus definieren. Ich würde vielmehr sagen: Lassen Sie sich überraschen. Kommen Sie ins Konzert und erleben Sie unsere „Jahreszeiten“ ganz unmittelbar und persönlich.
Bei barocken Konzerten spielen Improvisationen und Verzierungen eine wichtige Rolle. Legen Sie diese mit den Stipendiatinnen fest? Oder gibt es an jedem Abend andere Lösungen?
Auch wenn wir heute nicht mehr in der Barockzeit leben und sich das Instrumentalspiel sowie die gesamte Art des Musizierens über die Jahrhunderte enorm weiterentwickelt haben – technisch, klanglich, aber auch im gesamten musikalischen Denken – ist es dennoch wichtig, sich dem historischen Stil bewusst anzunähern. Wir versuchen, uns dem barocken Stil so weit wie möglich anzupassen, auch innerhalb einer modernen Interpretation. Wir suchen immer eine Verbindung: die Authentizität des Barockstils einerseits und die Möglichkeiten unserer heutigen Instrumente und unseres heutigen musikalischen Ausdrucks andererseits. Natürlich legen wir vieles schon in den Proben fest – das passiert nicht spontan während des Konzerts. Spontaneität gibt es in der musikalischen Energie, im gemeinsamen Atmen und im Ausdruck, aber stilistische und interpretatorische Grundentscheidungen entstehen vorher.
Sie spielen wahrscheinlich auf modernen Instrumenten. Nutzen Sie aber eventuell Barockbögen?
Ich spiele kein modernes Instrument – ich spiele auf einer wunderschönen alten italienischen Geige. Allerdings verwende ich keinen Barockbogen; Ich bin also keine Barock-Spezialistin. Aus Neugier probiere ich zwar gelegentlich einen Barockbogen aus, aber konzertieren würde ich damit nicht.
Wie entstand das Programm, das ja neben Konzerten auch ein geistliches Werk, das „Salve Regina“, enthält?
Gesang habe ich immer geliebt. Mein erster Bühnenauftritt überhaupt war als Sängerin – mit fünf Jahren, bei einem Kinderfestival. Parallel zur Geige habe ich als Kind und später als junges Mädchen immer auch gesungen, Gesangsunterricht genommen und mich sehr für die Gesangswelt und die Oper interessiert. Der Gesang hat mich mein ganzes Leben hindurch begleitet und mich immer beflügelt. Das war für mich nie ein Gegensatz zur Geige, sondern eine Ergänzung – und gerade in diesem „Salve Regina“ von Vivaldi kann man das wunderbar hören, weil hier Solovioline und Sopran im Dialog agieren. Außerdem war es mir wichtig, daran zu erinnern, dass Vivaldi auch ein Meister der Kirchenmusik war. Und als Einstimmung auf Weihnachten ist dieses innige Gebet an die Gottesmutter einfach unübertrefflich.
Hat Vivaldi 440 Mal das gleiche Konzert komponiert? Werden Sie das Gegenteil beweisen und was ist das Besondere seiner Musik?
Ich denke, diese Aussage von Strawinsky war ein bösartiger Witz. Jeder Komponist besitzt nun einmal seine eigene Handschrift, seine charakteristischen Merkmale – und genau das macht große Musik aus. Man erkennt Mozart sofort, man erkennt Beethoven sofort, und genauso erkennt man Vivaldi. Er war ein großartiger, hochinspirierter Komponist mit einer beeindruckenden Vielfalt. Sein Werk ist enorm umfangreich und von einer faszinierenden Bandbreite.
Sie haben in Landau schon gespielt, zum Beispiel im Alten Kaufhaus. Haben Sie Erinnerungen an das Publikum hier und die Stadt?
Ja, natürlich habe ich in Landau gespielt, und ich erinnere mich sehr gut daran. Die Konzertreihe dort ist wunderschön, und das Publikum ist unglaublich warmherzig – ein wirklich wunderbares Publikum. In meiner neuen Position als Künstlerische Leiterin der Villa Musica freut es mich besonders, dass wir hier viele Konzerte veranstalten und eine enge Verbindung zur Stadt pflegen. Ich finde diesen Ort und seine Umgebung einfach außergewöhnlich schön. Die Landschaft, die Weinberge, die Atmosphäre – das alles ist für mich wie ein kleines Paradies. Wir sind mit unseren Konzerten auch in Edenkoben vertreten, und die ganze Region bedeutet mir sehr viel.
Und eine letzte Frage: Dirigieren sie auch und werden Sie bei dem Vivaldi-Programm auch als Dirigentin auftreten?
Nein, ich dirigiere nicht. Ich leite das Ensemble vom ersten Geigenpult aus, wie es auch Vivaldi in seinem Orchester getan hat. Als Dirigentin bin ich nie aufgetreten, und ich sehe mich auch nicht in dieser Rolle. Ich habe jedoch viel Erfahrung darin, ein Orchester vom Konzertmeisterpult aus zu führen – sogar große Sinfonieorchester. Diese Form des Leitens empfinde ich als etwas sehr Schönes. Man gestaltet nicht nur mit Gestik und Körpersprache, sondern beeinflusst durch das eigene Spiel parallel das gesamte musikalische Geschehen. Für mich ist das eine wunderbare und sehr direkte Art der künstlerischen Leitung.
Termin
Das Villa-Musica-Meisterklänge-Konzert „Vivaldi im Advent“ ist am Mittwoch, 3. Dezember, um 20 Uhr in der Festhalle in Landau. Wie Antonio Vivaldi vor 300 Jahren, leitet Ervis Gega ein Ensemble aus lauter jungen Virtuosinnen. Die Mainzer Professorin und künstlerische Leiterin der Villa Musica Rheinland-Pfalz hat die besten Geigerinnen der Kammermusik-Stiftung ausgewählt, um Werke von Vivaldi gemeinsam mit der Sopranistin Jeeho Park zum Klingen zu bringen. Mit dabei sind Giulia Rimonda aus Italien, Elisso Gogibedaschwili aus Österreich, Xixi Gabel aus China und Sophi Rochlin aus Israel. Neben den „Vier Jahreszeiten“ erklingen das „Salve Regina“, das a-Moll-Doppelkonzert aus „L’Estro armonico“ sowie zwei Streicherkonzerte. Eine Konzerteinführung mit Ervis Gega ist um 19.20 Uhr im Kleinen Saal der Festhalle. Eintrittskarten sind im Büro für Tourismus im Landauer Rathaus sowie unter www.landau.de/tickets erhältlich.