Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kunstverein zeigt: „Kunst in den Gewölben“

Jürgen Strassers digitale Collage „Maybe tomorrow“.
Jürgen Strassers digitale Collage »Maybe tomorrow«.

Vier Künstler präsentiert der Germersheimer Kunstverein im Zeughaus. Ihr Werk ist in Technik, Sujet und Ausdruck so verschieden, dass sich nur der kleinste gemeinsame Nenner fand: „Kunst in den Gewölben“.

Selbst die beiden Fotografen unter den Ausstellenden arbeiten sehr verschieden. Ganz am Anfang der langen Flucht in der ehemaligen militärischen Befestigungsanlage stoßen Besucher auf die Arbeiten von Jürgen Strasser. Geboren im Berchtesgadener Land und lange als Etatdirektor einer Frankfurter Werbeagentur tätig, lebt und arbeitet er inzwischen als Freischaffender im Künstlerdorf Worpswede und in Wiesbaden.

Seine Arbeiten zeugen von weiten Streifzügen um die Welt. Vor allem die Hochhausarchitektur von Großstädten wie Hongkong oder Shanghai fasziniert ihn. In der großen Serie „Living in a Box“ setzt er den Fokus auf Fassaden. Ohne Himmel, Landschaft oder Straße als Verortung wirken sie in ihrer Regelmäßigkeit aus der Ferne wie Barcodes oder Lochplatten. Dass wir auf einem der Bilder gerade in Kairo sind, lässt sich allenfalls am Ocker des Hausanstrichs oder einem Eselskarren ablesen.

Der Mensch ist Randfigur

Auch wenn die Balkone und Fenster der Bewohner ganz individuell gestaltet sind: Abstrakte Strukturen scheinen Strasser mehr zu interessieren als Details: etwa wie sich die über 200 Klingelschilder reihen. Zu lesen, welche Namen darauf stehen, ist für den Betrachter eher mühsam. Der Mensch ist Randfigur, manchmal nur in seinen Spuren erahnbar: dem verlassenen Schreibtisch auf einem Brachland im Häusermeer oder dem verwaisten Pool.

Auch experimentelle Arbeiten von Strasser sind zu sehen. Was in der analogen Welt mit Doppelbelichtung zu bewerkstelligen war, lässt sich in der digitalen Fotografie durch Collagen erreichen: So schiebt sich auf einem Bild ein schütterer Wald vor eine urbane Landschaft, eine mit Netz umspannte Aussichtsplattform oder Rampe vor eine Hochhauskulisse. Surreal wirkt der Bretterzaun, über dem sich eine Skyline abzeichnet. Andere Fotos sind übermalt, mit Wachs überzogen und erneut abfotografiert.

Von der Sonne verbrannt: Fotoarbeit von Claus Stolz.
Von der Sonne verbrannt: Fotoarbeit von Claus Stolz.

Claus Stolz aus Mannheim, dessen Fotografien das Ende der Germersheimer Ausstellung markieren, ist ebenfalls ein experimentierfreudiger Tüftler. Ihm geht’s nicht um eine Abbildung der Welt. Bei seinen Heliografien setzt Stolz alte Planfilme hinter einer gigantischen Linse von einem Meter Durchmesser der Sonne aus. Im Brennpunkt der Strahlen schmilzt das Filmmaterial und wirft Blasen. Das überraschende Ergebnis fotografiert er ab, denn das Original selbst bleicht schnell aus, erzählt er beim Rundgang.

An die strengen Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt erinnert Stolzens Schwarz-Weiß-Serie „Imagine“, die er mithilfe von KI erzeugt hat. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man, dass diese Exoten vor edlem schwarzem Hintergrund gar nicht real sein können mit ihren drei Stielen oder ins Leere laufenden Stängeln. Ein ähnliches Spiel an der Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit treibt der Fotograf bei seinen im Studio arrangierten Aufnahmen – etwa eines halbierten Apfels, der sein Styropor-Innenleben offenbart.

Massive Teile scheinen sich zu durchdringen bei einer von Martin Schöneichs neuen 3-D-Plastiken.
Massive Teile scheinen sich zu durchdringen bei einer von Martin Schöneichs neuen 3-D-Plastiken.

Zwischen den Fotografen zeigt ein alter Bekannter Neues. Die dynamische Handschrift des Bildhauers Martin Schöneich aus Vorderweidenthal, dessen Skulpturen bereits mehrfach im Zeughaus ausgestellt waren und die auch auf etlichen Kreisverkehren in der Südpfalz zu sehen sind, ist unverkennbar. Meist auf nur zwei Punkten ruhend, wie die Kuratorin Marita Mattheck vom Kunstverein hervorhebt, wirken sie mit ihren verschränkten Ebenen und Bögen und wie eingefrorene Bewegung.

Eine Collage aus Felicitas Wiests Serie „Gewebe“: ein Handabzug kombiniert mit einer Tuschezeichnung auf Büttenpapier.
Eine Collage aus Felicitas Wiests Serie »Gewebe«: ein Handabzug kombiniert mit einer Tuschezeichnung auf Büttenpapier.

Bei den neuen Gebilden aus einem Holz-Kunststoff-Gemisch, die im 3-D-Druck entstanden, springen jetzt organische Formen ins Auge. Manche der Arbeiten wirken gar wie überdimensionale ausgekochte Knochen. Mit diesem neuen Medium kann Schöneich filigraner seine typischen Einschnitte ins Material setzen, als das bei Holz, Stahl oder Stein möglich wäre. Da gelingen jetzt auch ganz besondere Formen, bei denen massive Elemente sich zu durchdringen scheinen. Neben solchen 3-D-Drucken sind auch Arbeiten in Holz und aus alten Granitsteinen zu sehen, die der Bildhauer vom Friedhof erhält: neues Leben aus dem Tod.

Martin Schoneichs Basaltskulptur „V 5-19“.
Martin Schoneichs Basaltskulptur »V 5-19«.

Die Vierte im Bunde ist Felicitas Wiest, Lehrerin aus Walldorf, die der Germersheimer Kunstverein schon 2023, 2017 und 2009 präsentiert hat. Sie zeigt mehrfach übereinander geschichtete Drucke, die sie mit Bleistift- und Tuschezeichnungen zu Unikaten kombiniert. Sie bildet in erdigen Farben die Natur ab, allerdings stark abstrahiert. Manchmal meint man Blüten, Kapseln oder Geäst zu erkennen. Und gerne kommentiert sie die Arbeiten mit Schlagworten wie „Risse Rillen Ritzen“.

Die Ausstellung

„Kunst in den Gewölben“ mit Arbeiten von Jürgen Strasser, Martin Schöneich, Felicitas Wiest und Claus Stolz bis 1. Dezember beim Germersheimer Kunstverein im Zeughaus: Sa 15-18 Uhr, So 14-18 Uhr. Eine Einführung gibt zur Vernissage am Samstag, 2. November, 17 Uhr, Kunsthistorikerin Christina Körner. Zur Germersheimer Kultur- und Museumsnacht am Freitag, 8. November, ist die Ausstellung von 19 bis 23 Uhr geöffnet; es gibt einen Origami- Workshop mit Karl-Heinz Petry und Gitarrenmusik von Klaus Tischer. Zur Finissage am Sonntag, 1. Dezember, 14-18 Uhr, gibt’s ein Kunst-Café mit Künstlergesprächen.

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