Ludwigshafen
Wie Sportdirektoren aus der Pfalz die Olympiaverschiebung angehen
„Jetzt herrscht Klarheit. Je früher sie kam, desto mehr hilft es, uns zu positionieren“, sagte Moster (52). Und Gabelmann (63) kommentierte die Verschiebung als „richtig und notwendig, wenn auch zu spät“. Sowohl die Radfahrer als auch die Schützen sehen Lichtblicke in der vom Coronavirus ausgelösten Misere, denn sie können immer noch „im Einzeltraining in der freien Natur“ (Moster) oder „in einem Vereinsheim oder einem privat organisierten Schießstand in einer oder Scheune trainieren“ (Gabelmann).
Viele neue Herausforderungen
Als die für den Leistungssport verantwortlichen Direktoren indes stehen sie vor neuen Herausforderungen, „daheim sitzen und Däumchen drehen ist jetzt nicht angesagt“, meinte Patrick Moster, der seit London 2012 olympische Erfahrungen macht. Wie steht es um die Qualifikation der Athleten? Was macht der ältere Athlet, der nach Tokio 2020 seine Karriere beenden wollte? Wie groß wird die Sportförderung aus der öffentlichen Hand künftig sein? Welche Sorgen müssen sich Bundestrainer machen, wenn die Olympiade, also der Zeitraum zwischen den Spielen, nun fünf statt vier Jahre lang ist? Was heißt es für die Leistungssportreform, bei der die Ergebnisse der Spiele 2020 in die Planungen für 2021 einfließen sollten? Fragen über Fragen. Zumindest in Sachen Qualifikationen sieht es so aus, als ob die internationalen Verbände den Status Quo einfrieren können und nicht von vorne beginnen.
Mosters Rat: Erholung bis Ostern
„Unseren Athleten empfehlen wir eine richtige Erholung bis Ostern“, sagte Patrick Moster über die Hauptdarsteller, auch wenn es da große Unterschiede gibt. Innerhalb der Sportart, aber auch im Vergleich. Sportschießen etwa ist eine Langzeitsportart. „Über mehrere Olympischen Spiele sind die Spitzenschützen oft die gleichen, für sie ist eine Verschiebung nicht so dramatisch“, sagt Gabelmann, der bereits sieben Mal an der Olympia-Front des Verbandes arbeitete.
Die dreifache Weltmeisterin in den Sprintdisziplinen, Emma Hinze (22), etwa geht mit der Verschiebung entspannter um als ein Bahnradsprinter Max Levy (32) oder Mountainbiker Manuel Fumic (38), die nach Tokio 2020 vielleicht ihr Karriereende planten. „Sie dürfen nun nicht aus dem Bauch heraus entscheiden. Als Verband versuchen wir ihnen Rückendeckung zu geben, um die Bürde auf sich zu nehmen, vielleicht weiter zu machen. Denn das ist ja für einen dreifachen Familienvater wie Levy durchaus mit Entbehrungen verbunden.“ Moster sagt dies natürlich im Interesse des Verbandes, der auch 2021 seine stärksten Leute nach Tokio schicken will. Was gerade im Bahnradsport, in dem der BDR sich in elf von zwölf Disziplinen qualifiziert hatte, schwierig wird, denn diese Sparte wird umorganisiert. Konkret heißt es, dass die Weltcups und die WM im Winter 2020/21 entfallen, um in einen neuen Rhythmus zu kommen. Moster: „Das lässt sich jetzt nicht mehr ändern, solch ein Rennkalender hat eine Vorlaufzeit von zwei Jahren. Aber uns fehlt damit der internationale Vergleich, und das tut weh.“
„Kürzungen wären schmerzhaft“
Jetzt stornierte Maßnahmen wie etwa ein vierwöchiges Höhentrainingslager der Ausdauerrennfahrer in Mexiko kann vermutlich in einem Jahr nachgeholt werden. Den Schützen kommt es zugute, dass die nationale Saison eh erst wieder im Herbst beginnt. Auch wenn Heiner Gabelmann, der für 2020 keinen finanziellen Engpass sieht, Signale erkennt, dass den Verbänden bei Stornokosten unter die Arme gegriffen wird, bleibt für ihn die große Frage: „Müssen nach der Krise nicht erst die Wirtschaft und das normale Leben wieder in Gang kommen, bevor der Leistungssport wieder an öffentliche Gelder denken kann?“ Patrick Moster hat eine klare Ansage: „Kürzungen wären schmerzhaft. Verstecken sollten wir uns nicht. Der Leistungssport gehört zu unserer Gesellschaft, auch er ist ein Wirtschaftszweig mit vielen Arbeitsplätzen.“
Zur Sache: Sommerspiele im Frühjahr denkbar
Auf der Suche nach einem neuen Termin für die ins nächste Jahr verlegten Tokio-Spiele schließt IOC-Chef Thomas Bach auch Olympia im Frühjahr nicht aus. „Es ist nicht beschränkt auf die Sommermonate. Alle Optionen bis zum Sommer 2021 liegen auf dem Tisch“, sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees gestern. Eine Notfall-Gruppe solle sich von nun an mit allen Folgen der Verschiebung der Olympischen Spiele befassen.
„Das ist ein großes Puzzle, jedes Teil muss passen. Wenn man ein Teil rausnimmt, ist das ganze Puzzle zerstört. Deshalb beneide ich die Mitglieder dieser Task Force nicht“, betonte Bach. Das IOC und die japanischen Gastgeber hatten am Dienstag vereinbart, die Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie auf 2021 zu verlegen. Sie sollen dann aber „nicht später als im Sommer“ stattfinden.
Die Olympia-Macher wollen nun schnell in die Abstimmung mit allen 33 internationalen Sportfachverbänden gehen. Schon heute könnte es dazu eine gemeinsame Telefonschalte geben, kündigte Bach an. „Das ist der erste Schritt. Dann müssen wir schauen, welche Optionen wir haben“, sagte der 66-Jährige. Dafür müsse aber auch der weitere Sportkalender rund um die Olympischen Spiele betrachtet werden. „Wir sollten zu einer Lösung so bald wie möglich kommen“, sagte Bach. Die Wahl des Termins müsse aber wohl überlegt sein.
Als eine von „vielen tausenden Fragen“ werde die Task Force mit dem Namen „Here we go“ (Los geht's) auch die Frage prüfen, ob die Sportler 2021 auf ein olympisches Dorf in Tokio verzichten müssen. „Diese verschobenen Olympischen Spiele werden Opfer und Kompromisse von allen Beteiligten erfordern“, ahnte Bach.
Das gemeinsame Athletendorf in Tokio war für die rund 11.000 Olympia-Starter und ihre Betreuer sowie später für rund 4400 Paralympics-Teilnehmer vorgesehen. Die mehr als 5000 Wohnungen des olympischen Dorfes sollten aber nach den Sommerspielen und den Paralympics in diesem Jahr an private Eigentümer übergeben werden und sind zum Teil verkauft. „Wir tun, was wir können, damit es ein olympisches Dorf gibt. Dort schlägt normalerweise das Herz der Spiele. Aber es ist eine beispiellose Herausforderung“, sagte Bach. (dpa)