Literatur
Interview: Jaroslav Rudiš über Bier und Bahnhofe als Sehnsuchtsorte
Hallo Herr Rudiš, wo treffe ich Sie denn gerade an? Im Zug, der neben Berlin und Lomnice nad Popelkou ja erklärtermaßen Ihr drittes Zuhause ist?
Nein, ich bin tatsächlich gerade bei meiner Partnerin in Brandenburg gelandet. Dort arbeite ich an meinem neuen Buch, wieder einer Gebrauchsanweisung, bei der es um Bier geht. Die Geschichte der Brauereien ist aber sehr eng mit der Geschichte der Bahn verbunden. Deshalb werde ich auch auf Bier-Recherche viel im Zug reisen. Nach Landau komme ich dann wahrscheinlich leicht beschwipst aus Köln. Ich bring ein bisschen Kölsch mit!
Dabei nehmen Sie bestimmt nicht die Direktverbindung, denn Sie lieben Nebenstrecken. Haben sie fehlende Anschlusszüge einkalkuliert?
Ich weiß, die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn ist ein heikles Thema. Ich werde das immer gefragt. Aber ich mag sogar Verspätungen, für mich ist das kein Problem. Ich genieße es, dass man Zeit für sich hat, aber ich habe natürlich auch keinen Stress. Ich nehme tatsächlich immer einen Zug früher. Oder zwei. Und ich schaffe es eigentlich immer.
Ihre „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ ist ein Bestseller, obwohl sich die Leute hierzulande immer über die Deutsche Bahn beschweren. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich glaube, die Menschen tendieren dazu, sich zu beschweren. Und es gibt ja auch negative Erfahrungen. Wenn man dann aber mit ihnen spricht, überwiegt doch das Positive. Vielleicht weckt meine Begeisterung fürs Bahnfahren, die ich mit den Menschen teilen will, auch eine Sehnsucht nach all dem, das zur Bahn und zum Phänomen Eisenbahn auch dazugehört. Es geht ja viel ums Reisen. Und Bahnhöfe öffnen Sehnsuchtsorte, sie sind selbst Sehnsuchtsorte. Wenn man an einem großen Bahnhof ist – wie ich zum Beispiel oft in München – wo auf einem Gleis der Fernzug nach Österreich oder sogar Budapest steht und gegenüber der Zug nach Bologna abfährt, dann will man doch direkt einsteigen.
Welche Strecke empfehlen Sie den Lesern, die sich von Ihrer Begeisterung anstecken lassen, als Einstiegsdroge?
Das wäre vielleicht wirklich die Strecke von Dresden nach Prag, dann über Graz nach Wien und weiter durch Slowenien nach Triest in Italien. Das sind alles sehr alte, unglaublich schöne Strecken. Man fährt die Elbe und die Moldau entlang, und Triest ist ein toller Eisenbahnort, einst der größte Hafen der Donaumonarchie, mit einer ausgeprägten Bierkultur. Der einzige Ort, wo man wirklich gutes Bier in Italien trinken kann. Da gibt es tschechische, österreichische und bayerische Biere.
Ihr Buch zeigt ja auch ganz wunderbar, wie untrennbar die Geschichte der Bahn mit der Geschichte Europas verbunden ist. Glauben Sie auch an die Zukunft dieses Verkehrsmittel als stabiles Bindeglied der Nationen?
Unbedingt! Ich bin ein großer Optimist. Und ich glaube tatsächlich, dass die Eisenbahn uns zusammenhalten, Europa eng verbunden halten kann. Es ist eine gemeinsame Geschichte, das kann man nicht trennen, das geht nicht. Das war sogar in der Zeit des Eisernen Vorhangs so. Da sind trotzdem die Züge gefahren. Und nach der Wende hat man dann auf die große neue Chance gewartet. Aber man hat leider doch die Autobahnen schneller ausgebaut als das Schienennetz. München-Prag zum Beispiel, das ist auch eine romantische Bahnstrecke, aber sie hat Nachholbedarf.
Zugreisen liefern Ihnen nicht nur Stoff für Bücher, sondern auch für Theaterstücke, Hörspiele und sogar Musik. Schreiben Sie auch direkt in Zug?
Ja, die Eisenbahn und die Menschen, die ich da treffe, inspirieren mich sehr. Und tatsächlich kann man die Geräusche der Dampf- und Dieselloks als eine Art Musik betrachten. Ich habe vier Bücher im Zug geschrieben, und jetzt schreibe ich grade dieses Bierbuch, in dem es um Böhmen und Bayern geht und ich auch wieder besondere Zugstrecken vorstellen kann. Auch die Geschichte des Bieres kann man nicht von der Geschichte der Eisenbahn trennen. Die großen Erfolge der Brauereien wären ohne den Schienentransport nicht möglich gewesen. Und der Biertransport war der Beginn des Güterverkehrs in Deutschland. Auf der Strecke Nürnberg-Fürth wurden 1836 die beiden ersten Bierfässer transportiert, dafür wurden Fahrkarten in der dritten Klasse für zwei Personen gelöst. Später gab es Kühlwagen, eigene Gleisanschlüsse, ja sogar eigene Rangierloks für Brauereien. Auch in Triest gibt es eine ausgeprägte Bierkultur. Und so ein Eisenbahnbier im Speisewagen ist tatsächlich etwas, das Mitteleuropa verbindet. Da ist es traurig, dass die Züge, die lange unterwegs sind und halb Mitteleuropa verbinden, heute aus Spargründen oft ohne Speisewagen sind oder das Angebot reduzieren müssen.
Ihr Opa war Weichensteller, ihr Onkel Fahrdienstleiter, ihr Cousin Lokführer, und auch Sie wollten unbedingt bei der Bahn anheuern. Ihre Sehschwäche hat das verhindert, aber gerade deshalb sind sie nun eine Art Eisenbahnliterat geworden. Sind Sie zufrieden mit dieser Weichenstellung in Ihrem Leben, durch die so viele Interessen bündeln können?
Auf jeden Fall. Es ist eine gute Mischung, ich freue mich, dass Sie das sagen. Was mich aber wirklich ganz besonders freut ist, dass ich tatsächlich auch in Eisenbahnerkreisen viele Leser habe. Ich werde manchmal sogar vom Zugpersonal erkannt und habe vor allem auf meiner Stammstecke schon oft Bücher signiert.
Zur Person
Jaroslav Rudis ist 1972 in der Tschechoslowakei geboren und lebt heute in Berlin und in Lomnice nad Popelkou in Nordostböhmen. „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ ist das vierte Buch des Schriftstellers, der auch als Drehbuchautor, Dramatiker, Publizist und Musiker arbeitet. Sein literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, er selbst wurde 2001 für sein Engagement als Brückenbauer zwischen Deutschland und Tschechien mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Termin
„Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ Lesung mit Jaroslav Rudiš am Freitag, 4. April, 19 Uhr, Stadtbibliothek Landau. Kooperation mit dem Förderverein Freunde der Stadtbibliothek im Rahmen der bundesweiten Aktion „Nacht der Bibliotheken 2025“ des Deutschen Bibliotheksverbandes. Anmeldung unter stadtbibliothek@landau.de.