Herxheim Die Neue am Chawwerusch-Theater: Susanne Schmelcher

Poitisches Theater mit gesellschaftrelevanten Themen ist ihr Steckenpferd: Susanne Schmelcher.
Poitisches Theater mit gesellschaftrelevanten Themen ist ihr Steckenpferd: Susanne Schmelcher.

Das Herxheimer Chawwerusch hat ein neues Gesicht, das allerdings nicht auf der Bühne zu sehen sein wird: Susanne Schmelcher übernimmt Dramaturgie und Regie im Theaterkollektiv.

„Ich habe mich schon immer über den Druck und die Hierarchie an den großen staatlichen Bühnen geärgert und wollte mehr selbst mitbestimmen“, sagt Susanne Schmelcher über ihre Motivation, in der freien Szene anzuheuern. Dabei hatte sie eigentlich schon Fuß gefasst im institutionellen Theaterbetrieb.

Es war nicht die erste Volte in ihrem Leben, wie sie auf der Herxheimer Probebühne erzählt. Nach dem Studium von Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Mainz hat sie beim SWR in Baden-Baden als Nachrichtensprecherin angefangen. Die Kollegen dort hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie – kurz vor einem der heißbegehrten Volontariate – den Hut nahm, um Theater zu machen.

Wurde geboren vor 40 Jahren, als sich das Chawwerusch gerade gründete: Susanne Schmelcher.
Wurde geboren vor 40 Jahren, als sich das Chawwerusch gerade gründete: Susanne Schmelcher.

Seit 2013 arbeitet sie nun als freie Regisseurin an großen Stadt- und Staatstheatern – mit einigem Erfolg. Sie inszenierte in Konstanz, Salzburg und Innsbruck. 2015 erhielt sie für ihre „Anna Karenina“ am Tiroler Landestheater den Wiener Theaterpreis Nestroy in der Kategorie Beste Bundesländer-Aufführung. 2021 wurden Bühnenfassung und Inszenierung von „Madonnas letzter Traum“ am freien Theater im Bauturm in Köln mit dem Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater ausgezeichnet. Alle ihre Produktionen für das Theater Heidelberg laufen noch – „Biedermann und die Brandstifter“ seit acht Jahren, ihr temporeiches „Tschick“ sogar seit zehn Jahren.

Schmelcher hat in ihrem Leben schon einige Chancen erhalten, die sie beileibe nicht alle ausschlug. In Bad Dürkheim, wo sie aufwuchs, sprach das Theater an der Weinstraße sie an auf der Suche nach einer Regieassistentin. Da habe sie sich mit 17 einfach reingeschmissen, erzählt Schmelcher. Und dort sah später der damalige SPD-Landtagsabgeordnete Manfred Geis ihre Inszenierung von Borcherts „Draußen vor der Tür“ und lud sie nach Mainz zur Preisverleihung des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ein. Bei der Feier begegnete Schmelcher der Chefdramaturgin vom Pfalztheater Kaiserslautern, die wiederum – der Zufall will es – eine Regieassistentin suchte.

Hannelore Bähr als „Frau Gauleiter“.
Hannelore Bähr als »Frau Gauleiter«.

So landete die junge Theatermacherin also am Pfalztheater. Mutig stemmte sie alleine die Romanadaption „Mir bleibt immer noch Havanna“ als Ein-Personen-Stück und bot an: „Wenn ihr die übernehmt, kriege ich im nächsten Jahr eine Inszenierung von euch.“ Der Coup glückte. Es wurde „Covergirl“ von Barbara Herold mit Hannelore Bähr, mit der sie später auch „Bürckel! Frau Gauleiter steht ihren Mann“ auf die Bühne brachte.

„Das ist mein großes Steckenpferd: mich mit politischen Stoffen auseinanderzusetzen, auf andere Art als Nachrichten, sinnlicher“, sagt Schmelcher. Theater soll sich „an der Gesellschaft beteiligen, sich einmischen, relevant sein, nicht nur unterhaltsam“. Das klingt ganz nach dem Credo des Chawwerusch. „Deshalb haben wir uns auch gleich so gut verstanden“, sagt Schmelcher über ihre Landung in Herxheim. Sie wolle daran mitarbeiten, diese Tradition weiterzugeben. Für das Kollektiv wiederum, das sich vor 40 Jahren gründete, als die Neue gerade geboren wurde, ist der Neuzugang ein weiterer Schritt zur Zukunftssicherung.

Die Chawwerusch-Freilichtproduktion 2024: „Don Quijote“.
Die Chawwerusch-Freilichtproduktion 2024: »Don Quijote«.

Seit Dezember ist Schmelcher nun also festes Ensemblemitglied in Herxheim. Das Kollektiv ist nicht erst jetzt beim Generationswechsel in steter Bewegung. Nachgerückt ist vor einem Jahr bereits Danilo Fioriti. Doch ein Kopf fehlte zuletzt, seit Ben Hergl sich aus der künstlerischen Leitung zurückzog und Thomas Kölsch den Schauspieljob an den Nagel hängte – er arbeitet jetzt in der Vorstandsverwaltung der IG Metall in Frankfurt, wo er seine Erfahrungen als Theaterpädagoge bei der Weiterbildung einbringt und Kulturveranstaltungen organisiert.

Susanne Schmelcher soll aber nicht auf der Bühne stehen, sondern wie früher Walter Menzlaw vor allem für Regie und Dramaturgie zuständig sein. Mit ihrer Art scheint sie bei der Truppe anzukommen. Schon für das Jugendstück „Livename“ war sie verantwortlich. Und dann hat das ganze Ensemble Tuchfühlung aufgenommen beim Freilichtstück dieses Jahres: „Don Quijote“. „Ich probe sehr körperlich, energetisch, schnell“, sagt die Regisseurin. Wichtig seien ihr auch Feedbackrunden jede Woche, damit jeder gehört wird.

Susanne Schmelcher bei der Regie von „Don Quijote“.
Susanne Schmelcher bei der Regie von »Don Quijote«.

Jetzt arbeitet sie an dem Freilichtstück für 2025: „Rausch der Freiheit“ über den Nußdorfer Haufen, der sich so schlagkräftig an den Bauernkriegen beteiligte. Überliefert sei, dass sich die Bauern auf der Kerwe getroffen hätten, ordentlich betrunken und dabei in Rage geredet hätten über die neuen freiheitlichen Ideen, die einiges später in der Französischen Revolution mündeten. „Am nächsten Tag griffen sie zu den Heugabeln“, erzählt Schmelcher. „Denn man muss für seine Freiheit immer kämpfen.“

Im Herbst soll Kleists Klassiker „Der zerbrochene Krug“ auf der Chawwerusch-Bühne zu sehen sein, bei dem sie als Dramaturgin mitwirkt, außerdem bereitet sie die Neujahrsmatinee und den Theaterbummel für 2025 vor. „Es ist schön, viele Projekte gleichzeitig zu haben“, sagt Schmelcher. Auch freut sie sich auf die neue Erfahrung: Kollektivarbeit in einem Produktionsteam habe sie bereits erlebt, nicht aber eine gemeinsame Theaterleitung. Ein bisschen Wehmut schwebt schon mit, wenn sie an die Möglichkeiten einer großen Bühne denkt, wenn – wie bei ihrer letzten Inszenierung – zwölf Techniker auf der Bühne wuseln, um eine Halfpipe zu tapezieren. „Aber die stark hierarchischen Strukturen um einen Generalintendanten ändern sich nicht schnell genug, als dass ich noch davon profitieren könnte.“ Was die Herxheimer seit 40 Jahren praktizieren, werde gerade erst Trend, sagt Schmelcher.

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