Landau
Kunstprojekt zum Raubbau am Amazonas in der Villa Streccius
Ein seltsames Gefährt zieht im ersten Raum der Kunstvilla die Blicke auf sich. Da steht ein Fahrrad, sichtlich gebraucht, mit großem breitem Anhänger. In einem hölzernen Rahmen befindet sich scheinbar eine Erdscholle, genau ein auf ein Meter groß. Man nimmt pflanzliche Schalen wahr, welke Blätter – auf den ersten Blick mysteriös.
Mit diesem Fahrradgespann ist Betty Beier oft unterwegs. Die Künstlerin, die seit acht Jahren in Rohrbach lebt, interessiert sich für landschaftsverändernde Prozesse, die durch den Eingriff des Menschen verursacht werden. Dafür reist sie seit Mitte der 90er-Jahre in Länder, die von der katastrophalen Entwicklung besonders betroffen sind, und nimmt einen quadratmetergroßen Abdruck von der Erdoberfläche. „Bürgerscholle“ nennt sie diese Bildskulpturen, die in Gips ausgegossen und später im Atelier rekonstruiert werden als eine Art Landart.
Die Künstlerin wird auch auf den Wochenmarkt kommen
Mit dem Erdabdruck und dem Expeditionsgefährt geht sie in die Städte und trifft auf neugierige Menschen, die Fragen stellen. In Landau ist die radelnde Künstlerin an drei Samstagen zur Marktzeit unterwegs: am 30. Oktober, 6. und 13. November.
Und genau das eröffnet einen Zugang: Es geht Betty Beier darum, Bewusstsein zu schaffen für Veränderungen, die nicht nur die Landschaft umformen, sondern auch soziale Strukturen zerstören. Dazu werden Informationen geliefert, zum Beispiel: Jede Minute wird der Regenwald auf einer Fläche von 30 Fußballfeldern zerstört. Das Erdquadrat auf dem Anhänger stammt aus dem Regenwald, der durch den riesigen Staudamm Belo Monte in Brasilien vernichtet worden ist. Beier schildert, wie der Stausee Dörfer verschluckt hat, den indigenen Völkern Wasser und damit die Lebensgrundlage raubt. Wie der Wald abgeholzt und verfeuert worden ist.
Auch Abdrücke aus dem Eis sind zu sehen
In der Ausstellung sind weitere Erdabdrücke zu sehen, etwa von einer Brandrodung in Paraguay oder von einem Gebiet in Alaska, das durch Klimawandel bedroht ist. Auch Deutschland ist dabei: Auf der Zugspitze hat Betty Beier das Abschmelzen eines gewaltigen Gletschers dokumentiert. Neben den Erdabdrücken sind Fotos aus der jeweiligen Landschaft und kleine Zeichnungen der Künstlerin ausgestellt.
Nicht weniger eindrucksvoll sind die Installationen des Künstlers Francisco Klinger Carvalho, der in Óbidos am Amazonas geboren und aufgewachsen ist, und der heute in Deutschland lebt. Im großen Raum der Villa Streccius sind die verbrannten Reste von Hausrat und Mobiliar aufgeschichtet, es ertönen rituelle Gesänge und – wie zum Hohn – Vogelgezwitscher. „Amazonia: Symphonie einer Erinnerung“ ist der Titel der Schöpfung.
Kunst, die sich politisch engagiert
Ein „Requiem für die Tropen“ ist aus gebrauchten, teils zerbrochenen Stühlen komponiert, die mit bunten Federn besteckt sind. Die Natur prägt das Werk des Künstlers, ihre Bedrohung und Zerstörung stellt er in der Ausstellung dar.
„Diese Kunst ist extrem politisch“, sagt Charlotte Dany, Geschäftsführerin der Friedensakademie Rheinland Pfalz an der Universität Koblenz-Landau. Sie hat auf Anregung der städtischen Kulturabteilungsleiterin Sabine Haas zusammen mit den beiden Künstlern und mit ihrer Mitarbeiterin Rebecca Froese ein umfangreiches Rahmenprogramm entwickelt. Das Ziel: Bewusstsein schaffen für den „Weltenbrand“, der – gerade in der idyllischen Südpfalz – so weit entfernt erscheint. „Wenn wir nur wissenschaftlich arbeiten, erreichen wir wenige“, sagt Dany. Mit solchen Ausstellungen und Aktionen aber könne man Menschen zum Nachdenken und in Bewegung bringen.
Termin
Ausstellung „Weltenbrand“ von Betty Beier und Francisco Klinger Carvalho bis 21. November in der Städtischen Galerie Villa Streccius, Südring 20: Di und Mi 17 bis 20 Uhr, Do bis So 14 bis 17 Uhr. Das Begleitprogramm ist in Kooperation der Stadt mit der Friedensakademie und Universität Landau entstanden.
Das Begleitprogramm
Kino: Ganz nah ist Filmemacher Martin Keßler dem Drama am Amazonas gekommen. „Count Down am Xingu VII – Kampf um die grüne Lunge der Welt“ heißt sein Dokumentarfilm, der am Sonntag, 7. November, um 15 Uhr im Landauer Universum zu sehen ist. Er erzählt die Geschichte des Widerstands gegen den Staudamm Belo Monte. Im Anschluss sprechen Keßler und der Künstler Francisco Klinger Carvalho über das Megaprojekt und die zerstörerischen Folgen.
Planspiel: Selber spüren, was Umweltzerstörung mit einem Land und seinen Menschen macht: Das ist die Intention eines interaktiven „Forumtheaters“, zu dem die Universität am 10. November um 18 Uhr und am 13. November um 17 Uhr einlädt. In einem Planspiel versetzen sich die Teilnehmer in die Situation brasilianischer Reservatbewohner: Einige wollen mehr Abholzung und Viehhaltung, andere möchten den Regenwald erhalten, von dem sie Früchte ernten und Kautschuk sammeln. Wie umgehen mit diesem Konflikt? Das Planspiel sucht nach Lösungen. Anmeldung unter friedensakademie-rlp@uni-landau.de.
Exkursion: In der Südpfalz gibt es „tropische Spuren“? Eine dreistündige Exkursion am Samstag, 13. November, ab 13 Uhr führt an ein imposantes, sieben Meter hohes Bodenprofil in Barbelroth, das daran erinnert, dass vor langer Zeit tropische Klimabedingungen in unseren Breiten herrschten. Hermann Jungkunst von der Uni Landau, informiert über die geologische Geschichte der Region. Anmeldung unter friedensakademie-rlp@uni-landau.de.
Podcast: Die Friedensakademie hat zwei Podcast-Folgen produziert über den Amazonas als grüne Lunge der Erde und über die Ausstellung, die zurzeit auf dem Podcast-Kanal „Fokus Frieden“ der Akademie zu hören sind.