Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel In Zweibrücken ist eine Frau Chefin einer Kompanie

Findet vieles in ihrem Jogb total spannend: Birte Völker, Kompaniechef im Fallschirmjägerregiment 26 in der Niederauerbachkasern
Findet vieles in ihrem Jogb total spannend: Birte Völker, Kompaniechef im Fallschirmjägerregiment 26 in der Niederauerbachkaserne.

Birte Völker will als Kompaniechef und nicht als -chefin bezeichnet werden. Die 32-Jährige ist im Fallschirmjägerregiment 26 in der Niederauerbachkaserne die erste Frau in dieser Position. Im Interview spricht sie über den Umgang mit männlichen Rekruten sowie über Gleichberechtigung und Familienfreundlichkeit bei der Bundeswehr.

Frau Völker, wie reagieren Ihre männlichen Rekruten, wenn sie feststellen, dass ihr Kompaniechef eine Frau ist?
Ich bin Kompaniechef mit Leib und Seele. Mein Wunsch und mein Ziel ist es, die Rekruten vom ersten Tag an zu prägen auf das, was die Bundeswehr ausmacht. Dass ich sie vorbereite, auf ihre militärische Laufbahn. Das Entscheidende ist aus meiner Sicht die Kameradschaft. Das bedeutet, dass ich nicht unterscheide zwischen Geschlechtern, Religionen, Lebenseinstellungen, Hautfarben, sondern dass ich, wenn es darauf ankommt, für jeden Einzelnen einstehe – notfalls unter Einsatz meines Lebens. Seit ich 2006 Soldat wurde, habe ich nie erlebt, dass es einen Unterschied macht, ob ich Frau oder Mann bin.

Was macht ein Kompaniechef?
Ein Kompaniechef, so platt es klingt, führt die Kompanie. Er ist für Personal und Material verantwortlich. Die Besonderheit in der Ausbildungskompanie in Merzig ist, dass ich alle vier Monate 144 Rekruten bekomme, um sie in soldatischen Tugenden auszubilden. Im ersten Schritt versuche ich den Rekruten beizubringen, was es bedeutet, Staatsbürger in Uniform zu sein; also die Freiheit und die Sicherheit Deutschlands zu verteidigen. Im zweiten Schritt bringe ich den Rekruten bei, welche Fertigkeiten sie dazu benötigen. Dazu gehört der Umgang mit dem Gewehr und das Verhalten, wenn ein Kamerad verwundet ist.

Wollen Sie als Frau bewusst was anders machen?
Ich bringe natürlich meine Handschrift mit rein. Ich muss hier aber nichts großartig verändern. Das Besondere für mich ist grundsätzlich, Kompaniechef zu sein. Weil ich damit das Vertrauen erhalten habe, Menschen zu führen und auszubilden.

Laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs 2001 dürfen Frauen alle militärischen Laufbahnen einschlagen. Ist es 18 Jahre später noch was Besonderes, wenn eine Frau Kompaniechef wird?
Ich kann Ihnen keine genaue Zahl sagen, aber es wird de facto so sein, dass wir mehr männliche Kompaniechefs haben als weibliche. Von meinem Empfinden her hat es für die Soldaten in dieser Kompanie zu keinem Zeitpunkt eine Rolle gespielt, dass es vorher ein männlicher Kompaniechef war. Ich glaube eher, dass es die Sicht von außen ist, die mich als etwas Besonderes darstellt. Die Soldaten messen mich an meinen Fähigkeiten, die Rekruten zu führen und auszubilden. Das ist für sie ausschlaggebend und nicht mein Geschlecht.

Warum sind für Sie Frauen in der Bundeswehr heute etwas Alltägliches?
Frauen stehen alle Laufbahnen in der Bundeswehr offen. Eine Frau kann Kommandosoldat werden. Ich erlebe es genauso, dass es keine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin. Ich war in unterschiedlichsten Verwendungen, ich war in unterschiedlichsten Einsätzen.

Warum wollten Sie eigentlich zu den Fallschirmjägern?
Ich habe die Fallschirmjägertruppe bei einer Übung und im Einsatz erlebt – und mich hat das total beeindruckt. Wir haben in diesem Regiment Männer und Frauen der ersten Stunde. Das sind die Kräfte in der Bundeswehr, die jederzeit in der Lage sein müssen, in Einsatz gebracht zu werden. Das beste Beispiel sind Evakuierungsoperationen. Man schickt das Fallschirmjägerregiment innerhalb von 72 Stunden in einen Einsatz, um deutsche Staatsbürger aus einem Krisenland zu evakuieren. Das können diese Kräfte. Die sind hochprofessionell. Und das ist in meinen Augen einzigartig.

Sind Sie, was ihre militärische Laufbahn betrifft, familiär vorbelastet?
Nein, gar nicht. So etwas wie hier bekommt man draußen nicht geboten. Ich habe über die Bundeswehr einen Masterstudiengang in Politikwissenschaften erhalten. Ich saß mit gerade mal 40 Kameraden im Hörsaal. Das ist im Zivilen selten zu finden. Ausbildung, Studium, das hätte ich zivil auch bekommen können. Aber hier kann ich meinem Land etwas zurückgeben, habe einen abwechslungsreichen Dienst. Die Offizierslaufbahn bringt häufige Versetzungen mit sich. Ich empfinde das unglaublich positiv, weil ich mich ständig in andere Umfelder begebe, neue Herausforderungen habe. Das ist total spannend.

Die Verteidigungsministerin hat gesagt, die Bundeswehr müsse familienfreundlicher werden. Geht das überhaupt – egal ob für Mutter oder Vater?
Ich bin erst seit 1. April in dieser Kompanie, aber seit 2015 Disziplinarvorgesetzte – vorher im Brigadestab in Saarlouis. Ich empfinde die Bundeswehr als im höchsten Maß familienfreundlich. Das mag auf den ersten Blick skurril wirken. Aber ich erlebe, dass Fürsorge durch die Disziplinarvorgesetzten gelebt wird. Natürlich können wir immer noch an uns arbeiten, da möchte ich der Ministerin recht geben. Wenn wir in einen Einsatz gehen, hat das selten etwas mit Familienfreundlichkeit zu tun. Dann trägt das Elternteil, das zu Hause bleibt, die ganze Last. Davor ziehe ich den Hut. Aber wenn hier im Grundbetrieb ein Soldat wegen eines Problems mit den Kindern zu mir kommt, löse ich das. Und zwar so, dass er beispielsweise nach Hause fährt, ich die Gruppenführer anders strukturiere.

Die Bundeswehr hat viele Soldaten, wenige werden Kompaniechef. Vorstellbar, dass sich Hauptmann Völker nicht auf dem Posten ausruhen wird. Welche Ziele haben Sie noch?
Ich bin Berufssoldat und ich glaube auch ein gutes Beispiel für die guten Aufstiegschancen in der Bundeswehr. Ich war zunächst Soldat auf Zeit, dann Berufssoldat. Mein oberstes Ziel war es, Kompaniechef zu werden. Jetzt genieße ich diese Zeit. Ich bin definitiv für drei Jahre Kompaniechef. Das ist die Vorgabe, das finde ich gut. Wie es dann weitergeht, werden wir sehen.

Wie lange wird es denn dauern, bis die Niederauerbachkaserne einen weiblichen Kommandeur hat?
Ich glaube, ich werde das noch erleben. |INTERVIEW: THOMAS FÜSSLER

x