Sport-Plauderei RHEINPFALZ Plus Artikel Wie gefährlich ist das Schwimmen am Baggerweiher und im Rhein?

Am Sonntag an der Schlicht im Dienst (von links): Frank Markgraf, Michael Klamm, Heike und Bernhard Diehl.
Am Sonntag an der Schlicht im Dienst (von links): Frank Markgraf, Michael Klamm, Heike und Bernhard Diehl.

Der Sommer ist da. In der Freizeit zieht es die Menschen ans Wasser – an die Baggerseen, in die Schwimmbäder und auch an den Rhein. Die Beobachter des Geschehens sind an den freizugänglichen „Stränden“ und Kiesbänken die Freiwilligen der Deutschen Lebensrettung-Gesellschaft (DLRG), der größten Wasserrettungs-Organisation weltweit. Ein Gespräch mit vier DLRG-Mitgliedern in Führungspositionen – Heike und Bernhard Diehl (Worms), Michael Klamm (Neuhofen) und Frank Markgraf (Neuhofen) – der Ortsgruppe Neuhofen, die über Sommer die Wasseraufsicht am Badeweiher in Neuhofen sowie der äußerst gut besuchten Schlicht hat. Die Fragen im munteren Vierergespräch drehen sich um Baderegeln.

Ein bisschen Bade-Knigge. Gehe nur schwimmen, wenn du dich wohlfühlst, dusche vorher oder kühle dich ab.
Da muss man so ehrlich sein und sagen, das haben wir früher auch nicht gemacht. Daran hat sich auch nichts geändert.

Nicht zum Spaß um Hilfe rufen.
Wir haben hier nach einem vermeintlichen Hilferuf schon bis nachts um drei Uhr mit der Feuerwehr, der Hundestaffel, Polizei und Hubschrauber alles abgesucht. Das war aber wohl ein Fehlalarm. Es kommt aber auch im normalen Badebetrieb vor. Kinder spielen, da sollte dann aber ein Erziehungsberechtigter sagen, dass man nur um Hilfe rufen sollte, wenn man auch Hilfe braucht. Sonst reagiert irgendwann keiner mehr, wenn alle drei Minuten Hilfe gerufen wird. Bei Kleinkindern kommt das vor, sie müssen lernen, dass es ein wichtiges Wort ist.

Springe nur ins Wasser, wenn es tief genug ist.
Sie haben hier an der Schlicht viel zu wenig Sicht. Es geht an manchen Stellen relativ flach rein. Wir hatten hier schon Fälle von Verstauchungen der Halswirbelsäule. Es gab noch keinen Querschnittsfall, die sind aber in anderen Seen schon vorgekommen. Nur, wo ich sehen kann, dass ich auch reinspringen kann, das habe ich beispielsweise im Schwimmbad, kann ich auch springen. Aber hier würde ich nie Kopf vor reinspringen. Wir hatten hier schon einen Betrunkenen, der einen Kopfsprung in 30 Zentimeter tiefem Wasser gemacht hat.

Wie ist da die Entwicklung, nimmt die Unvernunft zu?
Heute Mittag wird es hier sehr voll sein. Es wird viele Menschen geben, die dort, wo gebaggert wird, von der Abbruchkante springen. Sie wissen gar nicht, wie gefährlich das ist. Es sind zum einen Leinen im Wasser, zum anderen kann eine solche Kante abbrechen, und dann rutschen Erdmassen und Steine hinter mir ins Wasser. Das ist sehr gefährlich. Es ist auch relativ steil dort und bei der Höhe taucht man auch relativ tief ein. An diesem Tag haben Jugendliche sogar ein großes Trampolin gegenüber auf dem Betriebsgelände aufgebaut und sind von da aus über die Abbruchkante ins Wasser gesprungen.

Welche Gefahren bestehen?
Zwei Meter in der Tiefe ist das Wasser kälter. Da haben Sie vielleicht fünf Grad weniger. Das kann im schlimmsten Fall auch zu einem Herzaussetzer führen durch die schockmäßige Abkühlung. Wenn einer da eine Viertelstunde lang sitzt und sich grillen lässt und springt dann ins Wasser, hat er einen Temperaturunterschied von 30 Grad. Es gab hier einen Fall mit einem anderen Bagger, der relativ hoch war. Da ist einer aus fünf Meter runtergesprungen und hat sich dabei die Schulter ausgekugelt. Er ist nur ins Wasser gesprungen. Bei einem anderen Schulter-Fall hat der Notarzt den Kollegen gefragt, was er denn für ein Typ sei, eher ein Weichei oder ein harter Hund? Er meinte, er sei eher ein harter Hund. Und deshalb haben sie ihm die Schulter ohne Mittelchen eingerenkt. Der wird das nie mehr sagen, er ist fast mit dem Kopf durch den Rettungswagen.

Wie verhält es sich generell mit den Temperaturen des Wassers?
Es sieht ja so aus, als wäre das Wasser überall gleich warm. Das stimmt aber nicht. Es wird natürlich nach unten hin kälter, aber auch an der Oberfläche gibt es kältere Zonen. Und da schon kann der Körper in Schwierigkeiten geraten, wenn sie ein schwaches Herz oder Kreislaufprobleme haben. Es gibt auch den berühmten Stimmritzenkrampf. Wenn Sie kaltes Wasser schlucken, dann kann es auch zu Atemproblemen führen.

Was ist das genau?
Das heißt, wenn flüssige Kälte direkt auf die Stimmbänder kommt, dann gehen sie zu und dann bekommt man keine Luft mehr. An Land ist das nicht so schlimm, da wird man ohnmächtig, aber im Wasser kann das tödlich sein, weil man bei Bewusstlosigkeit sehr schnell absinkt.

Stichwort flüssige Kälte, welche Rolle spielt der Alkohol bei Badeunfällen?
Er spielt oft eine Rolle. Wir haben teilweise Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Landwirtschaft helfen und am Wochenende zum Baden dann die Wodkaflasche mitnehmen. Sie unterschätzen die Gefahren. Man muss sich vielleicht in die Situation der Menschen versetzen. Sie sind den ganzen Tag auf dem Feld und wenn sie dann mal frei haben, setzen sie sich ans Gewässer und trinken was. Dann unterschätzen sie die Gefahren, auch im Flachwasser. Sie laufen nur bis zur Schulter ins Wasser, weil sie nicht schwimmen können. Aber unter Alkoholeinfluss sind die Reflexe schlecht. Es ist eine Frage der Aufklärung.

Mit welchen Mitteln sind Sie generell für solche Fälle ausgestattet?
Wir haben an unserer Wachstation zwei Schnellrettungsgeräte. Das heißt, wir haben eine Taucherflasche mit einem Lungenautomat dran. Viele, die ertrinken, machen diesen einen Schritt zu viel und sind dann noch in relativem Flachwasser. Da kann ich in Badehose das Ding anziehen und einen ersten Rettungsversuch in Ufernähe unternehmen, bis die restliche Rettungskette greift.

Nicht baden, wo Schiffe und Boote fahren. Das ist an der Schlicht kein Thema, aber wie sieht es mit Stand-up-Paddling aus?
Es ist schon Gemeinderatsthema gewesen. Es ist nicht erlaubt, aber geduldet. Es sind am Nachmittag an den Wochenenden schon sehr viele unterwegs. Aber es geht noch. Wir sind kürzlich am Otterstädter Altrhein gewesen, weil wir ein gesunkenes Anglerboot geborgen haben. Da war die Hölle los. Da waren Motorjachten, Fischerkähne und unzählige Stand-Ups unterwegs – und Schwimmer.

Wird das alles zu viel?
Die Stand-up-Paddler sind für Schwimmer im Normalfall nicht gefährlich, weil es überwiegend aufblasbare Dinger sind, die keine harten Schalen haben. Ich glaube nicht, dass einem so viel passiert, wenn man einen solchen Luftballon an den Kopf bekommt. Die meisten beherrschen die Dinger auch. Allerdings nicht alle. Wir waren auch schon mit dem Rettungsboot unterwegs und einer kam zu unserem Boot und ist dann dran gefahren, weil er nicht bremsen konnte.

Ist es coronabedingt, dass es neuerdings so viele Stand-up-Paddler gibt?
Nein, das ist aldibedingt und der aktuelle Trend.

Luftmatratzen und Ähnliches bieten Sicherheit.
Das ist völlig falsch. Viele denken, ich habe meine Luftmatratze oder einen Schwimmring dabei. Aber aus einem Ring rutscht man superschnell raus und von einer Luftmatratze ist man auch sehr schnell runtergerutscht, vor allem dann, wenn drei Mann Blödsinn drauf machen. Berühmt ist auch die Geschichte, ich tauche unter – und direkt unter der Luftmatratze auf. Es geht dabei aber vor allem um die gefühlte Sicherheit. Was wir im Auge haben sind die Flamingos, auf denen Kinder sitzen, die nicht schwimmen können.

Gibt es Alternativen zur Luftmatratze, etwas was Sicherheit vermittelt?
Für Nichtschwimmer nur geeignete zugelassene Hilfsmittel mit der entsprechenden Tragkraft. Unsere Mitglieder nehmen, wenn sie schwimmen gehen, eine Boje mit. Die ziehen sie hinter sich her. Da gibt es zum einen feste oder aufblasbare – und die kostet keine zehn Euro. Es macht Sinn, wenn man rüber ans andere Ufer schwimmt. Man fühlt sich damit schon wohler.

Überschätze deine Kraft nicht.
Das ist die Geschichte mit dem Rüberschwimmen. In der Gruppe von Jugendlichen den Mut zu haben, zu sagen, nee, ich schwimme nicht mit, das ist mir zu weit. Man kann dabei tatsächlich an seine Grenzen kommen. Ein guter Schwimmer schafft die 200 Meter auf die andere Seite an der Schlicht vom DLRG-Turm aus. Das ist für einen geübten Schwimmer kein Problem. Aber retten mitten im See ist sehr schwer, weil die Distanzen kaum zu kalkulieren sind. Die Sicht hier ist schlecht und unter Wasser haben wir keine Referenzen.

Und wie sieht es auf dem Rhein aus?
Unmöglich. Wenn man abtreibt, was schnell passiert Da muss man warten, bis er irgendwo rauskommt – gegebenenfalls viele Kilometer stromabwärts und vielleicht noch auf der falschen Seite. Das ist auch gar nicht verantwortbar, weil die Strömungsgeschwindigkeit für Taucher Rettungsschwimmer im Rhein zu hoch ist. Dafür hat die DLRG ausgebildete Strömungsretter. Wir hier auch.

Halte das Wasser sauber.
Da sind wir beim Thema Vandalismus. Das Thema Wasser sauber halten, das geht ja am Strand schon los. Wenn wir Sonntagmorgens herkommen, gibt es teilweise katastrophale Zustände hier. Wir reden da von Flaschen, die wir teilweise auch im Wasser haben, Müll und Dreck. Und es war dann keiner. Am Abend vorher ist Party gefeiert worden und alles liegen geblieben. Das räumen wir dann auf. Es ist eigentlich ein Drama, das zeigt wie doof die Menschheit ist: dass Dinge, die einem selbst nicht gehören, kaputt gemacht und zerstört werden. Was im Wasser ist, sehen wir nicht. Die berühmte Glasscherbe bekommen wir zu Gesicht, wenn einer zu uns kommt und sagt, ich blute, weil ich in eine Scherbe getreten bin.

Da wir in unmittelbarer Rheinnähe sind und Sie damit im Notfall betraut sind: Würde es aus Ihrer Sicht Sinn machen, das Schwimmen im Rhein zu verbieten?
Man sollte eher Hinweise verbreiten von öffentlicher Seite. Die Frage ist doch, was wollen wir noch alles reglementieren. Ein Verbot führt vielleicht auch eher zu einer Trotzreaktion. Es lässt sich auch mit Strafen belegen, aber die wenigen, die es dann trotzdem machen, nehmen auch die Strafe in Kauf. Wenn man weiß, was man tut, spricht auch nichts dagegen. Siehe Strandbad Mannheim. Beim Strom ist die Fließgeschwindigkeit ja unterschiedlich. Wenn der Rhein breit genug ist und ich habe eine Stelle, an der so gut wie keine Strömung ist und es wird gesagt, hier könnt ihr fünf oder zehn Meter raus, dann spricht für einen guten Schwimmer nichts dagegen. Allerdings nur wo es ausdrücklich erlaubt ist und überwacht wird. Ein anderes Thema ist es, den Rhein überqueren zu wollen. Da holt einen die Wasserschutzpolizei raus, selbst wenn es nicht direkt verboten ist.

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