Karlsruhe
„Familie Braun“ im Kammertheater
Ein Kind verändert das Leben. Vor allem, wenn es unerwartet hineinplatzt. Kai und Thomas haben sich in ihrer Nazi-WG gemütlich eingerichtet, da taucht der One-Night-Stand von Thomas auf. Und liefert die vor rund sechs Jahren gezeugte Tochter ab, denn die Mutter wird nach Eritrea abgeschoben. Statt Hysterie, Dämonisierung und Untergangsfantasien präsentiert die Komödie von Manuel Meimberg zwei junge Männer, die ihre Unsicherheit hinter lautstarkem Auftreten verstecken.
Kai und Thomas trinken in bester Unterschichten-Tradition das Bier aus der Dose, stoßen mit „Heil Hitler“ an und drehen, vorsichtshalber in schwarzen Tarnmasken, alberne Kurzvideos. Zum Beispiel, wie man aus Essstäbchen SS-Stäbchen machen kann. So könnte es weitergehen. Doch Thomas bekommt seine Tochter aufs Auge gedrückt.
Hier ist William Danne in seiner Inszenierung ein Geniestreich geglückt. Herein kommt kein kleines Kind, sondern ein Riesenbaby. Hans-Jürgen Helsig überragt alle anderen Darsteller durch schiere Körpergröße. Dabei gelingt es ihm umwerfend, die Naivität, Direktheit und Emotionalität einer Sechsjährigen auszustrahlen. Das Publikum war von dieser Besetzung begeistert und blieb es bis zum Schluss. Helsig bringt als Riesenbaby Lara die WG gründlich durcheinander. Ben Ossen, der dem Kai eine ordentliche Portion Aggressivität verleiht, setzt Thomas unter Druck. Er kann doch unmöglich mit einer Farbigen – natürlich formuliert Kai das nicht politisch korrekt – geschlafen und auch noch ein Kind gezeugt haben!
Luke Bischof vermittelt überzeugend, wie Thomas als vermeintlich überzeugter Nazi erst mal panisch alles leugnet. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Er rupft der protestierenden Lara ein Haar aus und schickt es für einen Vaterschaftstest ins Labor. Widerwillig muss Thomas die Vaterrolle übernehmen und Lara aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen, in dem es um einen „Marienkäfer“ geht, der anders ist als die anderen. Auch Kai soll mal einspringen. Ben Ossen zieht allein durch seine Stimmfärbung die Geschichte vom etwas anderen Käfer ins Lächerliche und greift dann zum einzigen Buch in der Wohnung: „Mein Kampf“. Das Porträt des Autors hängt an der Wand. Ausstatter Florian Angerer hat eine herrlich schräge, genüsslich übertriebene Nazi-Wohnung geschaffen, Hakenkreuze überall.
Ossen und Bischof zeigen, wie die Freundschaft von Kai und Thomas Risse bekommt. Nicht nur, dass Thomas sich zunehmend mehr um Lara kümmert. Die „Kleine“ hat Fotos von Julia entdeckt. Auf die kindlich-direkte Frage kommt heraus, dass Thomas sie immer noch liebt. Aber Julia hat sich vor Jahren von ihm getrennt, wegen Kai und der ganzen Nazi-Sache. Lara ist ein wohlmeinendes und liebes Mädchen, sie schickt heimlich von Thomas’ Handy aus eine SMS an Julia. Die steht prompt vor der Tür. Zur schnell gekochten Tütensuppe und schlechtem Rotwein – die Inszenierung spielt da hemmungslos, aber erheiternd mit sämtlichen Klischees über Männer-WGs – übernehmen Sina Schulz und Luke Bischof das verklemmt-verlegene Wiedersehen. Natürlich sind Julia und Thomas immer noch ineinander verliebt. Leider hat Julia ihren Mitbewohner Hamid (überzeugend: Dominique Aref) mitgebracht. Erst versucht Thomas zu sehr, alles richtig zu machen, was Hamid nervt, dann kracht es zwischen den beiden Männern.
Nicht nur der eindeutige Vaterschaftstest bewirkt, dass Thomas Vatergefühle für Lara entwickelt. Als sich die Deutschlehrerin ankündigt, wird die Wohnung sozusagen auf links gedreht. Überall harmlose bunte Bilder und fröhliche Muster. Doch die Lehrerin reagiert ganz anders als gedacht… Und auch auf Kai, der eher Thomas ausziehen lässt als von seiner Ideologie zu lassen, wartet noch eine Überraschung.
Die Pointen zünden, es gibt viel zu lachen, und natürlich ist es herzerwärmend zu sehen, wie Thomas eben doch anfängt, seine nicht ganz deutsche Tochter zu lieben.