Rheinpfalz Viele Jahre vergeblich versucht, zu vergessen

Das Haus in der Bahnhofstraße 39 in Kusel um 1927. Hier wohnte Erwin Weil als Kind und Jugendlicher und von 1923 bis 1925 auch J
Das Haus in der Bahnhofstraße 39 in Kusel um 1927. Hier wohnte Erwin Weil als Kind und Jugendlicher und von 1923 bis 1925 auch Jakob Chaim Dominitz.

«Kusel.» 80 Jahre sind es her, dass die Nationalsozialisten rassistisch motivierte Menschenjagden veranstalteten, jüdische Mitbürger in Konzentrationslager warfen, in Städten und Dörfern Synagogen, Bethäuser, jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstörten. „Reichskristallnacht“ nannten die Täter den 9. und 10. November 1938 beschönigend. 2008 hat ein „Bündnis gegen Rechtsextremismus“ die damaligen Vorgänge in Kusel aufgearbeitet und in dem Buch „… auf Lastwagen fortgeschafft“ dokumentiert. Wichtige Hinweise dazu konnte Erwin Weil geben, der die Geschehnisse selbst miterlebt hat.

Der 1925 geborene Erwin Weil, Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlich getauften Mutter, lebte mit seiner Großfamilie damals in der Bahnhofstraße 39, in dem Geschäftshaus Weil/Sommer. Nach den Terrorakten des 10. November 1938 und einer mehrwöchigen Ausweisung aus der Stadt Kusel sollte er eigentlich mit einem Kindertransport der jüdischen Reichsvereinigung nach Palästina oder in die USA gebracht werden, aber das Vorhaben scheiterte. Der Vater verstarb 1939, und nach Kriegsbeginn kam Erwin in München in einer „Anlernwerkstatt“ der Reichsvereinigung unter – Juden durften keine echte Lehre machen. Diese Werkstatt unterstand allerdings der Gestapo. Mehrfach mussten die Anlernlinge bei der Zusammenstellung von Transporten jüdischer Menschen in den Osten helfen. Nach der Auflösung der Werkstatt 1942 kam Erwin Weil nach Kusel zurück, wo er zur Herstellung von Sprenggranaten bei der Firma Greis dienstverpflichtet wurde. Den Abtransport seiner Großmutter ins Konzentrationslager Theresienstadt musste er mit ansehen; sie kam nicht mehr zurück. Schließlich wurde er selbst im November 1944 in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar eingeliefert, das im April 1945 von der amerikanischen Armee befreit wurde. Nach dem Krieg heiratete Erwin Weil eine Frau aus Kusel, das Ehepaar bekam einen Sohn und erwarb ein Wohnhaus in der Stadt. Mit seiner Familie hat er nie über die Ereignisse während des Dritten Reiches gesprochen; er wollte sie nicht mit den schlimmen Erinnerungen belasten, die ihn selbst aber zeitlebens bedrückten: „Viele Jahre habe ich versucht zu vergessen und zu verdrängen. Aber schon lange weiß ich, dass das nicht geht.“ Bei der Erarbeitung des Gedenkbuches im Jahr 2007 berichtete Erwin Weil auch von einem polnischen Juden, der während der Weimarer Republik mehrere Jahre lang in Kusel gewohnt habe und später, nach Kriegsbeginn, von den Nazis wohl in Polen umgebracht worden sei. Die Nachforschungen erbrachten dann überraschende Ergebnisse. Jakob Chaim Dominitz (gesprochen: Dominitsch) war 1901 in der polnischen Gemeinde Dukla geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg wanderte er nach Deutschland aus und wohnte zunächst in Frankfurt am Main. Von dort aus zog er im März 1923 nach Kusel und fand eine Wohnung im Hause Bahnhofstraße 39, also im Gebäude Weil/Sommer, wo im Juni 1925 Erwin Weil zur Welt kam. Dominitz lebte zwei Jahre hier, dann zog er nach Kaiserslautern, kehrte im Januar 1929 aber wieder nach Kusel zurück. Wo er dann wohnte, ist nicht bekannt. Im November 1930 heiratete er die damals 24-jährige, im polnischen Radomysl geborene Breindel (Berta) Sturm. 1931 verlegte das Ehepaar seinen Wohnsitz dann nach München. Im April 1933 kam die Tochter Eleonore zur Welt. Bis Herbst 1938 betrieb Jakob Chaim Dominitz in München einen Kleinhandel mit Wäsche. Im Jahr 1938 zogen sich jedoch über den polnischen Juden, die sich im Ausland aufhielten, Gewitterwolken zusammen. Mit der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich am 12. März 1938 veränderte sich die Situation der in Deutschland lebenden Juden entscheidend, da sie einen nachhaltigen Einfluss auf die Einwanderungspolitik vieler Länder hatte. Nun, da Österreich nicht mehr als Zufluchtsort für Juden in Frage kam, weil das Land jetzt ebenfalls der nationalsozialistischen Judenpolitik unterlag, befürchteten die Nachbarstaaten einen noch größeren Zustrom jüdischer Emigranten, wovor sie sich durch Verschärfung ihrer Einreisebestimmungen schützen wollten. Anders jedoch als in der Schweiz, in Frankreich oder in Großbritannien richteten sich in Polen die Maßnahmen gegen eigene Staatsbürger, die sich außerhalb des Landes aufhielten. So sah das am 31. März 1938 vom polnischen Parlament verabschiedete Gesetz die Möglichkeit vor, allen polnischen Staatsbürgern, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland lebten, die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Das betraf in Deutschland etwa 30.000 und in Österreich etwa 20.000 polnische Juden. Die polnische Regierung wollte mit allen Mitteln einer Massenausweisung aus dem Deutschen Reich zuvorkommen. Als die neuen polnischen Bestimmungen in Berlin bekannt wurden, erhielten ab 27. Oktober 1938 tausende polnischer Juden im Deutschen Reich einen Ausweisungsbefehl, wurden verhaftet und mit größter Eile entweder zu Fuß oder in Sammeltransporten über die polnische Grenze abgeschoben. Das war die sogenannte Polen-Aktion gegen die Juden. Von dieser Aktion war übrigens auch eine gewisse Familie Grünspan betroffen. Um auf das Unrecht an seinen Eltern aufmerksam zu machen, erschoss am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris der junge polnische Jude Herschel Grünspan den Legationsrat Ernst Eduard vom Rath. Die Nationalsozialisten nutzten die Tat als propagandistischen Vorwand für die Pogrome am 9. und 10. November 1938 in ganz Deutschland. Der Ausweisungsbefehl gegen die polnischen Juden ließ den deutschen Behörden jedoch Interpretationsspielraum, so dass sich die Art und Weise der Durchführung durchaus unterschied. Wurden in einer Region ganze Familien aus ihren Wohnungen geholt, traf es anderenorts nur die männlichen Mitglieder. In München wurden die Vorschriften offenbar so ausgelegt, dass vor allem die Männer abgeschoben werden sollten. Jedenfalls heißt es im „Biografischen Gedenkbuch der Münchener Juden 1933-1945“ in Bezug auf Jakob Chaim Dominitz: „Er entging der Aktion gegen die polnischen Staatsbürger im Oktober 1938. Er wurde zu Hause nicht angetroffen, als man ihn verhaften wollte.“ Dominitz befand sich an diesem Tag tatsächlich nicht in München – sondern in Kusel. Das berichtete Erwin Weil. Dominitz hielt sich diesmal aber nicht in der Bahnhofstraße 39 auf, sondern zunächst bei seinem Glaubensgenossen Artur Steiner im kleinen Häuschen im Hinterhof der Marktstraße 20. Wo er nach der Einweisung Steiners ins KZ Dachau am 10. November 1938 und der Ausweisung von Mathilde Steiner aus Kusel unterkam, ist unbekannt. Er hielt sich nach Angaben von Erwin Weil jedenfalls bis zum Beginn des Krieges im September 1939 in Kusel auf. Im polizeilichen Melderegister der Stadt München erfolgte derweil unter seinem Namen der Eintrag „Emigrationsdatum 10.4.1939, Ziel: Krakau“. Für die Ehefrau und die Tochter folgte etwas später der Eintrag „Emigration 25.4.1939, ebenfalls Krakau“. Damit musst angenommen werden, dass Ehefrau und Tochter Eleonore nach Polen abgeschoben worden sind. Jakob Chaim Dominitz wurde dagegen, so Erwin Weil, kurz nach Beginn des Krieges in Kusel festgenommen, nach Kaiserslautern gebracht und von dort aus zusammen mit Anderen auf einem Lastwagen nach Polen transportiert. In einem polnischen Dorf, so habe man später gehört, hätte das Wachpersonal die Gefangenen in eine Kirche getrieben und diese angesteckt. Weil die letzte Nachricht aber nur auf Hörensagen beruhte, waren weitere Nachforschungen notwendig: beim Landesarchiv Speyer, beim Bundesarchiv Berlin, beim Standesamt in Dukla, dem Geburtsort von Dominitz, bei der Stadtverwaltung und beim Staatsarchiv in Krakau, beim Historischen Institut in Warschau. Neue Erkenntnisse gab es nicht. Nach einer Anfrage an den Internationalen Suchdienst mit Sitz in Bad Arolsen ging die Nachricht ein, dass man Dokumentenhinweise gefunden habe. Und nach Erledigung etlicher Formalitäten teilte das Archiv schließlich mit, dass Jakob Chaim Dominitz, seine Ehefrau Breindel (Berta) und ihre Tochter Eleonore sich am 6. Dezember 1943 in Ferramonti di Tarsia in Italien, Provinz Consenza, befunden hätten und im Mai 1944 in Palästina angekommen seien. Damit stand fest, dass die Familie Dominitz der nationalsozialistischen Mordmaschinerie entronnen war. Weitere Nachforschungen nach dem weiteren Verbleib der Familie bei der Botschaft des Staates Israel in Berlin führten zu der Nachricht, dass Berta Dominitz im Februar 1979 und Jakob Chaim Dominitz am 18. April 1981 in Israel verstorben seien. Eine Notiz in dem Schreiben lässt darauf schließen, dass zumindest Berta vorher in Haifa gelebt hatte. Über das Schicksal der Tochter gab es keine weiteren Angaben. Als Erwin Weil im Februar 2010 diese Nachrichten überbracht wurden, standen ihm Tränen in den Augen. Tränen der Freude, dass die befreundete Familie die schreckliche NS-Zeit trotz gegenteiliger Vermutungen und Befürchtungen überstanden hatte. Erwin Weil starb ein Jahr später, im März 2011, in seiner Heimatstadt Kusel. Info An die Pogromnacht wird heute, 18.30 Uhr, in einer Mahnveranstaltung in der protestantischen Stadtkirche Kusel gedacht. In der protestantischen Kirche Odenbach gibt es heute um 17 Uhr eine Gedenkfeier und morgen um 18 Uhr eine Gedenkstunde im jüdischen Museum Steinbach.

Der Ausweis von Erwin Weil mit dem großen „J“ und dem Judenstern, der stets an der Kleidung zu tragen war.
Der Ausweis von Erwin Weil mit dem großen »J« und dem Judenstern, der stets an der Kleidung zu tragen war.
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