Karlsruhe
Publikumsliebling Kaya Yanar: „Der Fluch der Familie“ in der Schwarzwaldhalle
Freie Platzwahl. Die Leute kommen zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn. Sie legen Jacken und Mützen als „Besetztzeichen“ quer über die Sitze, wenn sie sich noch mal die Beine vertreten wollen. Bevor die Show losgeht, laufen – damit den Wartenden die Zeit nicht allzu lang wird – unterhaltsame Minifilmchen auf den Videoleinwänden vorne. Man sieht tollpatschige Missgeschicke. Etwa wie jemand Trampolin hüpft und wie er dann, weil das Sprungtuch reißt, bäuchlings auf dem Boden landet. Für den Betroffenen, der da gezeigt wird, wahrscheinlich der schmerzhafteste Unfall seines Lebens.
Das geduldige Publikum quittiert es mit Lachen. Zum einen, weil es freilich urmenschlich ist, über unerwartetes Schwanken, Stolpern, Stürzen anderer zu lachen. Zum anderen, weil das sekundenschnelle Videoende kurzum mit einem untertriebenen „Autsch!“ kommentiert wird. Die Filmchen sind Ausschnitte aus einer aufgezeichneten Internetvorstellung, die Kaya Yanar als Livestreamer moderiert und gesendet hat. Was vielleicht von anderem Publikum als Zumutung empfunden würde, nimmt man hier in guter Laune hin. Man jubelt und klatscht, wenn Kaya Yanar schließlich auftritt, lacht ihm sogar verständnisvoll entgegen, wenn der gleich vorab die Enttäuschung klipp- und klarstellt, dass er am Abend keine Autogramme geben wird.
Anekdoten aus dem Familienalltag
Kaya Yanar wird geliebt. „Wer hat mich schon mal live gesehen?“ ruft er in den Saal mit etwa 3000 Besuchern, und nur vereinzelt gehen ein paar Hände hoch. Yanar quittiert das mit witziger Grimasse und einem „Okay, das sind 50!“ Alle lachen, denn so schnell kann kein Mensch zählen. Und eigentlich macht sich Kaya Yanar dann indirekt über die große Mehrheit im Saal lustig: Erst jetzt, nachdem er seit 25 Jahre auf der Bühne steht, hätten sie es geschafft, ihn live aufzusuchen. Nach dem Motto „Besser spät als nie“ lachen trotzdem alle wohlwollend.
Der heute 50-jährige Komiker hatte seinen Durchbruch im Fernsehen ab 2001 mit der mehrfach ausgezeichneten Sat.1-Comedysendung „Was guckst du?!“ Seitdem mischt Kaya Yanar als Komiker im deutschsprachigen Entertainment mit. Seine jetzige Solo-Show „Der Fluch der Familie“ hat er in der Corona-Zeit entwickelt, nicht zuletzt weil er im Lockdown so viel Zeit mit seinen Liebsten zuhause zu verbringen hatte.
Gags über den Türkenakzent kommen an
Mit dem kabellosen Mikro in der Hand plappert er zwei Mal eine Stunde, dazwischen Pause. Er erzählt von seiner Mutter, erklärt, warum sie für ihn eine richtige „Mamma“ sei: „Sie ist 1,50 Meter hoch und 1,50 Meter breit – da muss man einfach Mamma sagen!“ Seit elf Jahren ist Kaya Yanar mit der Schweizerin Josephine Rosen liiert und seit fünf Jahren verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, und Yanar breitet vor allem im zweiten Teil der Show Lustiges über seinen zweisprachigen Familienalltag aus: „Ich spreche hochdeutsch, meine Frau Schweizerdeutsch und die Kinder antworten auf Türkisch.“ Verständnisprobleme gäb’s nur ab und an, etwa weil im Schwyzerischen für Buch und Bauch das gleiche Wort „Buch“ benutzt wird.
Aber das sind nicht die Gags, worüber die Masse lacht. Lustiger kommt an, wie Kaya Yanar den heftigen Türkenakzent seines Vaters nachmacht, der mit ihm ehemals Mathe lernte und ihm „Brech-“ statt „Bruchrechnen“ beibrachte. Ein Brüller ist auch, dass die Mutter mit der Aussprache des deutschen Worts „furzen“ Probleme hatte. Entsprechende Geräusche macht Yanar mittels Lippenflattern und Miko nach.
Mit solchem Humor ist Yanars Programm ausgiebig bespickt. Doch es hat – Ehrensache! – noch eine niveauvollere Lesart: „Der Fluch der Familie“ ist eine tiefenpsychologische Abrechnung. Yanars Eltern wurden, wie in der Türkei der 1960er-Jahre üblich, als Paar von deren Eltern verkuppelt und verheiratet. Und weil sie nicht zueinander passten und sich häufig stritten, hing der Segen der Familie in Verbindung mit der Migration nach Deutschland oft schief. Dass Yanar darüber lachen kann, ist das große Plus des Programms. Und dass das Publikum dabei bestens unterhalten ist und voll mitgeht, ist ein großer Gewinn fürs deutschsprachige Comedy.