Rheinpfalz Die Letzten ihrer Art

Die politischen Spitzen von Bündnis 90/Die Grünen in Rheinland-Pfalz halten beim Landesparteitag mit dem Vorsitzenden der Bundes
Die politischen Spitzen von Bündnis 90/Die Grünen in Rheinland-Pfalz halten beim Landesparteitag mit dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter (Mitte), ein Plakat in die Höhe.

Die rheinland-pfälzischen Grünen ziehen mit dem Alleinstellungsmerkmal Artenschutz in die nächsten Wahlkämpfe. Das haben sie auf dem Landesparteitag in Idar-Oberstein beschlossen.

Muss nur noch kurz die Welt retten“ – bei Singer-Songwriter Tim Bendzko klingt das irgendwie sexy. Die Grünen in Rheinland-Pfalz dagegen tun sich merklich schwer, ihre Strategie zum Schutz der Artenvielfalt so zu verpacken, dass wenigstens bei den eigenen Delegierten spürbare Begeisterung für das Projekt aufkommt. Rund 160 Teilnehmer des Landesparteitags haben gestern in Idar-Oberstein den detailreichen Leitantrag namens „Schätze(n) der Natur: Grüne mahnen Erhalt der Artenvielfalt an“ einstimmig angenommen (bei zwei Enthaltungen). Applaus gab es für dieses Ergebnis nicht. Es wurde ähnlich nüchtern abgehakt wie zuvor die Parteitagsregularien oder die Rede der Landesvorsitzenden Jutta Paulus zu dem Antrag. In der Debatte fielen auffallend häufig Fremdwörter wie „Resilienz“ (deutsch: Widerstandsfähigkeit) oder „Biodiversitätstrategien“ (Pläne zum Schutz der Artenvielfalt), die Grüne Jugend warb in einem Flugblatt mit „Seedbombs“ (gemeint sind Samenbälle, mit denen sich Wildblumen aussäen lassen). Immerhin gab es hier Lacher, als Pazifisten im Saal die Verwendung des Worts „Bombe“ kritisierten. Fakt ist aber auch: Die Grünen setzen einen klaren Schwerpunkt und besinnen sich auf eine Kernkompetenz. 75 Prozent der Insekten-Biomasse seien in den vergangenen 30 Jahren verloren gegangen, 15 Prozent der heimischen Brutvögel seien vom Aussterben bedroht, heißt es in dem Antrag, in dem von der „sechsten großen Aussterbewelle“ die Rede ist, die derzeit über den Planeten hinweg fege. Diese sechste Welle – die anderen fünf sind Jahrmillionen her – sei erstmals menschengemacht: durch intensive Landwirtschaft, Begradigung von Flüssen, Versiegelung von Flächen. Paulus forderte als eine von vielen Gegenmaßnahmen ein bundesweites Verbot besonders schädlicher Pestizide sowie eine Pestizid-Abgabe, „um das Verursacher-Prinzip einzuführen“. Sie lobte die Artenvielfaltsstrategie der EU als „eigentlich super“, doch sei diese „komplett unterfinanziert“. Auch den Kommunen komme eine besondere Rolle zu: So sollten Städte und Gemeinden darauf verzichten, auf eigenen Flächen Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat oder Neonicotinoide einzusetzen, Pächter kommunaler Flächen sollten zu umweltschonender Bewirtschaftung verpflichtet werden. Öffentliche Flächen sollten insektenfreundlich bepflanzt werden mit mehrjährigen heimischen Stauden und Wildblumenwiesen, was wegen des geringeren Pflegeaufwands auch Geld sparen würde. Die grüne Strategie reicht bis zur Einrichtung von Saatgutbörsen und Aktionstagen gegen aggressive Arten, die nichts im Land zu suchen haben, wie Springkraut oder Ambrosia. Tobias Lindner, Bundestagsabgeordneter aus der Südpfalz, rief dazu auf, Kritikern, auch in den Medien, selbstbewusst entgegenzutreten, wenn diese den Grünen naserümpfend vorhielten: Um was kümmert Ihr Euch da jetzt schon wieder? „Ich bin stolz, dass wir uns damals für die Mopsfledermaus eingesetzt haben“, sagte er mit Blick auf das Vorkommen dieser geschützten Art am Flughafen Hahn, die einst die Fällung von Bäumen verhindert hatte. Linder gab das Ziel aus, dass es in einigen Jahren heißen müsse: „Die Grünen haben auch bei Insekten und Artenschutz recht behalten!“ – „Zuerst sterben die Arten, dann stirbt der Mensch“, sagte auch der Fraktionschef im Landtag, Bernhard Braun. Er kündigte an, man werde das Thema Artenschutz 2019 vehement in die Wahlkämpfe zur Europa- und zur Kommunalwahl einbringen: „Die Grünen sind nicht in einer ideologischen Ecke. Wir führen Zukunftsdebatten. Wir wollen, das jetzt gehandelt wird!“ An Einigkeit über das politische Ziel mangelt es nicht. Umweltministerin Ulrike Höfken kündigte an: „Wir wollen nicht mehr und nicht weniger als eine Massenbewegung erreichen.“ Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Anton Hofreiter, lobte als Gastredner die rheinland-pfälzische Initiative über den grünen Klee. Beim Artenschutz gehe es darum, „die Lebensgrundlage für uns und unsere Kindeskinder zu retten“ – oder halt die ganze Welt, um es wieder etwas schnittiger mit Tim Bendzko zu sagen. Nur wenn Grüne mitregierten, so Hofreiter, könne dieses Ziel erreicht werden. 

x