Rheinpfalz „Große Gemeinschaftsaufgabe“
Neustadt. Bürger, Politik, Betriebe und Verwaltung müssen Hand in Hand arbeiten, um den Klimawandel voranzutreiben. Das haben die Experten der BAUM-Gruppe, die ein Klimaschutzkonzept für die Stadt erstellt, bei der ersten Klimaschutzkonferenz betont. Knapp 90 Bürger beteiligten sich an den Diskussionen und brachten Ideen ein.
Wo steht Neustadt in Sachen Klimaschutz? Was ist möglich, um den Klimawandel in der Stadt und den Ortsteilen voranzutreiben? Mit welchen Maßnahmen soll begonnen werden? Und was geht in der Region gar nicht? Um diese Fragen drehte sich die erste Neustadter Klimaschutzkonferenz. Umweltdezernentin Waltraud Blarr (Grüne) las aus dem Buch „Schicksale des Klimawandels“ vor: Geschichten von Menschen aus aller Welt, denen durch die Erderwärmung die Lebensgrundlage entzogen wird. Ganz so dramatisch wie bei den geschilderten Fällen aus Thailand, Peru, Mali, den USA und Italien gehe es hierzulande zwar noch nicht zu, sagte die städtische Beigeordnete. „Aber wir haben auch bei uns Katastrophen“, erinnerte Blarr an die jüngsten Überschwemmungen in der baden-württembergischen Gemeinde Braunsbach. Der Status quo in Neustadt sei allerdings gar nicht schlecht, betonte Sandra Giglmaier von der Firma BAUM bei der Vorstellung der Analyseergebnisse. Die Fachleute des Bundesdeutschen Arbeitskreises für umweltbewusstes Management (BAUM) haben errechnet, dass der jährliche CO2-Ausstoß in Neustadt bei 7,2 Tonnen pro Einwohner liegt. Im Bundesdurchschnitt werden 11,5 Tonnen pro Einwohner und Jahr ausgestoßen, in der gesamten EU sind es neun Tonnen. Allerdings profitiere Neustadt bei diesen Zahlen davon, dass die CO2-intensive Industrie hier kaum eine Rolle spiele. Viel wichtiger ist den Experten sowieso die Frage, wohin die Stadt und ihre Bürger in Sachen Klimaschutz wollen, also welche Ziele erreicht werden sollen. Laut Giglmaier wurden 2014 in Neustadt neun Prozent des Strom- und Wärmebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen wie Biogas, Wasser- und Windkraft oder Photovoltaik gewonnen. Realistisch sei es, diesen Anteil bis 2035 auf 42 Prozent und bis 2050 auf 91 Prozent zu erhöhen. Das könne zum größten Teil mit Solarenergie gelingen. „Wenn wir die 100 Prozent anstreben wollen, müssen wir aber noch deutlich mehr Dinge anschieben“, sagte BAUM-Geschäftsführer Ludwig Karg. Er sprach vom „Dreisprung der Energiewende“: 1. einsparen; 2. effizient nutzen; 3. erneuerbar erzeugen. Das könne aber nur als „große Gemeinschaftsaufgabe“ funktionieren, für die sich Bürger, Politik, Betriebe und Verwaltung Hand in Hand einsetzen müssten. Eine Kommune könne zwar vieles anstoßen, könne unterstützen und Menschen motivieren, aber nicht alles alleine umsetzen. So war „Die Rolle der Stadt in der Energiewende“ auch nur eines von vier Handlungsfeldern, die in der BBS mit den Bürgern diskutiert und in denen Ideen gesammelt wurden. Mit „Energieeffizienz in Betrieben“, „Mobilitätswende“ sowie „Energiemanagement und Sanierung im privaten Bereich“ waren die weiteren Themenbereiche überschrieben. Diskussionen gab es zum Stichwort Verkehr. Das Image der Radfahrer in Neustadt sei katastrophal, und die Stadt zeige überhaupt kein Interesse, diese Situation zu verbessern, fördere vielmehr sogar den Autoverkehr. Viele Teilnehmer äußerten den Wunsch, die Stadt solle eine zentrale Anlaufstelle für Klimaschutzfragen einrichten, ihre Liegenschaften energetisch sanieren und idealerweise ein Nahwärmenetz, eine große Thermosolaranlage und/oder Biogasanlagen errichten. Für Unternehmen, vor allem für kleine mittelständische Betriebe, sollte es nach Meinung vieler eine intensive Energieberatung geben, auch mit Blick auf Finanzierungsmöglichkeiten. Im privaten Bereich müsse der Fokus auf Maßnahmen im Bestand und nicht auf Neubauten liegen, so die einhellige Meinung. Alle Ideen sollen in den nächsten Wochen geprüft und bis zur zweiten Klimaschutzkonferenz am 31. August zu Maßnahmen gebündelt werden. |ffg