Rheinpfalz Adenauers Fenster

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Es ist wohl die groteskeste Touristenattraktion, die Rheinland-Pfalz zu bieten hat. Das Ziel liegt versteckt mitten in den Wäldern der Eifel. Wer diesen geheimnisumwitterten Platz aufspüren will, braucht Ortskenntnis. Oder die Koordinaten. Hier sind sie schon einmal: 50°16’12,51’’ Nord und 6°31’51,07’’ Ost. Genau dort im Duppacher Forst steht die sogenannte Adenauer-Villa. Oder das, was von diesem einstigen Luxusbau übrig geblieben ist. Es sollte der Alterssitz für den ersten Kanzler der Bundesrepublik werden und dem Ruheständler gleichzeitig als großzügiges Jagd- wie Gästehaus dienen. Mit Hubschrauberlandeplatz auf dem Flachdach und mit atombombensicheren Keller, wie es heißt. Mitten im Wald? Ja, mitten im Eifelwald. Als jetzt der 50. Todestag Konrad Adenauers (1876-1967) anstand, tauchte zwischen vielen Rückschauen, Erinnerungen und teils kritischen Betrachtungen auch vereinzelt die Geschichte dieser Villa wieder auf. 600 Quadratmeter Wohnfläche sollte der dreistöckige Bungalow haben, rund 2000 Quadratmeter groß war das auf einer Anhöhe gelegene Grundstück, von dem man damals noch einen herrlichen Blick über die Eifel hatte. Der pompöse Bau war ein Präsent aus Wirtschaftskreisen. Als Initiator gilt Friedrich Spennrath, seinerzeit Vorstandsvorsitzender des Industriekonzerns AEG. Ein Blick zurück: Im Juli 1955 wird der Bauantrag beim Landratsamt eingereicht. Nur zwei Wochen später liegt die Genehmigung vor. Verdächtig schnell. Ein Lokalredakteur des „Trierischen Volksfreunds“ beginnt sich für das Projekt zu interessieren. Als dann bekannt wird, dass der seit 1954 mit der Adenauer-Tochter Charlotte verheiratete Architekt Heribert Multhaupt zusammen mit einem Kölner Kollegen die Planung und Bauleitung innehat, ist im Volksmund rasch von der „Adenauer-Villa“ die Rede. Vom Filz zwischen Wirtschaft und Politik wird geraunt, nach nur wenigen Monaten werden die Bauarbeiten im Winter 1955/56 überstürzt abgebrochen. Wie viel Adenauer über das Projekt wusste, ob er das anrüchige Geschenk selbst abgelehnt hat oder es von mächtigen Wirtschaftsvertretern gestoppt wurde, als die Korruptionsspekulationen laut wurden, ist bis heute nicht ganz geklärt. Wer bis zu 50°16’12,51’’ Nord und 6°31’51,07’’ Ost vordringt, sieht die immer noch imposante Ruine des Villa-Rohbaus. Im Nachhinein lässt sich die großzügige Raumaufteilung aber nur noch erahnen, Decken sind eingestürzt, die Natur erobert sich seit Jahrzehnten den Platz Stück für Stück zurück. Die Aussicht auf das Eifelland, die Adenauer einst genießen sollte, ist schon lange zugewuchert. Der Duppacher Kammerwald liegt zwischen Prüm, Stadtkyll und Gerolstein. Ab und an kann man sich von Gästeführern des Natur- und Geoparks Vulkaneifel bei einer dreieinhalbstündigen Wanderung die Reste der Adenauer-Villa zeigen lassen. Auch für die Einheimischen ist der Bau ein verschwiegener Ort geblieben, „der etwas Unheimliches, Morbides, aber zugleich auch Faszinierendes an sich hat“. Erfolgsautor Jacques Berndorf hat nicht bis zum 50. Todestag Konrad Adenauers gewartet, um die Villa zum Schauplatz eines seiner mittlerweile 23 Eifel-Krimis um den Ermittler Siggi Baumeister zu machen. In dem 1998 veröffentlichten Band „Eifel-Jagd“ gerät die skurrile Ruine ins Fadenkreuz von Mördern und Drogenhändlern. Siggi Baumeister wird auf Seite 234 über die Aura des Orts aufgeklärt: „Komisch ist, dass das Haus fast fertiggestellt und trotzdem sehr wenig weggetragen wurde, während es einsam vor sich hin verrottete. Normalerweise können die Eifler alles gebrauchen, aber hier ließen sie sogar die Heizkörper, den Ölofen und die Fensterrahmen unangetastet, es war eben für den ollen Konrad gedacht gewesen, und den beklaut man nicht.“ 50°16’12,51’’ Nord und 6°31’51,07’’ Ost: Genau dort lehnt auch 50 Jahre nach Adenauers Tod und 19 Jahre nach Erscheinen von Berndorfs „Eifel-Jagd“ immer noch ein großer Fensterrahmen an der Wand. Kein Fenster zur Welt. Eher ein Fenster zum Hinterhof der Bonner Republik der 1950er-Jahre. | Rolf Schlicher

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