Rheinpfalz Gastfamilien für jugendliche Flüchtlinge?
(kad/ahb). Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sollen künftig in „Gastfamilien“ wohnen können. Morgen stellt Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) ein von der Stadt Trier und dem Jugendwerk Don Bosco entwickeltes Konzept vor. In Rheinhessen gibt es ähnliche Überlegungen. Neustadts Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer (CDU) sieht das Modell jedoch kritisch.
/NEUSTADT Ab November werden Kinder und Jugendliche, die ohne Sorgeberechtigte nach Deutschland flüchten, auf alle Bundesländer verteilt. Bisher bleiben sie dort, wo sie erstmals erfasst werden, also vor allem in Bayern und Hamburg. Die Landesregierung in Mainz rechnet mit 900 Minderjährigen. Fünf Schwerpunktjugendämter sollen sich ihrer annehmen. Doch noch ist das Land nicht einig mit den infrage kommenden Kommunen, zum Beispiel Kaiserslautern. Die Kinder und Jugendlichen sollen nach bisherigem Konzept zunächst bis zu drei Monaten in sogenannten Clearinghäusern wohnen. Das sind Einrichtungen der Jugendhilfe, wie es sie in Trier und im rheinhessischen Gau-Algesheim bereits gibt. Sind Alter, Herkunft, gesundheitliche Verfassung und der Bildungsstand geklärt, ist die erste Phase abgeschlossen. Nach Angaben der Stadt Trier sieht das „Gastfamilienmodell“ vor, dass die Jugendlichen bereits für diese Clearingphase in die Familien kommen. Pädagogische Fachkräfte von Don Bosco unterstützen die Familien, an die hohe Erwartungen im Umgang mit fremden Kulturen, Sprachen, Religionen und Gebräuchen gestellt werden. Dolmetscher stehen in wichtigen Fällen bereit. In den übrigen wird auf kreative Lösungen und auf den „Google-Übersetzer“ verwiesen. Das Konzept „Gasteltern“ soll nach RHEINPFALZ-Informationen wegen der knappen Plätze in den Jugendhilfeeinrichtungen zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten für die meist 15- bis 17-Jährigen erschließen. Aus Trier, wo aktuell 200 unbegleitete Minderjährige in der Obhut des Jugendamtes stehen, heißt es dazu, die Idee sei nicht primär entstanden, um das Kapazitätsproblem zu lösen. Vielmehr soll ein familiäres Umfeld eine Alternative zur Jugendhilfeeinrichtung darstellen. Auch die Jugendhilfe St. Hildegard in Bingen arbeitet an einem Gasteltern-Konzept. Dort sollen die Jugendlichen nach der Clearingphase und mit ersten Deutschkenntnissen in die Familie kommen. Sinnvoll sei dies bei Jugendlichen, die eine „gewisse Nestwärme“ benötigten, sagt Björn Spieler, Bereichsleiter bei St. Hildegard. Die Gasteltern müssten ausgebildet und erfahren sein. Neustadts Bürgermeister und Sozialdezernent Röthlingshöfer sieht das Modell skeptisch. Auf RHEINPFALZ-Anfrage sagte er, schon im Normalfall sei es für die Jugendämter schwierig, geeignete Pflegefamilien zu finden. Sie müssten gezielt ausgewählt, geschult, beraten und betreut werden. Mit minderjährigen Flüchtlingen hätten die Jugendämter wenig Erfahrung, das gelte erst recht für interessierte Familien, die es gut meinen. Er warne davor, mittels öffentlichen Aufrufen nach solchen Familien zu suchen. Es könnten sich zu viele melden, die das Jugendamt aus individuellen Gründen ablehnen müsse. „Für die Stimmungslage in der Bevölkerung dürfte das insgesamt wenig hilfreich sein“, so der Sozialdezernent.