Rheinpfalz „Das war ein Weinen und Klagen“

Eine über 100 Jahre alte Bibel aus Hinzweiler besitzt Karl Heinz Allmang, der in Katzweiler wohnt.
Eine über 100 Jahre alte Bibel aus Hinzweiler besitzt Karl Heinz Allmang, der in Katzweiler wohnt.

«Hinzweiler/Katzweiler.» Bibeln waren früher nicht nur eine fromme Lektüre, sondern oft auch eine Familienchronik. Denn auf den freien Seiten am Anfang und am Ende des Buches konnten wichtige Ereignisse notiert werden. Ein Beispiel dafür ist eine Bibel aus Hinzweiler, die das Ehepaar Allmang aus Katzweiler besitzt. In ihr hat Auguste Böhm, der die Bibel früher gehörte, einen Bericht über den Anfang des Ersten Weltkrieges geschrieben.

Karl Heinz Allmang ist in Hundheim geboren, aber sein Elternhaus stand in Hinzweiler. Weil er sich für Geschichte interessiert, hatte er dort auf dem Dachboden gestöbert und mehrere „Fundstücke“ aufgehoben. Darunter ist die Bibel aus dem Jahr 1913, die Auguste Böhm, geborene Arend, zu ihrer Hochzeit 1913 bekommen hatte. Die Verwandtschaft mit seiner Familie ist wahrscheinlich der Grund, warum das Buch in das Haus seiner Eltern gelangt ist. Auf den ersten freien Seiten nannte Böhm ihre Familienmitglieder, und auf den vier Seiten am Schluss berichtete sie über die ersten zehn Kriegsmonate. Christel Allmang konnte den Text ohne große Mühe entziffern, weil sie Übung mit der deutschen Schrift hat. Am Anfang erzählte Böhm, wie sie den Ausbruch des Krieges erlebte. Am 31. Juli kam sie abends von der Feldarbeit nach Hause und stellte fest, dass es im Dorf unruhig war. Kurz darauf wurde die Mobilmachung „ausgeschellt“. Ihre Stimmung beschreibt sie so: „Mit Worten kann ich Euch dieses nicht schildern, welchen Eindruck dieses Wort (Mobilmachung) auf uns alle machte, das war ein Weinen und Klagen, die Weiber hingen sich an ihre Männer, denn beinahe alle jungen Männer aus unserem Orte mussten schon den zweiten und dritten Mobilmachungstag fort. Als erstes muss ich noch bemerken, dass dann am Sonntage (3. August) noch alle jungen Männer und Angehörige das Heilige Abendmahl empfingen.“ Dann zählt sie in einem längeren Abschnitt auf, wer bereits gefallen oder an seinen Verletzungen gestorben war. Das erste Opfer aus Hinzweiler war der 22-jährige Musiker Jakob Hamann, der am 30. August bei der lothringischen Stadt Mörschingen (französisch Morhange) starb. In den nächsten Monaten mussten fünf weitere Gefallene beklagt werden. Am 9. Mai 1915, an dem sie den Bericht schrieb, waren zwei ihrer Schwäger „im Feld“ und einer auf Grund einer Verwundung untauglich. Aber es gab noch andere Schicksale. Ihr Mann und ihr Bruder waren bei Kriegsbeginn als Wandermusikanten unterwegs gewesen und wurden interniert, der eine in Amerika, der andere in Australien. Das bedeutete für die Angehörigen eine große Ungewissheit, weil sie wochenlang keine Nachricht bekamen. Über einen tragischen Fall schreibt Böhm: „Auch starb im feindlichen England Peter Molter, Musiker, vor Heimweh und Kummer über seine Familie.“ Als weitere Folgen des Krieges nennt Böhm die Teuerung und die Rationierung der Lebensmittel: „Auch will ich noch anmerken, dass alles sehr teuer ist, das Brot 1,10 Mark das Pfund, Fleisch 1,20 Mark das Pfund, Reis 50 - 70 Pfennig usw., beinahe alles zweimal mehr wie zu Friedenszeiten. Hunger brauchen wir bis jetzt noch keinen zu leiden, doch muss an allem gespart werden. Seit 1. März 1915 bekommt 1 Person im Monat 3 Brote, ich hatte 30 Pfund Mehl im Haus, also bekomme ich bloß insofern 2 Stück. Zuviel darf niemand im Hause haben, sonst wird es beschlagnahmt.“ Die Unterstützung durch den Staat war gering, Frauen bekamen zwölf Mark im Monat, Kinder sechs. Böhm verstand ihren Bericht als Mahnung, die sie bewusst an die „lieben Nachkommen“ richtete. Er gibt ein völlig anderes Bild als die Schilderungen von einer heroischen Begeisterung bei Ausbruch des Krieges. Auch die Frage eines Sieges stellt sich Böhm nicht: „Wann ich jetzt nur bald niederschreiben kann ,Frieden’. Hoffentlich wird es nicht mehr so lange dauern.“ Aber der Krieg hatte erst begonnen und war noch lange nicht zu Ende. Deshalb gab es am 29. Juli 1917 noch einen kurzen Eintrag in der Bibel, der auf der Innenseite des vorderen Einbandes steht. Dort notierte Böhm, dass von den drei Glocken der Hinzweiler Kirche zwei abgeholt wurden.

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