Annweiler
Große Gedächtnisausstellungen für den Maler Adolf Kessler
Adolf Kesslers Nachlass ist in so guten Händen wie nur wenige andere Künstlererbschaften. Alle Wände in Fluren und Konferenzräumen hat Peter Hornbach, Neffe und Adoptivsohn des Südpfälzer Unternehmers, über und über mit Arbeiten Adolf Kesslers behängt. Er leitet die Stiftung, deren primärer Zweck neben anderen kulturellen und sozialen Förderzielen die Bewahrung des Kessler-Erbes ist. Ausgestattet ist sie mit Anteilen an der Wasgau AG.
Otmar Hornbach war ein Schulfreund von Adolf Kesslers Sohn Karl Konrad und oft im Haus des Malers zu Gast, erzählt Peter Hornbach. In jungen Jahren habe er sich geschworen, Gemälde zu kaufen, wenn er einmal zu Geld kommen würde. So kam es dann auch mit der Idee vom ersten Bau- und Gartenmarkt mit Selbstbedienung in Europa. Spät löste Otmar Hornbach das Versprechen ein, aber dann reichte das Geld zu sichern, was auf den Markt kam. Neben den 210 Exponaten lagern weitere 39 gerahmte Gemälde in Annweiler, 60 Skizzen und Entwürfe in drei Arbeitsmappen sowie zehn Rollen mit Eins-zu-eins-Vorlagen für Wandgemälde.
„Die Pfälzer Maler sind nicht mehr so gefragt“
Kessler zog es nicht wie seine befreundeten Kollegen Max Slevogt oder Hans Purrmann nach Berlin, sein Renommee blieb auf die Region begrenzt. Längst muss Peter Hornbach für Ankäufe nicht mehr so tief in die Stiftungstruhe greifen wie kurz nach des Künstlers Tod 1974, wie er beim Rundgang durch die Galerie erzählt. „Inzwischen sind die Pfälzer Maler nicht mehr so gefragt. Ich kann mir die Rosinen herauspicken.“ Seit Corona ist aber leider auch das Interesse der Gruppen eingeschlafen, die das Haus zu Führungen regelmäßig ansteuerten.
Jetzt soll ein großes Ausstellungsprojekt den Maler wieder ins öffentliche Gedächtnis zurückholen: zum 50. Jahrestag seines Todes. Am 20. Oktober 1974 starb Adolf Kessler mit 84 Jahren in seinem Haus in Godramstein. Beteiligt sind auch Nachkommen Kesslers: Zweites Standbein wird der Hohenstaufensaal von Annweiler, wo seine monumentalen Fresken zu sehen sind und sein Enkel Rainer Schellenberger zudem rund 100 Familienbilder zusammentragen will, die bisher nicht öffentlich zu sehen waren. Außerdem sind die Wandmalereien in der protestantischen Kirche in Godramstein und im Rathaus von Annweiler zu besichtigen.
Die Ausstellung im Stiftungshaus hat Peter Hornbach nach Themen neu arrangiert und zum Teil auch frisch bestückt. Das 1987 erbaute Adolf-Kessler-Haus ist mit seinen großen Glasfronten zwar eigentlich eher ungeeignet zur Präsentation lichtempfindlicher Kunst. Doch die Stiftung hat einiges an UV-Schutz und Klimatisierung nachrüsten lassen, um den Bau zu ertüchtigen.
Ein Großformat von der Heuernte kommt dennoch nicht als Dauerleihgabe der Pfalzgalerie Kaiserslautern nach Annweiler, wie Hornbach erzählt. Nicht etwa wegen des Raumklimas. Die Stiftung hätte sogar 80.000 Euro für die Restaurierung der Leinwand bezahlt, die eingerollt in einem abgemauerten Raum des Depots lagerte. Aber nicht auch noch die geforderten jährlichen Inspektionen. Jetzt wird das Gemälde weiter ungesehen im Lager schlummern – unrestauriert. Verkaufen darf es die Pfalzgalerie satzungsgemäß nicht. Aber das Bild des schweizerischen Wenkenhofs, der Heimat von Kesslers erster Frau, kommt als Leihgabe aus Kaiserslautern in den Hohenstaufensaal.
Ein Zimmer im Kessler-Haus wurde dem Schankraum im Ritterhof zur Rose in Burrweiler nachempfunden, der in den 1940ern ein beliebter Künstlertreff war. Für ihn malte Kessler den „Raub der Königin“: die Entführung Elisabeth von Braunschweigs 1255 auf die Rietburg. Das große Wandgemälde ging verloren, als der Putz abplatzte. In Annweiler hängen nun Entwürfe und Teile der Pausskizze. Zu sehen ist hier auch die Max-Slevogt-Medaille des Landes, die Kessler 1973 verliehen wurde, und seine Bronzebüste, gefertigt durch seinen Kollegen Richard Menges.
Für Wandmalereien wurde Kessler besonders geschätzt. Um anatomisch richtige Proportionen und den Bildaufbau auf einer großen Fläche und noch mit dem Blickwinkel von unten hinzukriegen, braucht es schon spezielle Fertigkeiten. Und für Fresken auch noch einiges an handwerklichem Können. Damit hat Kessler sich schon sein Studium an der Kunstakademie München von 1910 bis 1914 finanziert – etwa als Gehilfe bei der Ausmalung des Auerbach-Kellers in Leipzig, der durch Goethe Weltruhm erlangte. Gelernt hatte er das Rüstzeug bereits vor dem Studium von 1903 bis 1906 bei einer Lehre als Dekorationsmaler in Landau und von 1907 bis 1910 an der Kunstgewerbeschule München.
Einige Arbeiten sind auch in der Region erhalten: Kreuzigung und Auferstehung in der Godramsteiner Kirche, die Chorwand in St. Josph Annweiler, die Episoden aus der Stadtgeschichte im Rathaus von Annweiler und im alten Ratssaal von Landau, das Altarbild in der evangelischen Kirche in Rhodt, Auferstehung und die trauernden Frauen am Grab in der katholischen Kirche in Offenbach.
Rund 2000 Werke soll Kessler auf Leinwand, Papier oder Tafeln hinterlassen haben. Er hat Bücher illustriert und verstand sich auf alle Mal- und Zeichentechniken: Öl, Aquarell, Gouache, Pastell, Bleistift, Tusche und Kohle. Kessler, der 1922 die Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler mitbegründete, konnte von seiner Kunst leben, was heute nicht mehr vielen vergönnt ist. Aber er hat auch zweimal gut geheiratet, erzählt Hornbach. Außerdem hatte er noch seine Muse Käte Kadel, die – ausgebombt im Krieg – mit ihrem Sohn im Dachgeschoss von Kesslers Godramsteiner Haus lebte und sich geschäftstüchtig um den Verkauf seiner Bilder kümmerte.
Als Künstler war Kessler pragmatisch. Es habe ihm nichts ausgemacht, auf Wünsche seiner Kunden einzugehen: dem Paar auf der Bank das Aussehen der Großeltern zu geben, das Familienpferd vor den Karren zu spannen oder den Hofhund in der Sonne dösen zu lassen. Und wenn ein Gemälde ankam, habe er sich selbst auch kopiert, sagt Hornbach. Wer in den Konferenzraum schaut, wo Kesslers Staffelei aufgebaut ist, wird feststellen, dass nach dem Krieg die Nachfrage nach Blumenstillleben groß war, für die Kessler im eigenen Garten Sträuße in allen Variationen pflückte.
Viele Anekdoten aus dem Leben Kesslers hat sein Sohn Karl Konrad auf Lager gehabt. Er war Berater Hornbachs beim Ankauf von Bildern, denn nicht alle sind signiert. „Wir hätten uns gefreut, ihn am Samstag als Ehrengast bei der Eröffnung zu haben“, sagt Hornbach. Doch Karl Konrad Kessler starb im Juli.
Kunsthistoriker Wilhelm Weber, der Kesslers Biografie verfasste, nannte ihn einen „Künstler, der mit ganzem Herzen an seiner Heimat hing“. Immer wieder suchte der Maler seine Motive im Weinberg, zeigte die Menschen bei der Ernte und bei der Reblausbekämpfung. In der Annweilerer Sammlung sind auch seine ersten Gemälde als 16-Jähriger, die schon seine Beherrschung der Perspektive zeigen wie ein Blick von seinem Geburtsort Godramstein auf die Haardt. Gutes Geld habe er mit seinen gekonnten Porträts verdient, sagt Hornbach. Und sein persönliches Faible machte ihn zu einem der letzten großen Historienmaler.
Während Kessler in seinen 20ern noch expressionistisch malte und seine Pastelle impressionistisch zart wirken, hat er sich in späteren Arbeiten wieder entfernt von der Moderne seiner Zeit. Das muss gar nicht mal unter dem Druck der Nationalsozialisten geschehen sein, gegen deren Kunstdoktrin Kessler gewettert haben soll. Laut Webers Biografie wurde auch ein Werk beschlagnahmt. Eine rückwärts gewandte Formensprache – wuchtig, materialbetont und bodenständig – wurde als Rolle rückwärts von der Sparsamkeit der 1920er-Jahre in der Pfalz auch schon vor den Nazis populär. So Kesslers Fresken in der Landauer Friedhofshalle, die wegen ihres heroischen Duktus so umstritten sind, bereits 1928.
Nachgesagt wird Kessler auch seine Nähe zum Annweilerer Nazi-Bürgermeister Fritz Peters, den er in den Fresken im Ratssaal verewigt hat. Seine Zeitgenossen setzte er überhaupt gerne in einen historischen Zusammenhang – in den Godramsteiner Fresken ist die eigene Ehefrau abgebildet. Und die Spötter unter Jesu Kreuz tragen unverkennbar die Konterfeis der russischen Revolutionäre Lenin und Trotzki.
Ein Widerständler war Kessler aber definitiv nicht. 1933 ist er in die NSDAP eingetreten, heißt es in seiner Biografie. Die Hakenkreuzfahnen, mit denen er die Straßenszene seiner Deidesheimer Geißbockversteigerung dekorierte, hat er später übermalt, wie Hornbach erzählt. Anzumerken ist es dem Bild, das im Kessler-Haus hängt, nicht.
Mag auch sein Stil heute nicht mehr zeitgemäß wirken, sein Handwerk beherrschte Kessler. Das zeigen auch seine Bilder von Pferden, Ochsen und Kühen, die er ganz natürlich in Bewegung malen konnte: bei der Arbeit in Feld und Wingert, aber auch bei der Schlacht im Ersten Weltkrieg, als der Pfälzer als Freiwilliger im 2. Bayerischen Ulanenregiment diente.
Im Lazarett lernte Kessler seine erste Frau Elisabeth (Lili) Wackernagel kennen, die Tochter des Basler Historikers Rudolf Wackernagel. Sie starb 1923 bei der Geburt des Sohns Rudolf. Der kürzlich gestorbene Karl Konrad war ein Sohn aus Kesslers zweiter Ehe mit Madelon Schünemann, der Tochter einer Bremer Kaufmannsfamilie, aus der auch die Tochter Anna Maria Elisabeth stammt. In Hornbachs Sammlung finden sich Bilder beider Ehefrauen: der lebenslustigen Schweizerin und der eher strengen Hanseatin. Und auch ein Bild seiner Muse Käte, die Kesslers erster Frau verblüffend ähnlich sieht.
Termin
Gedächtnisausstellung zum 50. Todestag von Adolf Kessler vom 5. bis 20. Oktober im Adolf-Kessler-Haus (Burgenring 118, Fr-Mi 14-17, Do 14-19 Uhr), im Hohenstaufensaal Annweiler (Mo-So 16-18 Uhr) und in der protestantischen Kirche Grodramstein (Mo-So 16-18 Uhr). Bei der Vernissage am 5. Oktober um 17 Uhr im Hohenstaufensaal spricht Christoph Zuschlag, der früher an der Uni Landau lehrte und bereits zwei Adolf-Kessler-Ausstellungen im Landauer Strieffler-Haus kuratiert hat. Heute ist er Direktor des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn. Eröffnungsgottesdienst in Godramstein ist am Sonntag, 6. Oktober, 10 Uhr.