Billigheim-Ingenheim
Mit 64 startet Schauspieler Michael Marwitz noch mal richtig durch
Vor allem das jüngste Projekt, der 20-Minuten-Streifen „Als die Welle brach“, bei dem Michael Marwitz als Schauspieler und Co-Autor mitwirkt, hat Wogen der Begeisterung ausgelöst und 18 Preise auf internationalem Parkett eingeheimst, unter anderem in New York, Florenz und Rom. Angesichts der Prämierungsflut, soll im kommenden Jahr ein 90-Minuten-Epos daraus entstehen. Denn Festivalpreise haben auch die Aufmerksamkeit bei großen Hollywood-Verleihern geweckt.
Das Sujet ist ebenso brisant wie sensibel und offeriert einen unerwarteten Schluss. Im Mittelpunkt steht eine junge Geigerin, die die traumatische Erfahrung einer Vergewaltigung erlebt und deren Hände durch einen Unfall quasi unbrauchbar werden. Der Film dokumentiert, wie sie aus der Depression wieder herausfindet. Eine authentische Geschichte. Und ihr Lebensweg, den sie entgegen aller vorgefassten Erwartungen einschlägt, ist verblüffend.
„Wer da erfolgreich ist, wird wahrgenommen“
Das Kurzdrama ist künstlerisch höchst anspruchsvoll umgesetzt mit sensiblen Kameratotalen, nur drei Schauspielern und sehr spartanischer Kulisse. Die Idee dazu hatte die griechische Regisseurin Alexandra Bekiou. Eine Quereinsteigerin, „hochbegabt“, wie Marwitz schwärmt. Sie hat ihr Handwerk am Set, als Regieassistentin und Supporterin gelernt. Mit ihr will er jetzt regelmäßig zusammenarbeiten.
Seit drei Jahren erst widme er sich intensiv dem Format Kurzfilm, erzählt Marwitz. Warum er sich als gestandener Mime in der Independent-Szene engagiert? „Das hat viel mit PR zu tun“, gesteht er rundheraus. „Wer da erfolgreich ist, wird wahrgenommen, von den großen Produktionsfirmen, und zusehends auch von den öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten.“ Aber zuerst einmal ist man sein eigener Produzent, muss auch finanziell in Vorlage gehen. Bei der „Welle“ waren es (schmale) 6000 Euro, die Bekiou investieren musste.
„Wer sich behauptet, schafft den Sprung in die Oberliga“
Und da ist auch noch die künstlerische Herausforderung, die lockt. Denn die Kurzfilmszene bietet von jeher eine Plattform für experimentelle Ansätze und gesellschaftsrelevante Themen. Hier agieren die „jungen Wilden“ des Genres, jene, die eben noch auf den Filmhochschulen das Laufen lernen, aber mit Fantasie und Enthusiasmus den Mainstream schon kräftig aufmischen. „Ich kann jungen Schauspielern nur raten, in die Projekte der auch technisch hochprofessionell ausgestatteten Filmhochschulen – Babelsberg, Ludwigsburg, FH Dortmund und nicht zuletzt das private SAE-Institut in Stuttgart – einzusteigen“, sagt Marwitz.
Der Olymp sind natürlich die A-Festivals, erzählt der Schauspieler: Cannes, Berlinale, Venedig. Sie alle haben auch ein Kurzfilm-Segment. Aber wichtig sind auch die qualitativ anspruchsvollen kleinen Festivals, bei der Kurzfilmer aus aller Welt einreichen. Zwischen 500 und 2000 Produktionen landen da monatlich im Schnitt bei meist ehrenamtlich tätigen Juroren. „Wer sich da behauptet, schafft den Sprung in die Oberliga.“
Mit skurriler Geschichte in New York erfolgreich
Marwitz jedenfalls verlässt den Maistram mit Lust. Er kann jetzt noch mal richtig durchstarten mit 64 Jahren. Für den Streifen „Morti’s Law“, der eine recht ungewöhnliche Form der Sterbehilfe zum Thema hat, erhielt er jetzt beim Filmfestival Florenz den Preis als bester Hauptdarsteller, obendrein sahnte der skurrile Streifen noch sechs weitere Preise ab, unter anderem beim Festival NYIFA (New York International Film Awards) als beste Detektivgeschichte und für die Gesamtleistung des Teams.
Mehrfach wurde Marwitz als bester Nebendarsteller in den Streifen „In Two Minds“ (New York, Florenz) und „Lighthunger“ (Rom) ausgezeichnet. „Es sind immer wieder die Themen der Zeit, die diese relativ gerafften Projekte so wunderbar auf den Punkt bringen“ – mit einem guten Drehbuch, sensibler Kamera- und Lichttechnik und spannenden Dialogen.
Demnächst wieder im Fernsehen
Auch seine Agentin freut sich über die Independent-Auszeichnungen; denn sie sorgen für Aufmerksamkeit. Die ARD hat ihn für die Reihe „Väter allein zuhause“ verpflichtet, die im Herbst Alltagsprobleme unterhaltsam behandelt. Schwerblütiger ist das Filmprojekt „Finsternis“, dessen Dreharbeiten zu Jahresbeginn 2021 in München bei der Bavaria starten sollen. Da spielt Marwitz unter der Regie von Carsten Degenhardt den Vater eines in die Nazi-Szene abgedrifteten Jugendlichen, in dessen Haus hochexplosive Komplotte vorbereitet werden. Mit im Boot sind die Schauspieler Jürgen Prochnow und Michael Mendl. Die Hauptrolle des halbwüchsigen Nazis wird von dem populären Musiker Marlik Harris, der auch den Titelsong schreibt, verkörpert.