Rheinpfalz Altenpflege mit dem Tablet

Welche Medikamente nimmt die alte Dame? Was hat sie gegessen? Die Schwester zieht ihr Tablet aus der Tasche. Ein Wisch und schon sind alle Infos verfügbar, die Schwester kann abzeichnen, was sie jetzt noch tun wird. Papier ist passé im Seniorenpark Hinterweidenthal: Dort werden Pflegealltag und -verwaltung elektronisch organisiert. Mit Hilfe von Software, die Heimleiter Hans Jung mit seinem Bruder Martin in bisher 400 Heimen installiert hat. Beide führen seit 21 Jahren die Gebrüder Jung Informationssysteme GmbH, die sich auf Software für Seniorenheime spezialisiert hat.
Pflege ist ein komplexes Geschäft. Im Alltag eines Seniorenheimes müssen die Schwestern zum Beispiel beinahe jeden Handgriff, jede Pflegedienstleistung dokumentieren – und haben damit bisher unendliche Papierberge produziert. Etwa die Hälfte aller Einrichtungen habe nach offiziellen Angaben inzwischen umgestellt auf EDV, erklärt Hans Jung; er und sein Bruder Martin schätzen allerdings, dass es grade mal 30 Prozent sein dürften. Manche Heime arbeiten also noch mit viel Papier oder Schwestern erfassen auf Papier und tragen dies später in einem Computer ein. Wieder andere haben auf eine effizientere dezentrale Leistungserfassung umgestellt. Aber auch da gibt es Unterschiede: Manche nutzen einen Bar-Code-Stift, ähnlich wie ein Lesegerät an der Supermarktkasse. Doch das halten die Brüder – neben dem ethischen Aspekt, dass man Menschen nicht wie Ware abzeichnen sollte – für problematisch: „Die einzelnen Stifte wissen nichts voneinander“, erklärt Hans Jung, die Daten würden nicht aufeinander abgestimmt. Anders ist das bei ihrer Software. Hier werde eine Technologie genutzt, die „sehr schnell Informationen austauscht“ und ohne Mehrfachspeicherung funktioniere. In der Pflegepraxis kann jede Schwester von jeder Stelle des Hauses ihre Informationen per Tablet oder Notebook ablesen, Aufgaben abzeichnen oder Ergänzungen vornehmen. Und alle Daten werden automatisch miteinander abgeglichen. Über den mobilen Erfassungen steht dann noch ein Pflege-Organisationssystem, das etwa Pflegeplanung und Risikoerfassung der Bewohner zum Inhalt hat – sozusagen der Rahmen für die tägliche Arbeit der Schwestern. Das Ganze bringe eine deutliche Zeitersparnis, meint Hans Jung. Beispielsweise bei der Leistungserfassung habe man zuvor jede Bewohner-Akte einzeln zur Hand nehmen müssen; jetzt zeige das Programm Namenslisten an, die nur noch abzuhaken seien. Ein weiteres Beispiel sei die „Vitalzeichenliste“, also die Liste mit Infos über wichtige Werte wie Blutdruck oder Puls. Nach dem Wochenende prüfe die Pflegedienstleitung montags, wo es kritische Vitalzeichen gegeben habe. Früher habe es auf jeder Station Übergabebögen gegeben, heute sehe es die Fachkraft im Computer auf einen Blick. Mit der Pflegesoftware ist es nicht getan: Ein Seniorenheim will auch verwaltet sein. Und das ist eine Wissenschaft für sich, wie Hans und Martin Jung erklären. Denn allein die Pflegebuchführung unterscheide sich von der Buchführung anderer Betriebe enorm. Während es einen Handwerkermarkt nicht interessiere, ob der Käufer Privatmann oder Handwerker sei und ob die verkaufte Schraube in der Wand oder im Möbelstück lande, seien in der Pflege bei der Buchung viele Informationen entscheidend: in welchem Zustand der Mensch sei, welche Krankenkasse dahinter stehe und und und. All dies verarbeite die Software automatisch im Hintergrund. Ebenso übrigens Veränderungen: Wenn sich etwa die beantragte Pflegestufe in der Zwischenzeit schon wieder überholt habe. So komplex war das Pflegesystem vor 21 Jahren noch nicht. Damals war Hans Jung Heimleiter bei einem Träger in der Vorderpfalz und in seiner Freizeit als „Hobbyprogrammierer“ tätig; sein Bruder Martin ist als Organisationsprogrammierer „richtig“ vom Fach. Aus den Anforderungen im Heim entstand das Unternehmen, das die beiden Schritt für Schritt aufbauten – „sehr sehr praxisnah“, stellt Martin Jung fest. Die Anfangszeiten seien „furchtbar hart“ gewesen, erinnert sich Hans Jung – die ersten 20 Programme hätten sie verschenkt, um Referenzen zu bekommen. Er quittierte damals seine Festanstellung, kümmerte sich in der jungen Firma um Vertrieb, während der Bruder programmierte, und bot dazu „Management auf Zeit“ für Altenheime in Schieflage an. So kam er übrigens später an den Seniorenpark Hinterweidenthal, den er vor fünfeinhalb Jahren selbst übernahm. Heute haben sie bundesweit etwa 400 Heime mit ihrer Software ausgestattet. Elf feste und zwei freie Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen, das seinen Sitz in Landau hat. Schulungen und Support in Heimen übernehmen Fachkräfte wie Regina Minges; sie ist Fachschwester für Anästhesie und Intensivmedizin, kennt Sprache und Bedürfnisse der Pflegekräfte. Sie besorgt zugleich den „Input“ für Programmierer Martin Jung zur regelmäßigen Aktualisierung der Software: neue Richtlinien, Vorgaben, Empfehlungen. Getestet wird Neues übrigens, verrät sie, im Seniorenpark Hinterweidenthal. Der Umsatz liegt stabil bei etwa 500.000 Euro. Doch der Beratungsbedarf nehme zu, stellt Hans Jung fest – „es ist eine zukunftsträchtige Branche“. Alleine auf dem Markt sind die Brüder mit ihrer Software nicht. Aber, sagt Martin Jung, mit ihrer Web-Oberfläche hätten sie schon ein Alleinstellungsmerkmal. Wer über Internet verfüge, könne sie nutzen, unabhängig von Hardwaresystemen. Wenn Hans und Martin Jung zurückblicken, dann fallen schon Ereignisse vor zehn, zwölf Jahren in die Computer-Steinzeit. Damals, erinnert sich Hans Jung, habe es noch keine leichten Laptops gegeben, weswegen er mit einem großen Gerät und einer Sackkarre zum Kunden anrückte. Eine schweißtreibende Präsentation hat er nicht vergessen. Damals war der Fahrstuhl defekt und Jung musste alles in den dritten Stock schleppen. Dort hievte er den schweren PC auf ein zartes Biedermaier-Tischchen – welches der Datenmacht nicht standhielt. „Wir haben nicht verkauft.“ Damals war eben vieles anders.