Rheinpfalz „Für solche Momente lebe ich“

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St. Julian. Pünktlich zur Johannisnacht gibt es im St. Julianer Ortsteil Gumbsweiler etwas auf die Ohren. Nach alter Sitte zogen Bewohner am Donnerstagabend wieder durch die Straßen und sangen das „Gehannesnachtlied“.

Es ist der bislang wärmste Tag des Jahres. Keine Wolke trübt den Abendhimmel. Noch ist es hell, als gegen 21.45 Uhr die ersten Sangesbegeisterten an der Kreuzung gegenüber der alten Dorfkirche eintreffen. Kurz nach 22 Uhr sind alle versammelt – Jung, Alt und ein schwarzer Vierbeiner. Sie ölen die Stimme mit einem heimischen Tropfen, Texte werden ausgeteilt, dann lösen knapp 25 Stimmen den allmählich leiser werdenden Amselgesang bei der Generalprobe ab. Es ist das erste von vielen Malen, dass es an diesem Abend heißt: „Heut’ haben wir Johannisnacht: Rosarot drei Blümlein rot. So singen wir die ganze Nacht: Sei mein liebtrautes Mädchen.“ Das eingängige Lied ist rasch einstudiert, die Tonart gefunden. „Auf! Hopp!“, fordert daraufhin eine Frauenstimme. „Tausend Männer, ein Befehl“, lautet die Antwort der bunt gemischten Truppe. Dann poltert auch schon der Bollerwagen über die Straße. Noch ist er fast leer. Das soll sich schnell ändern. „Früher liehen uns auch Bewohner von St. Julian und Eschenau ihre Stimme zur Johannisnacht“, erinnert sich Walter Graf, der seit etwa 55 Jahren bei dieser Tradition mitmacht. „Zu der Zeit spendete man auch noch mehr Eier.“ Wie jedes Jahr zieht die Gruppe zuerst über die Wahrbachstraße und überquert die B 420. Bei Familie Steinhauer findet sie ihr erstes Publikum. Der Chor singt leidenschaftlich. Instrumentale Untermalung gibt es eigentlich nicht. Bei jeder Darbietung wird eine Sense gewetzt, während das Dengeln, das Auseinanderziehen der Sense mittels Hammer und Amboss durch das Aufeinanderschlagen zweier Hämmer, nachgeahmt wird. Beides symbolisiert die Heuernte. Die ersten Spenden landen im Bollerwagen. Wein überwiegt, doch auch einige Geldscheine knistern bald im Sammel-Portemonnaie. Das Geld soll wie schon seit jeher für den Blumenschmuck im Ort investiert werden. Eine Frau im Nachthemd nimmt die Prozession in Empfang. Es wird gelacht, sich umarmt und ein Nusslikör getrunken. Für solche Momente lebe sie, schwärmt Sängerin Heike Wendland mit leicht feuchten Augen, und für solche Momente müsse die Tradition am Leben erhalten werden. Der Brauch des „Gehannesnachtsingens“ geht auf den Grundschullehrer Korb zurück. Er fand den Text des Liedes und komponierte die Melodie dazu. Seit 1934 ziehen alljährlich die Bewohner aus. Während des Zweiten Weltkrieges ruhte der Brauch. Lange Zeit pflegte der 1878 gegründete Gesang- und Musikverein Gumbsweiler die Tradition, doch seit etwa einem Jahr singt er nicht mehr. Damit die alten Sitten nicht in Vergessenheit geraten, wurde der Verein zur Brauchtumspflege Gumbsweiler ins Leben gerufen. Zum ersten Mal richtete dieser jetzt das „Gehannesnachtsingen“ aus und hofft, auch andere Bräuche wie das Mühlen- und das Waldfest wieder aufleben zu lassen. Dieses Jahr hatten sich mehr Straßenmusikanten eingefunden als im vergangenen. Dies bemerken auch viele Zuhörer, die von ihren Fenstern aus lauschen oder die Sänger auf der Straße begrüßen. Unter ihnen sind auch einige Mitglieder des Gesang- und Musikvereins. Rita Werner ist schon lange dabei. Sie kennt die Verstecke, wo die Bewohner von Gumbsweiler Geld- und Sachspenden hinterlegt haben. Haus für Haus wird abgeklappert, der Wagen füllt sich, bis er fast überquillt. Es geht die steile Schlossstraße hinauf. Thomas Wendland steht der Schweiß auf der Stirn. „Hilft mal jemand schieben?“, sagt er schnaufend. Kurz vor Ende der Runde, bevor es 24 Uhr schlägt, landen die ersten Eier im Bollerwagen. Deswegen stimmen die Sänger zum ersten Mal an diesem Abend an: „Dort droben auf der Leier: Rosarot drei Blümlein rot. Da steht ein Korb voll Eier: Sei mein liebtrautes Mädchen.“ Gerastet wird erst, nachdem alle Straßen besungen wurden. Zurück an der Kreuzung werden Brote belegt, der eine oder andere Tropfen eingeschenkt und zufrieden auf die Johannisnacht zurückgeblickt.

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