Leichtathletik
Zehnkämpfer Leo Neugebauer bei den deutschen Meisterschaften: Bloß nicht verletzen
Wie schnell es passieren kann, erlebt Leo Neugebauer schon nach nicht einmal 100 Metern. Zum Auftakt des Zehnkampfs bei den deutschen Meisterschaften rutscht sein Nebenmann auf der regenfeuchten Tartanbahn weg. Er kommt ins Straucheln, taumelt ins Ziel, fasst sich an den Oberschenkel, sinkt auf den Boden und muss behandelt werden. Für ihn ist der Zehnkampf beendet. Neugebauer schaut zu seinem Konkurrenten, lächelt ihm kurz aufmunternd zu. Er weiß: So etwas darf ihm unter keinen Umständen passieren, denn in sechs Wochen steht die Leichtathletik-WM in Tokio an.
„Man muss echt vorsichtig sein“, sagt Neugebauer im Gespräch mit dieser Zeitung, „vor allem, wenn es ein bisschen kühler ist und dann auch noch nass.“ So wie in den Tagen der Finals von Dresden. Zwar kommt der Stuttgarter generell gut mit diesen Bedingungen klar. Aber ein Restrisiko bleibt. Auch beim Weitsprung rutscht ein Athlet auf dem Brett aus, glücklicherweise ohne größere Folgen.
„Im Flow bleiben“
Erstmals seit 2019 ist Neugebauer wieder bei deutschen Meisterschaften dabei. Seither war er am US-College im texanischen Austin aktiv. Und auch jetzt tritt er außer Konkurrenz an und absolviert nicht den gesamten Zehnkampf. Stattdessen pickt sich der 25-Jährige einzelne Disziplinen heraus. „Zum Testen“, sagt er. Anfang Juni startete er beim Meeting in Götzis, sein nächster Wettkampf wäre bereits die Weltmeisterschaft gewesen. „Ich wollte im Flow bleiben“, sagt Neugebauer, der das Trikot des VfB Stuttgart trägt. Der Saulheimer Niklas Kaul, 2019 Weltmeister, handhabt es ähnlich.
Die Zuschauer im Heinz-Steyer-Stadion nehmen es Neugebauer nicht übel, dass sie ihn nicht bei jeder Disziplin sehen. Sie jubeln ihm zu – und er gibt ihnen das zurück, was den Sunnyboy der deutschen Leichtathletik auszeichnet: er ist locker, winkt, lächelt. „Wir haben einfach ein bisschen Spaß“, sagt Neugebauer, dessen Großmutter im Publikum sitzt. „Family-Vibes“, sagt er. Der 25-Jährige ist unweit von Dresden in Görlitz geboren.
Eine WM-Prognose wagt er nicht
Von dort zog es ihn über Baden-Württemberg in die USA – und in die große Zehnkampfwelt. Nun ist er mit 8961 Punkten deutscher Rekordhalter, bei den Olympischen Spielen in Paris gewann er Silber. Druck spürt er deshalb für die WM aber nicht, sagt er. Es ist sein erstes Jahr außerhalb des US-Uni-Systems. „Für mich geht es darum, mich an das neue Leben ohne College zu gewöhnen“, sagt Neugebauer. Für die WM ist er gerade in einer Hochphase des Trainings, aber noch nicht bei 100 Prozent. Eine Prognose für Tokio wagt er daher nicht, aber ganz ohne strahlenden Optimismus geht es doch nicht: „Ich habe viel Selbstbewusstsein in den ganzen Disziplinen.“
Dort, wo Neugebauer antritt, lässt er es auch in Dresden zumindest aufblitzen – und das dürfte für die anderen deutschen Zehnkämpfer eine frustrierende Erkenntnis sein. Denn auf nationaler Ebene ist Neugebauer derzeit ohne große Konkurrenz. Im Weitsprung, beim Kugelstoßen und über 110 Meter Hürden wird er Tagesbester – und erweckt nicht den Eindruck, auch nur annähernd an seine Grenze gegangen zu sein. Beim Diskus bringt er die Scheibe auf seine Saisonbestweite von 52,52 Meter, rund sieben Meter mehr als der Nächstplatzierte. „Die schlechten Disziplinen müssen wir ein bisschen aufpeppen“, sagt er. So wie beim Speerwurf, das nicht zu seinen Favoriten zählt: 58,37 Meter, nahe an der eigenen Bestmarke.
„Ich habe immer hohe Erwartungen an mich selbst“, sagt Neugebauer. Aber das wichtigste ist: keine Verletzung. „Ich musste ein bisschen aufpassen“, sagt er und lacht sein typisches Neugebauer-Lachen, „aber ich bin ein harter Typ.“