Neupotz
Benjamin Burkards malerischer Grenzverkehr nach Österreich
„Das ist eigentlich schon verrückt“, sagt Benjamin Burkard, grinst und zeigt auf die lange Paketrolle, die in seinem Neupotzer Atelier auf dem Boden liegt. Da hat sich die Kunstszene in Lockdown-Zeiten mühsam einen Weg durch virtuelle Welten geschlagen und nun kommt da ein Gemälde auf dem guten alten Postweg daher – zum Auspacken, zum Anfassen und – das ist der Clou – sogar zum Hand anlegen mit Pinsel und Farbe.
Ein Malersymposium auf dem Postweg also, das sich anfühlt wie Weihnachten und Ostern zusammen. Und das gleich doppelt diesseits und jenseits eines Schlagbaums, der für den normalen Grenzverkehr derzeit so gut wie geschlossen ist. Auch der niederösterreichische Maler Georg Pummer hat in seinem Atelier in Oberwinden ein Gemälde per Rohrpost erhalten. Der grenzüberschreitende Austausch versteht sich als „internationaler malerischer Dialog“ und will dem stummen, virtuellen Künstlerdasein dieser Tage einen vitalen und fassbaren Austausch entgegensetzen.
Es sollte ein Porträt sein
Die Spielregeln sind einfach: Jeder Künstler vervollständigt das eigens für diesen Zweck angefangene Gemälde des anderen. Alles ist erlaubt, niemand weiß, was vom Original übrig bleibt. „Wir dürfen das Werk des anderen theoretisch komplett vernichten, aber es wird wohl eher in Richtung Erweiterung gehen“, meint der Südpfälzer und sinniert. „Man kann den Stil des anderen aufnehmen, transformieren, kontrastieren.“
Damit der Dialog auf gleicher Augenhöhe geschieht und nach außen erkennbar bleibt, haben sich die beiden Künstler auf das Format 1,50 mal 1,20 Meter und ein Porträt als Grundaussage geeinigt. Jetzt hängt also in Burkards Atelier das übergroße Gesicht einer jungen Frau, die ihm direkt in die Augen schaut.
„Erst mal Farbe drüber schütten“
Sehr realistisch auf den ersten Blick, ein bisschen schief auf den zweiten und irgendwie surreal, wenn man noch genauer schaut. Denn der 38-jährige Georg Pummer ist ein Meister des „Glitch Stils“. Durch subtile Verzerrungen und Verpixelungen scheinen seine klassischen Porträts von einem digitalen Bildrauschen befallen, wirken mit den Störungen wie in Auflösung begriffen.
Was hat der drei Jahre jüngere Südpfälzer Kollege mit der österreichischen Dame vor? „Na ja, die frontale Porträtmalerei ist ja eigentlich nicht meins“, überlegt Burkard. Seine Figuren platziert er eher fragmentarisch in große Kulissen. Und weil er dabei gestisch und intuitiv, ohne bestimmten Plan vorgeht, wird er auch Pummers Gemälde „erst mal auf den Boden legen und Farbe drüber schütten“.
Wie der Welt entrückt
Manche Stellen wird er freilich abdecken und als originale Anker für die Bearbeitung bewahren. Ob sich daraus dann eine ähnliche Jagdszene wie in seiner aktuellen Serie entwickelt, steht noch genauso in den Sternen wie die Frage, was mit diesen großen Augen passiert.
„Mache das Beste draus …“ hat Pummer als Botschaft auf die Rückwand der Leinwand geschrieben. Und bestimmt kann der Österreicher es kaum abwarten, bis er das Ergebnis sieht. Er selbst ist mit dem grenzüberschreitenden Projekt schon fertig. Dabei ist Burkards Hirsch mit mächtigem Geweih, der in seinem Atelier Revier bezogen hat, zwar nicht von der Bildfläche verschwunden, aber irgendwie der Welt entrückt.
Bilder sollen zusammen ausgestellt werden
Seine raffinierte Verpixelung erweckt den Eindruck, als habe sich das Tier in ein virtuelles Dickicht zurückgezogen, das ihn surreal jeder Flinte entrückt. In dieser Gestalt wird er bald wieder über die Grenze nach Deutschland springen, während die junge Frau, die nun Burkards Händen ausgeliefert ist, noch vor Ostern den Rückweg gen Süden antritt.
Wenn es das Pandemiegeschehen wieder zulässt, sollen beide Werke gemeinsam ausgestellt werden. Weil Burkard und Pummer, die sich vor zwei Jahren bei der Art Innsbruck kennen und schätzen lernten, mittlerweile sowohl von der Galerie 30works Köln als auch der Art 24 Karlsruhe vertreten werden, scheint der Doppelpass zweifach gesichert.