Hintergrund
Wie die Schwimmer ein WM und DM gleichzeitig absolvieren
Es gibt Grenzen, die können selbst Florian Wellbrock und Christian Hansmann nicht überwinden.
Am Samstag steht in Budapest das WM-Finale über 1500 Meter Freistil auf dem Programm, einen Tag zuvor will sich Weltmeister Wellbrock für den Endlauf qualifizieren – woran niemand zweifelt. Wellbrock, das ist die Hoffnung von Christian Hansmann, dem Direktor Leistungssport beim Deutschen Schwimm-Verband (DSV), soll mit der Goldmedaille auf seiner Paradestrecke die bislang schon überaus erfolgreichen Welttitelkämpfe in der ungarischen Hauptstadt aus deutscher Sicht krönen.
Wellbrock fehlt in Berlin
Wellbrock, vor einem Jahr in Tokio zum Olympiasieg gekrault, ist DAS Gesicht des Schwimmsports in Deutschland und würde deshalb am Wochenende auch in Berlin gebraucht. Eine Absurdität hat jedoch dafür gesorgt, dass die Weltmeisterschaften und die deutschen Meisterschaften gleichzeitig stattfinden. Bei den „Finals“ in der deutschen Hauptstadt fehlt Wellbrock aber, weil er sich eben nicht aufteilen kann. Die Endläufe über 1500 Meter Freistil der Männer stehen am Samstag in Budapest und Berlin auf dem Programm.
„Florian Wellbrock und Luca Märtens können leider nicht in Berlin sein“, sagt Sportdirektor Hansmann. Märtens, WM-Silbermedaillengewinner über 400 Meter Freistil, rechnet sich über 1500 Meter gegen die versammelte Weltelite ebenfalls Chancen aus.
Über Nacht von der WM zur DM
Die Langstreckler bleiben in Ungarn, aber der Rest schafft das (fast) Unmögliche. „Wir haben das alles so organisiert, dass die Athleten rechtzeitig von Budapest nach Berlin kommen“, berichtet Hansmann vom großen Reisestress. Anna Elendt, WM-Silbermedaillengewinnerin über 100 Meter Brust, wird bei den deutschen Titelkämpfen ebenso dabei sein wie Isabel Gose oder Lucas Matzerath, die in Budapest in der Weltspitze mitmischten. Der Aufwand und die Belastungen sind enorm, aber aus Verbandssicht notwendig.
Hansmann, der DSV und die deutschen Topathleten sind zum Reisemarathon gezwungen, weil der Schwimm-Weltverband Fina Geld verdienen muss. Pandemiebedingt wurden die ursprünglich geplante WM in Japan ins kommende Jahr verschoben. Wegen bestehender lukrativer TV- sowie Werbeverträge wurden die Wettkämpfe in Budapest kurzfristig in den Kalender aufgenommen. „Wir hatten keine Chance, wurden auch nicht gefragt“, sagt Hansmann, „und die Terminierung der Finals in Berlin war da schon längst festgezurrt.“
Beachtliche Bemühungen
Es ist beachtlich, wie sich der DSV bemüht, der unverschuldeten Not zu trotzen – und seine besten Athleten auch in Deutschland zu präsentieren. Es geht für den Verband darum, den übertragenden öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland sowie den eigenen Sponsoren gerecht zu werden. „Wir wollen uns bestmöglich präsentieren, das bestmögliche Team an den Start bringen“, erklärt der Sportdirektor. Der Schwimmverband, der sich nach vielen Jahren des steten Misserfolgs gerade aufgerappelt hat, möchte die neuen Gesichter zeigen, ganz unabhängig von den Leistungen in Becken. „Bestzeiten erwarte ich nicht“, sagt Hansmann.
Das wäre auch sicherlich zu viel verlangt.