Rheinpfalz „Versorgung von Flüchtlingen ein Desaster“

Mannheim. Beim dritten Ethikforum des Mannheimer Universitätsklinikums haben sich Experten mit medizinischen Problemen befasst, die der Flüchtlingsstrom mit sich bringt.
Als das Klinische Ethik-Komitee der Universitätsmedizin Mannheim sein Ethikforum plante, „da wussten wir nicht, wie aktuell das Thema werden würde“, sagt die Vorsitzende Dorothee Dörr. „Kulturelle Vielfalt im Krankenhaus“ – unter diesem Titel sollten mögliche Konfliktsituationen, die bei der Behandlung von muslimischen Patienten auftreten können, ebenso thematisiert werden wie Kompetenzen, die bei der medizinischen Versorgung von Asylsuchenden gefragt sind. Doch es ist die Versorgung selbst, die Michael Knipper derzeit die größten Sorgen bereitet. „Sie ist schlecht, um nicht zu sagen ein Desaster“, betont der Medizinhistoriker von der Justus-Liebig-Universität. Er moniert die langen Wartezeiten in den Massenunterkünften, bevor die Menschen medizinisch untersucht werden könnten. „Sie kommen in einem relativ guten Allgemeinzustand hier in Europa an. Denn nur die Gesunden, Kräftigen sind den Strapazen der Flucht gewachsen, um dann an offener Tuberkulose zu erkranken“, sagt Knipper. Dieser Zustand lasse sich nicht mit dem Recht eines jeden Menschen auf Gesundheit vereinbaren. Das sei zwar etwas, wovon Deutschland klare Vorstellungen habe und diese Standards in andere Länder trage. „Nur hier erreichen wir sie derzeit nicht“, so seine Kritik. Beispielsweise fehlten Dolmetscher, so dass Sprachbarrieren einer angemessenen Behandlung im Wege stünden. Bei allen kulturellen Unterschieden warnte er zudem davor, „alles auf die Kultur zu schieben, wenn es irgendwo hakt“. Vielmehr solle man die reale Situation eines Patienten hinterfragen und insbesondere bei Flüchtlingen bedenken, dass bei ihnen aufgrund des Erlebten oftmals ein kleiner Trigger ausreicht, um heftige Reaktionen bis hin zur Aggression auszulösen. „So wenig wie Sie einem körperlich Verletzten sagen können, jetzt blute mal nicht so, so wenig können sie einem Traumatisierten sagen, er solle sich benehmen“, erklärt Knipper. Jeden Patient als Individuum zu sehen und nicht als Mitglied einer sozial-religiösen Gruppe, empfiehlt auch Ilhan Ilkilich. Anhand verschiedener Beispiele aus der Praxis erläutert der Professor, warum interkulturelle Kompetenz bei der Betreuung muslimischer Patienten im Krankenhaus dennoch so wichtig ist. Ethnische Konflikte entstünden häufig, weil Ärzte und Pflegepersonal nicht mit Themen wie Speisevorschriften und Fasten, den Umgang mit Sterbehilfe und Trauer, einem anderen Hygiene- und Moralverständnis vertraut seien. Bei Sprachbarrieren sei zudem wichtig, einen Dolmetscher zu finden, der die Diagnose authentisch übersetze. Etwas, das Familienangehörige mitunter aus dem Verständnis heraus, den Kranken schonen zu wollen, nicht tun. Eine Stereotypisierung muslimischer Patienten sei genauso wenig sinnvoll wie das generelle Akzeptieren all ihrer Wünsche. Das Mitglied des Deutschen Ethikrats empfiehlt stattdessen eine „kritische Toleranz“. Es gehe dabei um das Wahrnehmen und Verstehen der interkulturellen Konflikte, um diese bewerten und in die medizinische Entscheidung einfließen zu lassen. (waz)