Rheinpfalz Hans Rosenthal wollte mit ihm tauschen

Noch heute hat Werner Weismann die originale Abfahrtskelle aus seiner Zeit als Zugführer.
Noch heute hat Werner Weismann die originale Abfahrtskelle aus seiner Zeit als Zugführer.

«GEISELBERG.»Es ist der Albtraum eines jeden Bahnreisenden: Auf dem selben Gleis fahren zwei Züge aufeinander zu. Diese Situation hat der Geiselberger Werner Weismann schon erlebt. Der 77-Jährige war Zugführer bei der Deutschen Bahn und hat in seinem Berufsleben schon viel mitgemacht. Und zwar nicht nur Unglücke, sondern auch so manche nette Begegnung mit prominenten Fahrgästen.

Werner Weismann, Zugführer im D-Zug bei Michelstadt, weiß noch genau, wie es sich damals zugetragen hat. Das Zugunglück, das er miterleben musste, war Horror. „Wir hatten Rot und mussten kurz warten, bevor es weitergehen sollte“, erzählt der Geiselberger. Da erreichte ihn der Anruf eines Kollegen. Mit zitternder Stimme habe der gerufen: „Er ist bei Rot losgefahren und kommt auf euch zu.“ Gemeint war ein anderer Zug, und als Weismann aus dem Fenster schaute, sah er schon drei Lichter immer schneller auf sich zukommen. Der Lokführer stürmte aus seinem Stand, gegenüber stand eine Frau mit einem kleinen Kind. Weismann riss ihr das Kind aus dem Arm, stürmte ins nächste Abteil und brüllte: „Alle hinlegen“. Und schon fuhr der Unglückszug mit ohrenbetäubenden Knall auf Weismanns Zug auf. So unfassbar die Situation war, Weismann behielt die Nerven. „Es herrschte Chaos, besonders in den ersten Waggons. Schreie, überall Verletzte. Ich sah Menschen blutend am Boden liegen, aus dem Bein einer Frau ragte ein Knochen hervor. Es war furchtbar“, beschreibt der 77-Jährige noch heute ergriffen die ersten Sekunden nach dem Aufprall. Er selbst blieb unverletzt, ebenso das Kind, das er der Frau aus dem Arm genommen hatte. Über Funk alarmierte er die Rettungsdienste und einen Hubschrauber. Erst nach Stunden verließ er als einer der letzten die Unfallstelle, nachdem er die Weiterfahrt der unverletzten Fahrtgäste organisiert hatte. „Als Zugführer war das meine Aufgabe“, sagt er heute bescheiden. „Werner, vor unserem Haus hält ein dicker Mercedes. Wollen die etwa zu uns?“, fragte seine Frau Wochen nach dem Unfall beim Blick aus dem Fenster. Tatsächlich, erinnert sich Weismann, zwei Herren in Anzügen standen vor der Tür und stellten sich vor. „Der eine war der Chef des Frankfurter Hauptbahnhofes, an den anderen kann ich mich nicht so recht erinnern“, sagt Weismann heute. Sie bedankten sich für sein umsichtiges und mutiges Handeln bei dem Zugunglück mit 21 Verletzten. Ein Buch und 500 Mark gab es als Dankeschön. „Es war eine feine Geste, dass ich nicht einbestellt wurde, sondern die beiden ,hohen Tiere’ der Bahn zu mir nach Hause kamen.“ Als ein Nachbar dem gelernten Zuschneider 1973 erzählte, dass die Bahn Mitarbeiter suche, ergriff der geborene Geiselberger die Chance. Am 1. Februar 1973 stand er auf dem Rangierbahnhof Kaiserslautern-Einsiedlerhof, bereits ein halbes Jahr später arbeitete er in Frankfurt. „Das ist keine plumpe Arbeit“, erzählt Weismann. „Jeder Waggon ist anders beladen, mit teils wertvoller, teils leicht zerstörbarer Ware, da ist beim Rangieren schon Fingerspitzengefühl gefragt.“ Doch Weismann wollte mehr und absolvierte eine Ausbildung zum Zugführer in Frankfurt. „Das war mein Sprungbrett, um mit der Deutschen Bundesbahn durch Deutschland zu reisen“, sagt er lachend. Dabei lernte er auch, was es mit den verschiedenfarbigen Fahrkarten auf sich hatte. „Die wichtigste war die weiße Karte“, erzählt Weismann. Es war die Farbe für Prominente und Politiker. Auch Fritz Walter hatte eine solche Fahrkarte. Und wenn er nach München fuhr, saß er immer auf dem gleichen Platz im 1.-Klasse-Abteil, erinnert sich Weismann. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, den Fußballer zu begrüßen. „Es ist halt meine Art“, sagt der Geiselberger. „Kennen wir uns?“, habe Walter gefragt, „aber dem Dialekt nach sind Sie ein Pfälzer“. „Aus Geiselberg“, sagte Weismann und sofort kam die Antwort: „Da wohnt auch der Winfried.“ Gemeint war der ehemalige FCK-Spieler Winfried Richter. Der besorge ihm hin und wieder eine Karte für den Betzenberg, erzählte Weismann seinem prominenten Fahrgast und erntete von „Fritz“ ein Grinsen. Viele Prominente wie Freddy Quinn oder „Goldfinger“ Gert Fröbe reisten auf der IC-Strecke von Hamburg nach Frankfurt. Fröbe habe ihm „ohne große Worte“ ein Autogramm gegeben und mit „Goldfinger“ unterschrieben. Eines seiner schönsten Erlebnisse mit Prominenten hatte Weismann aber mit Hans Rosenthal von „Dalli, Dalli“. Auch ihn habe er wegen eines Autogramms angesprochen. Da habe Rosenthal gesagt: „Das ist schön und wissen Sie was, Sie möchte ich sein.“ Und Weismann entgegnete: „Und ich möchte Ihr Köpfchen haben, dann wäre ich kein Eisenbahner und müsste Sie nicht kontrollieren.“ Darauf sprang Rosenthal im Abteil auf und rief lachend zu den völlig verdutzten Mitreisenden „Das war spitze“. Weismann: „Es war wie im Fernsehen und alle klatschten begeistert Beifall.“ Weismann hat viele Schauspieler getroffen und nur einer habe seine Bitte nach Fahrkarte und Autogramm mit „nicht mal im Zug hat man seine Ruhe“ quittiert. Ärger hatte Weismann aber mit manchen Politikern. „Sie stören. Sie kennen mich doch und ich zeige Ihnen meine Fahrkarte nicht“, habe einer mal gesagt. Weismanns Antwort: „Dann werden Sie völlig störungsfrei am nächsten Haltepunkt aussteigen.“ Als er Weismann die Karte gab, habe der Politiker geknurrt „Sie werden noch von mir hören“. Eine leere Drohung. Anders als bei einem Vorfall in Hannover. Eine „junge, hübsche Frau“ mit Kinderwagen bat ihn beim Halt, ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Und wie Weismann eben so ist, entgegnete er „Hübschen Frauen helfen wir immer gerne“. Daraufhin habe ihn eine „weniger hübsche Frau“ daneben angesprochen: „Das haben Sie nicht umsonst gesagt“. Zurück in Frankfurt musste Weismann beim Z8, dem Chef der Zugführer, zum Rapport antreten. „Auf vier DIN-A4-Seiten hatte sich die Frau über mich beschwert, von Diskriminierung war die Rede.“ Er schilderte dem Z8 den Vorfall, die Frau bekam ein Entschuldigungsschreiben der Bahn, er selbst eine Belehrung, solche Sprüche künftig zu lassen, und sein Job war wieder sicher. Seit 2004 ist Weismann in Pension. Noch heute könnte er Hunderte Episoden aus seinem Berufsleben erzählen. Zwei erwachsene Kinder und fünf Enkel sorgen dafür, dass ihm nicht langweilig wird. Zudem ist er Mitglied in fünf Geiselberger Vereinen und im Dorfleben sehr engagiert.

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