Rheinpfalz Solidarität und Gemüse wachsen

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Sollen aus Bauernhöfen keine Agrarfabriken werden, müssen Landwirte und Verbraucher zusammenarbeiten: Nach dieser Überzeugung versuchen zwei Familien auf dem Wahlbacherhof bei Contwig, eine „solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) aufzubauen. Wer sich finanziell beteiligt – und vielleicht noch auf dem Feld oder im Büro mitarbeitet – erhält dafür Gemüse, Eier, Kartoffeln und Fleisch.

Was zunächst visionär klang, ist auf gutem Weg, eine Erfolgsgeschichte zu werden. Für 80 von zunächst 100 verfügbaren Anteilen gibt es schon feste Interessenten. In mehreren Arbeitsgruppen geben sie Detailkonzepten den letzten Schliff. Offen ist zum Beispiel, ob auch verarbeitete Produkte wie Brot, Öle oder Nudeln zum Angebot gehören werden. Wie lässt sich ein traditionell aufgestellter Bauernhof mit breiter Anbau-Palette in Zeiten von Spezialisierung und Massenproduktion erhalten? Mit engagierten Betreiber-Familien, findet Manfred Nafziger, und mit einem wegweisenden Konzept der Verbraucher-Beteiligung: „Solidarische Landwirtschaft“. Etwa 60 Projekte dieser Art gibt es in Deutschland; ebenso viele sind in Gründung. Dahinter steht die Idee, dauerhaftes finanzielles Engagement für eine nachhaltige Landwirtschaft durch den Bezug von Gemüse, Obst, Fleisch, Kartoffeln, Eiern auszugleichen. Der Hof produziert nicht mehr für den Markt, sondern für die Mitglieder. Wie hoch deren Beteiligung ist, richtet sich nach den voraussichtlichen Kosten und wird jedes Jahr in einer Vollversammlung festgelegt. „Wir haben eine Lösung gesucht, die uns nicht zum Wachstum zwingt“, erläutert Marlene Herzog. Das Projekt absichern sollen Vielfalt und Qualität der Produkte. Mit ihrem Mann Marc Grawitschky und den Töchtern (zwei und vier Jahre) will die 32-jährige Öko-Landwirtin Nafzigers Hof weiterentwickeln. Das erfolgt mit einer Ausweitung des Bio-Gemüseanbaus, mit frischen Kräutern, mit Speiseölen aus eigenen Ölsaaten, Legehennen – und mit anhaltend tatkräftiger Unterstützung der Familie Nafziger., die den 60-Hektar-Hof in dritter Generation bewirtschaftet und nach Perspektiven für eine Nachfolge suchte. Familie Herzog-Grawitschky, im Saarland ansässig, suchte eine Möglichkeit, ihre Erfahrung aus Öko-Landwirtschaftsstudium und Arbeit im Gemüseanbau zu nutzen. „Wir haben eine Betriebs-Analyse gemacht und Möglichkeiten der Hof-Entwicklung besprochen“, erläutert Nafziger. Gut sei es, wenn zwei Familien sich die Arbeit teilen. Eben dies geschieht bereits: Herzog und Grawitschky sind mit ihren Kindern auf den Hof gezogen. Fenchel, Kohlrabi, Brokkoli und Kräuter wie Thymian, Majoran und Estragon sollen bald zum Angebot gehören. Vielleicht auch Brot aus eigenem Getreide. Ziel ist es, die Palette sommers wie winters so zu gestalten, dass die solidarische Landwirtschaft funktioniert. Was bedeutet, dass sich etwa 100 Familien von den Hofprodukten ernähren können. „Am Anfang werden es vielleicht weniger sein“, räumt Herzog ein. Finden will sie die Projekt-Mitglieder im 30-Kilometer-Umkreis. 100.000 Menschen leben dort nach ihrer Schätzung. Wer sich für mindestens sechs Monate bindet, darf seinen Korb wöchentlich auf dem Hof oder bei einer Verteilstelle füllen. Was knapp ist, wird gekennzeichnet und eventuell kontingentiert. Ansonsten gilt das Prinzip Vertrauen. „Es geht uns um Transparenz und um den Zusammenhalt“, sagt Grawitschky. Bei jährlichen Vollversammlungen würden Strategie, Erträge und Investitionen besprochen; Mitglieder, die auch als Betriebshelfer willkommen seien, erhielten umfassenden Einblick in das Nachhaltigkeits-Konzept. Kann das alles funktionieren? Herzog und Grawitschky sind überzeugt davon, zumal es in der Schweiz und in den USA seit den 1960er Jahren ähnliche Projekte gibt, in Deutschland bereits ein Netzwerk besteht. „Heute haben wir fast 80 feste Interessenten, die ab Mai 2015 dabei sein wollen“, berichtet Grawitschky. Das Solidar-Projekt habe eine eigene Dynamik entwickelt. Die Solawi-Interessenten kümmerten sich unter anderem um ethische Vorgaben, um die Frage, ob man einen Verein gründen solle, um Verteilstellen für Produkte außerhalb des Hofes, so der studierte Landwirt. Solches Engagement mache Mut, so Grawitschky. Noch im Januar soll das Solawi-Modell im kleinen Maßstab mit dem Bezug von Wintergemüsen, Eiern, Wurst und Kartoffeln anlaufen. Als Einstieg und zur Probe gewissermaßen. Richtig los geht’s dann im Frühjahr. Bis dahin seien noch technische Fragen zu klären, bekennt Grawitschky. Die Anforderungen an Verteilstellen etwa, oder die Notwendigkeit eines Lieferfahrzeugs. (npm)

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