Kultur Südpfalz
Der dritte Mann und das Meer
Chris Jarrett, Komponist und Pianist von Weltrang, lebt seit zehn Jahren in Oberotterbach. Bis er nach Deutschland kam, musste sich der US-Amerikaner in seiner Heimat musste sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Im Gespräch erzählt er, wie ein Shrimpkutter seine Musik formte: Geschichten, eines Hemingway würdig.
Von Birgit Möthrath
Es geht hier um Chris, nicht um seinen ältesten Bruder Keith, auch Pianist von Weltruhm. Als der sich 1966 aufmachte, mit den Großen des Jazz zu spielen, war Chris als Jüngster von fünf Geschwistern erst zehn. Fünf Jahre zuvor war die Familie auseinandergebrochen, als sich die Eltern trennten, erzählt Chris Jarrett. Für die Kinder – , alle waren sie sehr musikalisch – habe das den kompletten sozialen Abstieg bedeutet. Da habe er als Einwandererkind die gesellschaftlichen und politischen Zustände ganz hautnah erlebt, die ihn letztlich aus seiner Heimat vertrieben haben.
Erzogen wurde Chris Jarrett von seiner Großmutter mütterlicherseits, die aus Slowenien stammte und die ganz viel altes Europa verkörpert habe mit ihren frei fabulierten Gute-Nacht-Geschichten. Ihr habe er sich sehr viel näher gefühlt als all der amerikanischen Konsumgier um ihn herum, vor der er sich ekle, sagt Jarrett. „Ich bin ein Mensch der Bildung. Ich liebe Musik, Philosophie, Literatur, Kunst.“ Doch so arm wie er war, habe er sich sein Studium im Oberlin Conservatory of Music in Ohio selbst finanzieren müssen.
Nach zwei Jahren war auch schon Schluss. Zum einen, weil er wegen seiner Jobs einfach nicht mehr zum Üben kam. Zum anderen, weil er an der Uni nichts gelernt habe, sagt Jarrett. „Gute Musik spiegelt die Welt wider. Die Ausbildung dort hatte aber nichts mit der Realität zu tun. Dort wird nur eine Elite gezüchtet.“ Viele Menschen seien daher nach einem Studium arbeitslos. „Die USA haben die gebildetsten Tankwarte der Welt.“
Seine Musikalität hat er an Orten entdeckt, die nicht gegensätzlicher sein könnten: auf einem Shrimpkutter und in Fabrikhallen. Doch der Weg war schwer. Nach der Uni stand er mit 20 erst einmal vor dem Nichts. Um nicht zu hungern, brauchte er dringend einen Job. In Pennsylvania, wo seine Mutter damals lebte, hätte es wegen der Gewerkschaften drei Wochen gedauert, in Lohn und Brot zu kommen, erzählt Jarrett. Er trampte also nach Texas und versuchte es auf Rat eines Lkw-Fahrers an den Docks.
Dort sei er rumgelaufen und habe gerufen: „Ich brauche Arbeit.“ Irgendwann sei ein Schwarzer auf ihn zugekommen und habe ihm angeboten, als dritter Mann und Koch auf seinem Hochseekutter mitzufahren – grinsend, denn er habe wohl nicht geglaubt, dass ein junger Weißer den Job annehmen würde. Doch Jarrett griff zu. „Der Kapitän war ein genialer Typ und hat auf mich aufgepasst, dass der andere mich nicht über Bord schmeißt, wie er mir mehrfach androhte. Er hasste Weiße.“
Auch sonst war die Erfahrung eine echte Herausforderung: Tag und Nacht gleich, nur viermal eine Stunde Schlaf in 24 Stunden, dazwischen den Fang einbringen. Er habe nur die eine Hose am Leib gehabt. Wie die aussah nach zwei Wochen, auch daran habe er sich gewöhnen müssen. Als ein Hai das Netz zerriss und der Kutter in Galveston anlegte, hat er sich irgendwo einen Schlafplatz an Land gesucht und im Häuschen einer Minigolfanlage gefunden. Der künstliche Rasen war weich genug, um einmal richtig auszuschlafen.
Es folgten Jobs in Fabriken. „Diese Wanderjahre waren meine Musikausbildung“, ist Jarrett überzeugt. „Da ist meine Musik gereift in mir. Dann musste irgendwann der Durchbruch kommen.“ Den hat sein bester Freund aus Unizeiten befördert, der aus Oldenburg stammt und den Kontakt nie abreißen ließ. 1982, da war er in einem New Yorker Bürojob gelandet, entschloss sich Jarrett, dessen Einladung anzunehmen. „In Deutschland war ich nach einer Woche geistig und körperlich ein neuer Mensch.“ Mit viel Unterstützung befreundeter Musiker sei er wieder zu einem Klavier gekommen.
„Und dann kam alles wieder, was ich wusste und was ich kann.“ Jarrett schrieb sich als Student in Oldenburg ein, bis sein Professor ihm gesagt habe: „Chris, hör mal auf mit Studieren. Du korrigierst uns dauernd.“ Und er bekam eine Assistentenstelle an der Uni angeboten. Den Beginn seiner Karriere macht Jarrett an seiner Ballettmusik für Anne Frank fest. Das Stück hat er im Auftrag des Staatstheaters Oldenburg geschrieben. „Damit habe ich das nötige Selbstvertrauen gewonnen.“ In die Südpfalz zog es Jarrett dann, weil er in der Nähe seines Sohns wohnen wollte, der in Frankreich lebt.
Über den beiden Flügeln im Oberotterbacher Musizierzimmer – auch seine Frau Martina Cukrov Jarrett ist Pianistin – hängt ein Porträt von Richard Wagner. Jarrett verschmilzt in seinem Spiel zwar Klassik und Jazz. Doch der Klassik fühlt er sich näher, sagt er. In der Schublade hat er eine fast vollendete Oper liegen, die er gerne einmal auf einer Bühne sehen würde. Bekannt ist auch seiner Musik zu Sergej Eisensteins Stummfilm „Der Panzerkreuzer Potemkin“.
Trotz aller klassischen Bildung: Jarretts Spiel lebt aber von der Improvisation. „Schwebende Aufmerksamkeit“ nennt er das, wenn er im Spiel alles aufsaugt, auch die eigenen Töne, und darauf reagiert. Auch in der Klassik sei immer improvisiert worden. Den Stücken Chopins merke man beispielsweise an, dass er in einem Rutsch komponiert, also improvisiert hat. Stücke festzuschreiben, das sei erst zwischen 1840 und 1940 durch den Notendruck gekommen. „Jetzt schätzt man das, was man kennt. Da schwingt viel Nostalgie mit.“
Eine große Entdeckung war für ihn vor vier Jahren die Orgel. „Ich kriege auch aus dem Klavier verschiedene Klangfarben heraus“, sagt er. An der Orgel übernehmen das die Register mit ihrem spezifischen Sound. Einerseits entlasten sie ihn von einer Aufgabe, andererseits inspirieren sie ihn. Denn mit den Klangfarben kommen die Bilder in seinem Kopf.
Termin
Im Auftrag der Thomas-Nast-Gesellschaft hat Chris Jarrett 18 musikalische Bilder zu Karikaturen komponiert. Uraufführung unter dem Titel „Spitze Feder – scharfe Töne“ ist am Montag, 11. März, um 17 Uhr in der Hochschule für Finanzen in Edenkoben, Kurbrunnenweg. Hans-Joachim Schatz spricht über Nast. Der Eintritt ist kostenlos. Um baldige Anmeldung wird gebeten unter Telefon 06323 948938055.