Rheinpfalz Leitartikel: Der Wundermann Martin Schulz

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Martin Schulz versetzt seine Partei in Euphorie. Die SPD kann als Volkspartei wieder erstarken. Das wäre gut für die Demokratie. Der Hype um Schulz wird sich abnutzen. Das SPD-Wahlprogramm wird dann wichtig werden.

Rein rational ist die Wiederauferstehung der SPD nicht zu erklären. Vor wenigen Monaten lag sie im Bund danieder, fragte sich sogar, ob sie gegen Angela Merkel einen eigenen Kanzlerkandidaten aufstellen solle. Doch jetzt, sechs Monate vor der Bundestagswahl, rüttelt Martin Schulz am Tor des Kanzleramtes, und die Genossen wirken so, als könne sie nichts und niemand mehr aufhalten auf dem Weg zur Macht. Mit dem historischen Ergebnis von 100 Prozent wählten sie Martin Schulz zu ihrem Parteivorsitzenden. Seine Rede war gut, aber nicht so herausragend wie seine Wahl. Das zeigt: Die Genossen sind derzeit auf Wolke sieben. Die SPD hat jetzt einen Retter und einen Hoffnungsträger. Sigmar Gabriel ist der Retter. Selbstlos hat er auf die eigene Kanzlerkandidatur und sogar auf den Parteivorsitz verzichtet. Das bringt ihm und der Politik insgesamt verloren gegangenes Vertrauen zurück. Gabriel hat zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan. Die Partei feierte ihn frenetisch dafür; sie vergaß gänzlich, wie sie ihn beim Bundesparteitag im vergangenen Jahr abgestraft hatte. Der Vizekanzler mag selbst überrascht sein, welche Welle der Begeisterung er mit seinem Rückzug und der Nominierung von Martin Schulz ausgelöst hat, denn darin kommt ja auch zum Ausdruck, wie unzufrieden die Genossen mit ihm waren. Martin Schulz ist jetzt der große, ja der riesengroße Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Schulz ist zwar seit Langem ein führender Politiker der SPD. Aber er war nicht Teil der großen Koalition. Die ist zwar erfolgreich, aber ihr Ruf ist schlecht. In den Augen vieler steht sie für bürgerferne Politik – nicht im Dienste des Volkes, sondern im Dienste von Politikern. Schulz ist da außen vor, mehr noch: Für viele verkörpert er das Gegenbild zum etablierten Politiker. Ein Mann aus dem Volk, der Höhen und Tiefen erlebte und dazu steht. Das tat Schulz auch auf dem Parteitag. Er macht bisher mehr Politik mit seiner Person als mit einem Programm. Der Hype um seine Person wird sich abnutzen. Das Wahlprogramm der SPD wird dann wichtig werden. Schulz weiß es und arbeitet mit Hochdruck an dem Papier. Der wiedererwachte Glaube der SPD an sich selbst tut der Demokratie gut. Denn so hat die SPD die Chance, wieder Volkspartei zu werden, die viele Strömungen in der Gesellschaft vereint. Die Meinungen im Volk zu bündeln, mehrheitsfähige Kompromisse zu organisieren, das ist die Aufgabe und die Stärke von Volksparteien. Darin sind sie Parteien überlegen, die nur bestimmte Interessen vertreten. Die AfD könnte unfreiwillig zum Wiedererstarken der Volksparteien beitragen. Denn sie fordert insbesondere SPD und CDU/CSU dazu heraus, sich ohne Wenn und Aber zu den Grundwerten unserer Demokratie zu bekennen. Unter dem Druck des neuen Nationalismus’ in Deutschland und Europa zeichnet sich sogar ein Wettbewerb zwischen SPD und Union ab, wer denn die bessere Europapartei in Deutschland sei. Schulz etabliert sich gerade als der entschiedenste Gegner der AfD. Bisher nutzt es ihm, und sogar manche AfD-Sympathisanten sind von ihm beeindruckt. Aber auch der SPD-Superstar Martin Schulz wird mutmaßlich unfreiwillig etwas bewirken: Dass die Union sich auf ihre Stärken besinnt, sich zusammenrauft und mit neuer Kraft und neuen Ideen Angela Merkels Kanzlerschaft verteidigt. Alles in allem löst der neue SPD-Vorsitzende und -Kanzlerkandidat Martin Schulz etwas aus, was unserer Demokratie gut tut und ihre Gegner schwächen wird.

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