Rheinpfalz „Ein unverbrauchtes Gesicht“

Knapp acht Monate vor der Bundestagswahl hat sich bei der SPD Entscheidendes getan: Nach Sigmar Gabriels Verzicht auf eine weitere Kanzlerkandidatur und der Niederlegung seines Parteivorsitzes ist Martin Schulz bald der neue starke Mann der Sozialdemokraten. Auf Nachfrage der RHEINPFALZ schildern SPD-Kommunalpolitiker aus dem Landkreis, was sie von dieser Entwicklung halten.
„In erster Linie halte ich es für einen mutigen Schritt von Gabriel, zu erkennen, dass er aufgrund der aktuellen Umfrageergebnisse keine Chance im Wahlkampf gegen Angela Merkel hätte, und zum Wohle der SPD auf seine Kandidatur zu verzichten. Das erfordert viel Kraft, und ich habe höchsten Respekt für Gabriel, dass er diesen Schritt getan hat“, sagt Landrat Winfried Hirschberger. Diese Meinung teilen auch der SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Hartloff, Andreas Müller, erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Lauterecken-Wolfstein, sowie Jürgen Conrad, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Kusel. Lediglich Conrad fügt noch hinzu: „Ich hätte es persönlich aber ganz gerne gesehen, dass Gabriel zumindest den Parteivorsitz behält – er hat die Partei ja durchaus mit glücklicher Hand geführt. Aber das ist seine Entscheidung, und die gilt es zu respektieren.“ Aber wer ist dieser Martin Schulz überhaupt, und was macht ihn zum besseren Kandidaten? „Ich kenne ihn als guten und starken Redner, der Inhalte gut vermitteln kann. Dazu scheut er sich auch nicht, klar Position zu beziehen. In einer Zeit, in der viele Bürger die Parteien für austauschbar halten, ist Schulz meiner Meinung nach der richtige Mann, um der SPD wieder ein eigenständiges Gesicht zu geben“, ist sich Hartloff sicher. „Eines ist klar: Schulz kann nicht nur gut und klar artikulieren, vor allem kann er Wahlkampf“, fügt Conrad hinzu. So mancher kritisiert zwar, dass Schulz als scheidender EU-Parlamentspräsident keinerlei bundespolitische Erfahrung mitbringt, für die Kuseler Genossen ist dies aber kein großes Problem: „Ich bin ja bekanntlich selbst ein bekennender und leidenschaftlicher Europäer, und ich denke, Schulz ist der richtige Mann, um Deutschland in Europa zu vertreten und umgekehrt. Schließlich geht es auch darum, Europa zusammenzuhalten, und da kann ein Mann mit seiner Erfahrung viel bewirken“, bescheinigt Hirschberger dem neuen Kanzlerkandidaten. Hartloff sieht darin sogar eine Chance für die SPD: „Er ist in der Bundespolitik ein unverbrauchtes Gesicht und bringt viel Erfahrung aus Europa mit. Sollte er Kanzler werden, wäre das auch ein deutliches Zeichen pro Europa – und das ist in der heutigen Zeit ja auch alles andere als verkehrt.“ Und auch Müller ist sich sicher: „Schulz ist zwar unerfahren, was die Bundespolitik angeht, hat aber die Europapolitik gut gemeistert und wird auch auf Bundesebene den Anforderungen gerecht werden.“ Doch haben sich die Chancen der SPD hinsichtlich der Bundestagswahl im September damit verbessert? „Ich denke schon, dass wir damit einen Schritt nach vorne getan haben“, sagt Jochen Hartloff. Landrat Winfried Hirschberger sieht das ganz ähnlich: „Der ganze Wahlkampf wird immer mehr personalisiert, und in der Kanzlerfrage gab es lange keine Alternative zu Merkel. Das ist mit Schulz jetzt anders, und ich denke, er hat eine realistische Chance.“ Ob Schulz im September wirklich eine ernsthafte Gefahr für Angela Merkel sein könne, müsse man jetzt abwarten. „Da möchte ich noch nichts prophezeien, da ist noch ein langer Wahlkampf zu führen“, erklärt beispielsweise Andreas Müller, der gleich noch einen weiteren Ratschlag parat hat: „Egal, wer ins Rennen geht – eines muss die SPD noch lernen: Einen aufgestellten Kandidaten muss die Partei geschlossen und zu 100 Prozent unterstützen. Interne Machtkämpfe sind zwar völlig normal, aber nach außen hin muss die Partei geschlossen auftreten.“ |dbu