Rheinpfalz ”Der Wahrheit annähern”

Vergangene Woche hat ein 24-jähriger Sizilianer seine Ex-Freundin (27) mit Schüssen lebensgefährlich verletzt.Das Motiv könnte eine Trennung gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in diese Richtung.
Wie aus dem Umfeld des Opfers zu hören ist, soll die 27-Jährige eine Weile mit dem 24-Jährigen eine Liebesbeziehung gehabt haben. Italienische Medien sprechen gar von einer Verlobung. Nach einiger Zeit soll sich die Friseurin von dem jungen Mann getrennt haben. Das habe der offenbar nicht verkraftet. Er soll mehrere Male vergeblich versucht haben, die Frau dazu zu überreden, zu ihm zurückzukehren. Vermutlich ging es am 6. November noch einmal um eine Aussprache. Die Friseurin hat sich in ihrer Mittagspause mit dem Mann getroffen. ”Was sich bei dem Treffen abgespielt hat, muss noch von uns aufgeklärt werden”, sagt Leitender Oberstaatsanwalt Hubert Ströber. Der 24-Jährige hat gegenüber den Ermittlern nur eingeräumt, zur Pistole gegriffen und mehrfach auf die Frau geschossen zu haben. Sie wurde in einer Blutlache in einer Tiefgaragenzufahrt in der Fabrikstraße gefunden und mit schwersten Verletzungen in eine Klinik eingeliefert. Der mutmaßliche Täter stellte sich wenig später der Polizei. Zu seinem Motiv schweigt er bisher. Ob es sich um eine Tat im Affekt nach einem missglückten Versöhnungsversuch oder eine geplante Tat handelt, bei der das Opfer mit Vorsatz in einer Falle gelockt wurde, muss noch ermittelt werden. Der Unterschied ist strafrechtlich bedeutsam, denn es geht um die Frage, ob der Verdächtige wegen versuchten Totschlags oder versuchten Mordes angeklagt wird. Die junge Frau kann bisher nicht von den Ermittlern vernommen werden, da sie laut Familienumfeld im Koma liegt. ”Ihr Zustand ist etwas stabiler, aber nach wie vor sehr kritisch. Man kann sich daher der Wahrheit nur annähern”, sagt Ströber. Zwar gibt es Zeugen, die das Paar kurz vor der Tat beobachtet haben. Auch die Schüsse wurden von Anwohnern gehört. Doch für die eigentliche Tat gibt es wohl keinen Augenzeugen. Die Ermittler sind daher auf Indizien und die Spuren am Tatort angewiesen. Die Frau wurde von mehreren Schüssen aus einer halbautomatischen Pistole getroffen. Sie erlitt dabei offenbar auch Schusswunden am Rücken. Das könnte darauf hindeuten, dass sie vor dem Täter flüchten wollte, der sie niederstreckte und ihr dann in den Kopf geschossen haben soll. Der Staatsanwalt wollte das aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren. Unklar ist, woher die Waffe stammt. Medien berichten, dass der Schütze die Pistole in Sizilien besorgt hat. Das wird noch geprüft. ”Es ist ganz schrecklich, was da passiert ist”, sagt eine Italienerin, die im Hemshof lebt und die Familie des Opfers kennt. Sie stammt aus demselben Ort wie das Opfer und der Tatverdächtige: Palma di Montechiaro - ein Städtchen an der Südwestküste Siziliens mit 23.500 Einwohnern. Einige Familien sind von dort nach Ludwigshafen gezogen, um Arbeit zu finden. Das Opfer der Schießerei stammt aus so einer Familie. Die junge Frau ist hier aufgewachsen und hat in einem Friseursalon in Ludwigshafen gearbeitet. Ihre Familie wohnt in der Stadt. Der 24-Jährige lebte nach Berichten italienischer Medien zeitweise in Sizilien und zeitweise in Deutschland. In Palma di Montechiaro betreibe sein Vater einen Obst- und Gemüsestand. In Deutschland ist der Mann für die Strafermittler bisher ein unbeschriebenes Blatt. Der Fall beschäftigt Italien. Fernsehsender berichten darüber. Bekannte des Tatverdächtigen aus Sizilien beschreiben ihn in einem Zeitungsbericht als verschlossen, andere reden davon, er sei besitzergreifend und eifersüchtig gewesen. Fest steht, dass der 24-Jährige in Ludwigshafen gemeldet war. Für eine Pizzeria mit Lieferservice soll er zuletzt gearbeitet und in Friesenheim mit seinem jüngeren Bruder gewohnt haben. Der mutmaßliche Täters hat in einem sozialen Netzwerk ein paar Fotos von sich ins Internet gestellt. Die Bilder zeigen einen ernst dreinblickenden, attraktiven jungen Mann vor dem Mannheimer Wasserturm und auf einer Straße im Hemshof. Ansonsten gibt er auf der Internetseite nichts von sich preis. In sozialen Netzwerken wird die Tat heftig diskutiert. Auf der Seite des Opfers gibt es mehrere Einträge, die der lebensgefährlich verletzten Frau Mut zusprechen. ”Wir sind bei dir” oder ”Du schaffst das” steht dort auf Deutsch oder Italienisch. Auch der Familie wird das Mitgefühl ausgesprochen. Doch die Tat wirft auch Fragen nach der Konfliktlösung in Beziehungen auf: ”Ich wünsche mir, dass diese Tragödie hilft, dass die jüngere Generation nicht mehr zu den Waffen greift, wenn ihr Stolz verletzt wird”, schreibt ein Italiener auf der Seite des Opfers. Und eine Landsfrau schreibt: ”Wir beten auch für alle anderen Frauen, die Gewalt von ihrem Ex erleiden mussten.” Doch nicht nur in der virtuellen Welt wird die Tat debattiert. Auch die katholische italienische Gemeinde im Hemshof ist erschüttert. Etwa 800 Italiener leben in dem Stadtquartier, fast 6000 sind es in Ludwigshafen. In der Kirche im Hemshof sind viele Kerzen für das Opfer angezündet worden. ”Die Gemeinde betet für die junge Frau”, sagt ein Mitarbeiter.