Rheinpfalz Das Stammwerk trägt Trauer
Zwei im Einsatz getötete BASF-Feuerwehrleute, ein toter Matrose eines Tankschiffs, acht Schwerverletzte, 22 Leichtverletzte und ein ins Mark getroffenes Stammwerk: Das ist die vorläufige schreckliche Bilanz der Explosion und des Großbrands vom 17. Oktober auf dem Werksgelände in Ludwigshafen. Jetzt gibt es erste Antworten zur Ursache – und Ansätze zur Verarbeitung des Unglücks.
. „Nach so einem Ereignis sind bei manchen die Gedanken, Ängste, Bilder oder Gerüche sehr präsent und oft belastend. Einige Mitarbeiter, die ich betreue, können beispielsweise keinen Kaffee trinken oder kein Fleisch essen, weil ihnen das sofort das Erlebte wieder vor Augen führt.“ Das sagt die BASF-Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Olga Zumstein, in einem Interview in der gestern erschienenen Sonderausgabe der Werkszeitung „BASF information“. Auch der Geruch des Brands hat Menschen traumatisiert. Olga Zumstein ist auch Notärztin. Am Tag des Unglücks war sie vor Ort und betreut seither Mitarbeiter und Angehörige. Es habe sie tief beeindruckt, wie die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz aufeinander aufgepasst hätten, wie jeder für den anderen eingestanden und darauf geachtet habe, wie es dem anderen gehe, sagt die Ärztin. „Sie haben gesehen, wie Kameraden verletzt werden oder sterben, und sind trotzdem nach kurzer Erholungspause wieder zurück an den Brandherd gegangen.“ Die Sonderausgabe der BASF-Zeitung wurde in einer Auflage von 80.000 Exemplaren an Mitarbeiter und Nachbarn verteilt. Das Unternehmen versucht damit, das nur schwer Fassbare aufzuarbeiten, das sich am Montag vor einer Woche ereignet hat. Beim Druck der Ausgabe lagen die gestern verbreiteten Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Frankenthal und des Polizeipräsidiums Rheinpfalz noch nicht vor. Die Ermittler haben schier Unglaubliches ans Licht gebracht. Bei Wartungsarbeiten an einer – offenbar zuvor geleerten – Rohrleitung wurde eine daneben verlaufende, mit brennbarem Raffinat gefüllte Pipeline mit einer Trennscheibe angeschnitten (ausführlicher Bericht auf Seite 1). Wenn sich das als Ursache für das tödliche Unglück bewahrheiten sollte, dann wäre es schlimmer Pfusch einer auf dem Werksgelände der BASF arbeitenden Fremdfirma gewesen. Rund 8000 Mitarbeiter von Fremdfirmen – sogenannte Kontraktoren – arbeiten derzeit auf dem weltweit größten Chemieareal mit gut 35.000 BASF-Beschäftigten. Kontraktoren sind Mitarbeiter von Fremdfirmen oder Dienstleistern, die zum Beispiel Bau- oder Wartungsarbeiten auf dem Werksgelände erledigen. In ruhigen Jahren können das 7000 sein. Auf dem Höhepunkt des letzten Investitionsbooms im Stammwerk mit dem Bau der gut eine Milliarde Euro teuren Anlage zur Produktion der Chemikalie TDI im Jahr 2014 waren es über 13.000. Gestern gedachte die BASF der Unglücksopfer mit einer internen Trauerfeier, bei der auch Mitarbeiter der Feuerwehren aus Ludwigshafen und Mannheim dabei waren. Kurt Bock, der kritisiert worden war, weil er sich nicht sofort öffentlich zu dem Unglück geäußert hat, habe gesprochen und sei sichtlich bewegt gewesen, hieß es. Am Nachmittag gab es im BASF-Feierabendhaus eine Informationsveranstaltung mit 700 Mitarbeitern, bei der BASF-Konzernchef Kurt Bock, Arbeitsdirektorin Margret Suckale und Werksleiter Uwe Liebelt gesprochen haben. Dabei gab es aus der Belegschaft auch kritische Fragen, ob die BASF genug in die Sicherheit und ins Stammwerk investiere. In der Werkszeitung richtet sich Bock an die Mitarbeiter: „Wir sind noch immer zutiefst bestürzt und betroffen, dass so ein Unfall geschehen konnte. In den vergangenen Tagen haben wir all unsere Kräfte eingesetzt, um die Lage zu stabilisieren. Aber noch immer begleiten mich Gefühle und Gedanken, von denen Sie wahrscheinlich viele mit mir teilen: Große Trauer um die Verstorbenen, die bei dem Unglück ums Leben kamen. Tiefe Anteilnahme und unser Beileid für ihre Familien und Angehörigen.“ Die BASF werde weiter in Sicherheit investieren, so Bock. Dafür setze er sich persönlich ein. Heute will er erstmals auf einer Pressekonferenz zu dem Unfall Stellung nehmen. Die Konferenz war ursprünglich für die Präsentation der Geschäftsentwicklung in den ersten neun Monaten 2016 angesetzt worden. Bock habe in der Wache mit den BASF-Feuerwehrleuten gesprochen, so der Leiter der Werksfeuerwehr Rolf Haselhorst in der BASF-Sonderausgabe. Um die Sicherheit des Standorts zu gewährleisten, seien viele Kollegen freiwillig aus dem Urlaub zurückgekommen. Und er habe Hilfsangebote von Feuerwehren anderer BASF-Standorte und benachbarter Kommunen erhalten. Dem tödlichen Chemieunfall vorausgegangen waren, wie berichtet, eine Häufung von Pannen und Betriebsstörungen im BASF-Stammwerk, die Verspätung von 19 Monaten bei der Inbetriebnahme der TDI-Anlage und Hinweise von BASF-Mitarbeitern auf den teilweise schlechten Zustand von Anlagen und Rohrleitungen. Das Unglück hat die BASF ins Mark getroffen. Beide Steamcracker, die Herzstücke des Standorts, mussten stillgelegt werden, weil die Versorgung mit dem Rohstoff Naphtha unterbrochen war. 23 der 200 Anlagen standen still, 45 liefen gedrosselt. Inzwischen wurde der größere der Cracker wieder angefahren, der zweite solle bald folgen, sagte gestern eine BASF-Sprecherin. Gestern waren noch neun Anlagen außer Betrieb, 52 liefen gedrosselt. Das Tor 15, über das der größte Teil der BASF-Logistik läuft, ist aus Sicherheitsgründen noch geschlossen. Nächste Woche werde der Betrieb stufenweise wieder aufgenommen. In der Woche darauf solle der Verkehr über Tor 15 und das Kombiterminal normalisiert werden.