VG Herxheim
Gute-Laune-Musik und Comedy zur Eröffnung des Kultursommers
Wie im Zentrum von Herxheim sind am Samstag auf dem kleinen Plätzchen hinter dem Rathaus von in Herxheimweyher die Tische für einen gemütlichen Kaffeeklatsch gedeckt. Der Ostwind zerrt ein wenig an den roten Tischdecken, aber die lassen sich ja mit gefüllten Kuchentellern oder Schorlegläsern fixieren. Eine Schar von Kindern hat es sich auf einem kleinen Mäuerchen gemütlich gemacht, wippt mit den Füßen und kaut an Fruchtgummi, das es an diesem Tag gratis gibt.
Dazu wird Musik vom Feinsten serviert: Die fünf Musiker des Absinto Orkestra laden ein in den „Balkan-Beat-Express“ und geben Volldampf – wie später auch noch einmal in Herxheim oder am Sonntag in Hayna und Rohrbach. Denn das Programm wird rundherum gereicht in der Verbandsgemeinde, die ihr 50-jähriges Bestehen feiert.
Die Musik ist „inspiriert von den mitreißenden Rhythmen osteuropäische Hochzeitskapellen“, steht im Programmheft. Man kann sie sich vorstellen, die Hochzeitsgesellschaft, die immer fröhlicher und wilder tanzt zu Melodien, die forttragen und mitreißen in einem steten Strom. Und dazwischen schluchzt mal die Geige mit viel Schmelz und Vibrato.
Einflüsse vieler Kulturen mischen sich
Verschiedene Einflüsse mischen sich in dieser Gute-Laune-Musik: klassische Elemente mit Musik der Sinti und Roma, orientalische Anklänge mit Jazz. Die fünf Musiker, die selbst aus verschiedenen Kulturen stammen, dürfen auch als Solisten glänzen, wobei besonders der Mann am Kontrabass bewundert wird, wie er in einem unglaublichen Tempo die Saiten des behäbigen Instruments bearbeitet. Das Publikum lernt, an der richtigen Stelle „hey“ zu rufen und ist begeistert.
Da hat es das Akkordeonduo Lukas Gogol und Grzegorz Kuryla aus Polen etwas schwerer. Die beiden haben Musik studiert, sind Könner ihres Instruments; Gogol hat sogar eine TV-Show gewonnen, die dem deutschen „Supertalent“ entspricht, wie Ortsbürgermeister Markus Müller stolz erzählt. Die beiden kommen gänzlich ohne Technik aus und gehen deshalb ab und zu im Kaffeeklatschlärm etwas unter.
Akkordeon nicht als Volksmusik
Wer dennoch hinhört, kann sich an der enormen lautmalerischen Variationsbreite des Akkordeons erfreuen: Es jubelt, klagt, es klingelt und vibriert, klingt mal wie Meereswellen, mal wie Schläge auf Metall. Wer sich Akkordeonmusik als eingängiges Volksmusikgedudel vorstellt, wird enttäuscht. Ungewöhnliche Rhythmen bestimmen die Darbietung. Mitgebracht haben die Polen auch die Variation eines ukrainischen Volkslieds, dessen wehmütige Melodie leise über den kleinen Rathausplatz weht.
Nur ein paar Schritte weiter, zwischen der Scheune und dem schönen Garten des Hofs Konrad, hat es sich Autor Tijan Sila vor etwa zwei Dutzend Zuhörern an einem Gartentisch bequem gemacht – später wird er auch noch im Jugendzentrum von Herxheim lesen. Der 41-Jährige ist in Sarajevo geboren und als 13-Jähriger mit seinen Eltern nach Deutschland emigriert. Die Familie landete im „Texasviertel“ von Landau – heute stehen dort edle Wohngebäude.
Tijan Sila hat seinen Roman Landau gewidmet
„Ganz Landau“ ist sein Roman „Krach“ gewidmet, der im fiktiven Calvusberg spielt, einer Melange aus diversen pfälzischen Städten. Das Buch ist zwar keine lupenreine Biografie, erzählt aber doch viel aus dem Leben des früheren Gastarbeiterkinds – von seinen Problemen in der Schule, seiner schwierigen Herkunftsfamilie, seiner Punkrockband. Heute lebt Sila als Berufsschullehrer in Kaiserslautern: „Und das ist so heruntergekommen, wie es damals Landau war“, meint er trocken.
Tijan Sila liest eine Passage aus seinem Buch, die den chaotischen Auftritt seiner Punkband in einem Betonbunker im sächsischen Heidenau beschreibt, „halb so groß wie Calvusberg, aber zehnmal so hässlich“. Witzig ist der Text, aber für manche der älteren Zuhörer gewöhnungsbedürftig. Denn Silas Sprache ist lakonisch und trocken, von großer Kraft, aber sie kennt keine Beschönigung. Kein Zufall, dass eine der Bands darin Kot, Brot und Scheiße heißt.
Nicht immer springt der Funke über
Weiter geht es nach Insheim. Dort ist der Zeppelinplatz gut gefüllt, aber das Interesse am Auftritt des Orchesters Di grine Kuzine hält sich in Grenzen. Routiniert spielen die Fünf aus Potsdam ihre „Musik tief aus dem Herzen Europas“. Frontfrau Alexandra Dimitroff setzt durch ihre starke Stimme mit leichtem Reibeiseneffekt Akzente, unterstützt von den Blasinstrumenten von Tuba-Gebrummel bis Klarinette, während das Schlagzeug meistens einen immer gleichen Beat hören lässt.
Karibisch, französisch, osteuropäisch – das Repertoire ist bunt gemischt, aber der Funke will nicht überspringen. Alexandra fordert zum Tanzen auf: „Wenn ihr eure Bockwurst aufgegessen habt: abzappeln.“ Drei Leutchen bewegen sich auf dem Platz. Dann wird ein Tanz aus Bulgarien angekündigt, und die Leadsängerin rettet sich in Ironie: „Ihre Tausenden Tänzer hier, verknotet euch bloß nicht die Beine ...“ Am Schluss gibt’s gemäßigten Applaus.
Sechs Männer mit ulkigen Hüten
Dass die Insheimer auch anders können, wird beim nächsten Auftritt klar. Sechs gestandene Männer mit Glitzerjacken und ulkigen Hüten auf dem Kopf, die wie kleine Törtchen aussehen, marschieren zackig auf und werden gleich ganz schön übergriffig. Die Musikkomiker von Imperial Kikiristan verschmähen – wie schon beim Auftritt zuvor in Herxheim oder am Sonntag in Hayna – die Bühne, sie mischen sich unter die Leute, steigen auf Tische und Bänke und tröten fröhlich, was das Zeug hält.
Sie suchen sich ihre Opfer aus und singen und schmachten sie mit großen Gesten an. Die Reaktion darauf fällt unterschiedlich aus: Eine ältere Dame weiß nicht, wie ihr geschieht, ist erst ein bisschen verlegen, dann lacht sie und fängt zu tanzen an. Ein kleines Mädchen, das versunken gespielt hat, erschrickt, als sich die Musiker vorsichtig nähern, und rennt in leichter Panik zu ihrer Mutter. Den beiden widmen sie dann ein kleines Extrakonzert.
Die Hütchenträger aus Kikiristan sind Meister der Choreografie und der Improvisation. Ein blauer Kinderball, der herumfliegt, wird sofort in die Show einbezogen. Der Bierstand wird musikalisch umlagert. Hin und wieder führt das witzige Sextett eine Art Ballett auf, bewegt sich auch schon mal in Zeitlupe.
Die Musik zu diesem Männerballett der besonderen Art ist eine heiße Mischung aus Balkan-Brass und lateinamerikanischen Rhythmen. Eindeutig Mitklatschmusik. Die Leute an den Biertischen lassen sich nicht lange bitten, mit Juchzen und Bravorufen werden die „Botschafter des Friedens“ aus dem fiktiven osteuropäischen Staat verabschiedet.