Rheinpfalz „Ich gehe nicht mehr zurück“

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Vier Monate und 23 Tage. Micheal Geabrezgabiher kann aus dem Stand heraus sagen, wie viel Zeit vergangen ist, seit er in Kusel ankam. Der 21-jährige Eritreer zählt die Tage. Viel zu tun hat er nicht. Zweimal in der Woche geht er zum Deutschunterricht in die Kontaktstelle Holler. Am liebsten würde er eine richtige Schule besuchen. Zweimal hat er nachgefragt, beide Male ohne Ergebnis. Er wirkt hilflos, als er in Englisch die Frage stellt: „Wie kann ich lernen?“ Der junge Eritreer hat seine Heimat gegen den Wunsch seiner Familie verlassen. „Eritrea hat keine Demokratie, keine Redefreiheit“, sagt er. Das Land im Nordosten Afrikas ist als „Nordkorea Afrikas“ verschrien. Seit 1993 unabhängig, trat die Verfassung von 1997 nie in Kraft. Präsident Isaias Afwerki regiert alleine, das Parlament hat er seit 2001 nicht mehr einberufen. Regimekritiker werden nach Angaben des Auswärtigen Amtes ohne rechtsstaatliches Verfahren verhaftet und an geheimen Orten inhaftiert. Micheal Geabrezgabiher entschied sich zu gehen, als er einen Einzugsbefehl erhielt. Er sollte die Schule abbrechen und künftig in der Militärpolizei dienen. Was folgte, war eine Odyssee durch Nordafrika: über Äthiopien ging es zunächst in den Sudan, von da weiter durch die Sahara bis nach Libyen. In einem zu kleinen Boot für zu viele Menschen gelang ihm schließlich die Überfahrt durchs Mittelmeer bis nach Italien. Die Reise sei gefährlich, sagt Geabrezgabiher. Viele stürben unterwegs. Neben ihm sitzen die anderen Deutschkurs-Schüler und nicken, als er von den Gefahren spricht. Sie haben alle einen ähnlichen, nicht immer legalen, Weg zurückgelegt. Geabrezgabiher telefoniert einmal im Monat mit seiner Familie in Eritrea. Sie wollte nicht, dass er die Heimat verlässt. Auch wenn er jetzt alleine in Deutschland lebt, kommt eine Rückkehr für ihn nicht in Frage. „Ich gehe nicht mehr zurück“, sagt er bestimmt. Auch der Somalier Ahmed Abdulahi Saed will in Deutschland bleiben. Ob er das dauerhaft darf, kann er wie Micheal Geabrezgabiher nicht so genau sagen. Der 20-Jährige ist vor dem Bürgerkrieg in Somalia geflohen. In gebrochenem Englisch berichtet er von den Folgen des Krieges: keine Bildung, viele Waffen und „kill, kill, kill“. Seit 2012 hat das Land am Horn von Afrika wieder eine Regierung, die Sicherheitslage bleibt aber weiter kritisch. Vor allem die Selbstmordattentate und Bombenanschläge der islamistischen Al-Shabaab-Miliz sorgen für Unsicherheit im Land. Saed hatte die gleiche Reiseroute wie der Eritreer Geabrezgabiher. Angst hatte er vor allem während der Zeit in Tripolis. In Libyen würden Flüchtlinge wie er verhaftet und in Gefängnisse gesteckt, berichtet er. Der Somalier kennt Deutschland wegen seiner Sportler, dem „Team Germany“, wie er sagt. In Italien habe er sich nicht wohlgefühlt, deshalb reiste er weiter bis nach Deutschland. Nach Zwischenstationen kam er schließlich gemeinsam mit anderen somalischen Flüchtlingen nach Kusel. Pläne für die Zukunft hat Saed schon. Der junge Somalier will Deutsch lernen, eine Ausbildung machen oder sogar studieren. Er kenne sich in der Mechanik aus, erzählt er. Das wäre etwas für ihn. Bis dahin gilt es aber erst einmal Deutsch zu lernen. Eine sehr schwere Sprache, meint er. Nötig wären wohl tägliche Unterrichtsstunden, aber das können seine ehrenamtlichen Lehrerinnen in der Kontaktstelle Holler nicht leisten. Der Kontakt in die Heimat ist komplett abgebrochen. Seine Familie hat kein Telefon.

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