Kultur Südpfalz Ein begnadeter Fotokünstler
Im Strieffler Haus der Künste in der Landauer Löhlstraße ist ganz schön was los. Noch ist das gelungene Fest samt fulminantem Bildband in Erinnerung, das der vereinte Freundeskreis vergangenes Jahr zum 100. Geburtstag der Malerin Marie Strieffler organisierte, da steht 2019 zum 70. Todestag ihres Vaters Heinrich Strieffler schon das nächste Großereignis an. Druckfrisch erscheint dieser Tage ein Jahreskalender mit zwölf ausgewählten Fotografien des vielseitigen Künstlers, mit dem man sich prächtig auf die Jubiläumsausstellung vorbereiten kann. Vor lauter Trubel um die muntere Marie, die vielen Landauern und Südpfälzern ja noch persönlich in Erinnerung ist und deren Gemälde noch heute viele Wohnzimmerwände zieren, könnte ihr Vater Heinrich, der 1872 in Neustadt geboren wurde, 1925 mit seiner Frau Ida und der Tochter Marie in das Mal- und Atelierhaus in der Löhlstraße einzog und 1949 in Landau starb, leicht in Vergessenheit geraten. Nicht etwa, weil der kunstsinnige und an Technik interessierte Tausendsassa, der ab 1891 in der Kunstgewerbeschule, später an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte, unscheinbar gewesen wäre. Schon das Porträtfoto auf der Rückseite des Kalenders weist ihn als durchaus selbstbewussten, weltmännischen, auf Würde, Distanz und Außenwirkung bedachten Bürger aus, der im chicen Nadelstreifenanzug mit Weste direkt in die Kamera blickt und mit seinem gepflegten Vollbart auch in der heute hippen Barber-Szene eine perfekte Figur abgeben würde. In Vergessenheit wären er und sein Werk eher deshalb geraten, weil es jahrzehntelang im Speicher seines Wohnhauses verstreut lag, überwuchert von Bildern, Kisten, Kartons seiner wenig ordnungsliebenden Tochter. Erst als deren Nachlassverwalter Helmo Ludowici Anfang der 1990er-Jahre dort oben klar Schiff machte, kamen die erstaunlichen Fotografien ans Licht, die nun mit dem übrigen Nachlass im Stadtarchiv Landau betreut werden. Dort stapeln sich die etwa vier mal fünf Zentimeter großen Glasplatten, die das belichtete und beschichtete Negativ der vermutlich mit einer Balgenkamera gefertigten Foto abbilden, noch in den Originalkartons. Ein wahrer Schatz, der 1997 schon einmal in Kleinformat für einen Kalender und ein Jahr später für ein Buchprojekt zum Pfälzischen Frauenalltag (beide vergriffen) aufblitzte und der nun zur Ausstellung zum 70. Todestag Heinrich Striefflers neu und umfangreicher erstrahlen soll. Markus Knecht vom gleichnamigen Buchverlag aus Landau ist selbst Mitglied im Strieffler-Haus-Verein und hat sich der Aufgabe der Bildbearbeitung geradezu leidenschaftlich angenommen. Gemeinsam mit dem Grafiker Klemens Kluge, der ein modernes, frisches, klares und waches Layout entwarf und den Autoren Sigrid Weyers, Magdalena Barszczak und Ludger Tekampe, die jedem Monatsblatt einen Text auf den Leib schneiderten, konzipierte er den Jubiläumskalender im Din-A-3-Querformat „nach fotoästhetischen Kriterien“ und hatte dabei die Qual der Wahl aus Hunderten Negativen. Wohl wissend, dass Heinrich Strieffler viele Fotos als Arbeitsgrundlage für seine detailgenauen Gemälde und Lithographien machte, staunte Knecht nicht schlecht über deren hohen künstlerischen Wert, der über das rein Dokumentarische weit hinausreicht und Strieffler auch als begnadeten Fotokünstler ausweist. So hat er seine Motive mit großer Präzision und feinem Gespür für das Wesentliche inszeniert, volkstümliche Feste wie eine Fronleichnamsprozession, das Hansel-Fingerhut-Spiel oder den Winzerkönig zur Weinlese mit ruhig bedachtem Blick, aber lebendiger Dramaturgie festgehalten und Alltagsszenen, wie den Wochenmarkt oder das Ende eines Schultages, in ihrem tiefen, immerwährenden Wesen erfasst. Auch seine Landschaftsfotografien – Wingertzeilen unter dem Slevogtfelsen im Schnee oder die Reiterwiesen – zeugen vom bewussten Spiel mit Licht und Schatten, Spiegelungen und Diagonalen. Als wahren Clou kann man das Foto eines Pferderennens auf dem Maimarktgelände in Mannheim bezeichnen, das ihn – so begeistern sich die Strieffler-Freunde – geradewegs „als Vorreiter der modernen Sportfotografie“ ausweise. Tatsächlich ist es Strieffler bei diesem „Schnappschuss“ gelungen, Dynamik und Statik, Schärfe und Unschärfe in einem raffinierten Spannungsfeld zwischen den tatsächlichen Zuschauern und den Bildbetrachtern in perfekter Balance zu halten. Auch der Kalender selbst ist wohl austariert und angenehm arrangiert: Stadt- und Landschaftsansichten wechseln sich ab mit volkstümlichen Motiven, die zum jeweiligen Monat passen. Die Texte sind kurz und informativ, die Hinweise zu signifikanten Daten des Strieffler-Hauses machen unaufdringlich auf die Arbeit des rührigen Vereins und die Höhepunkte des nächstes Jahres mit drei bereits gesetzten Ausstellungen aufmerksam. Ein Sternchen flankiert den 8. September 2019. An diesem Sonntag ist um 14 Uhr die Vernissage zu „Heinrich Strieffler – Foto.Kunst.Malerei“, auf die dieser Kalender ja besonders Appetit machen will. Zuvor, nämlich ab kommenden Sonntag, richtet sich der Fokus noch einmal auf Marie beziehungsweise ihre Kollegen. Die Ausstellung „Maries Malerfreunde“ bietet die erste und bis zu ihrem Ende am 28. Oktober auch einzige Gelegenheit, den Kalender zum Preis von 15 Euro zu erwerben. Danach soll er im Buchhandel vertrieben werden. Info —„Heinrich Strieffler 1872-1949 – Fotografien“, Jahreskalender 2019. Herausgegeben vom Strieffler Haus der Künste im Knecht-Verlag Landau, 15 Euro —Am Sonntag, 16. September, 14 Uhr, findet im Strieffler Haus der Künste die Vernissage zur Ausstellung „Maries Malerfreunde“ statt. Gezeigt werden Arbeiten von Ludwig Dörfler, Hermann Sauter und Philippe Steinmetz, die zum Freundeskreis der Landauer Künstlerin gehörten. Jedem Maler ist im ersten Obergeschoss des Strieffler-Hauses ein eigener Raum gewidmet. Die Ausstellung endet am 28. Oktober.