Schach RHEINPFALZ Plus Artikel Weltmeister Magnus Carlsen der Favorit in Dubai

Erneute Titelverteidigung: 2018 war Fabiano Caruana der Herausforderer von Magnus Carlsen (rechts).
Erneute Titelverteidigung: 2018 war Fabiano Caruana der Herausforderer von Magnus Carlsen (rechts).

Glaubt man dem Papier, wird Titelverteidiger Magnus Carlsen seinen russischen Herausforderer Jan Nepomnjaschtsch im Duell um die Weltmeisterschaft in Dubai klar bezwingen. Alles spricht für den Norweger. Wenn die Vergangenheit nicht wäre.

Magnus Carlsen ist seit Jahren das Maß der Dinge in der Schach-Welt. Und in seiner Heimat noch deutlich mehr. Der heute 30-Jährige wird dort verehrt und behandelt wie ein Popstar, seit er im Alter von nur 19 Jahren die Führung in der Schach-Weltrangliste übernahm und seither nicht mehr hergab. Und erst recht, nachdem er 2013 erstmals Weltmeister wurde und seinen Titel inzwischen dreimal verteidigt hat. Zuletzt allerdings eher mühselig, denn 2018 endeten alle zwölf Partien gegen den US-Amerikaner Fabiano Caruana remis, so dass Kurzpartien entscheiden mussten. Hier hatte Carlsen, auch Blitz- und Schnellschachweltmeister, dreimal in vier Partien die Nase vorne. Und auch zwei Jahre zuvor gegen Sergej Karjakin ging es die Verlängerung, nachdem jeder zuvor eine der zwölf Partien für sich hatte entscheiden können und der Rest unentschieden endete. Auch da war Carlsen im Schnellschach der Bessere.

Nun also der gleichaltrige Nepomnjaschtsch, der sich etwas überraschend im Achterfeld der möglichen Herausforderer durchgesetzt hat. In einem Kandidatenturnier, das im März 2020 begonnen hatte, wegen der Corona-Pandemie zwischendurch abgebrochen worden war und im April dieses Jahres zu Ende gespielt wurde. Damit war dann auch der ursprüngliche Zeitplan dahin, wonach Carlsen und sein Herausforderer bereits im vergangenen Spätjahr in der Wüste hätten aufeinandertreffen sollen.

Ein ungleiches Duell?

Nach bloßen Zahlen ist es ein ungleiches Duell. Denn Nepomnjaschtsch hat als Weltranglistenfünfter bei der Elo-Zahl, die die aktuelle Spielstärke angibt, bereits einen gehörigen Rückstand auf Dominator Carlsen. Demnach müsste der Norweger den Sieg plus das Gros der zwei Millionen US-Dollar auch ohne Verlängerung nach Hause tragen – 60 Prozent des Preisfonds gehen an den Sieger. Doch Zahlen sagen nicht alles. Und Schach ist auch ein Stück weit Psychologie. Die spricht, zumindest mit Blick auf die Vergangenheit, für den 31-jährigen Russen aus Moskau. Denn die beiden Supertalente sind schon in ganz frühen Jahren aufeinander getroffen. Sowohl bei den Europa- als auch bei den Weltmeisterschaften der Altersklasse U12 hatte Nepomnjaschtsch die Nase vorne. Ebenso bei den U14-Titelkämpfen. Er, der Spross einer Intellektuellenfamilie, hätte der neue Superstar der Schachszene werden sollen; nicht Carlsen. Doch „Nepo“ stieß zwar schnell in die Weltspitze vor; doch für ganz vorne reichte es im Gegensatz zu Carlsen nicht. Ihm seien vielleicht die großen Erfolge als Jugendlicher zu leicht in den Schoß gefallen, mutmaßt er selbst über seine jahrelange Stagnation. Sein Mentor Sergei Yanovsky wird mit den Worten zitiert, Nepomnjaschtsch sei gleichaltrigen Spielern in jungen Jahren so deutlich überlegen gewesen, dass er diese nicht mehr ernst genommen habe.

Angriffslustiger Schnelldenker rüttelt am Thron

Inzwischen ist der Hochbegabte in die Spur gekommen und rüttelt an Carlsens Thron. Der wirft zwar mehr Weltranglistenpunkte und die Erfahrung von vier WM-Kämpfen in die Waagschale. Doch in Partien nur der beiden hat Nepomnjaschtsch die bessere Bilanz. Der angriffslustige Schnelldenker aus Moskau liege dem Weltmeister nicht, der mit viel Geduld auch nur minimale Stellungsvorteile zum Sieg ausbaut. Carlsen hat vor dem Auftakt am Freitag auch schon die erste Pfeilspitze Richtung Gegner abgeschossen: Als amtierender Weltmeister habe er gute Chancen, schon gleich zum Start zu punkten. Und: „Mein größter Vorteil in diesem Match ist, dass ich besser Schach spiele.“ Das muss er nun beweisen.

Zur Sache

Die Schach-Weltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen (Norwegen) und Jan Nepomnjaschtsch (Russland) wird ab dem morgigen Freitag über 14 Turnierpartien ausgetragen. Sie endet in dem Moment, in dem ein Spieler uneinholbar vorne liegt, spätestens am 14. Dezember; ein eventueller Stichkampf ist für 15. Dezember angesetzt. Das Duell findet im Rahmen der laufenden Weltausstellung in Dubai statt. Nach den Erfahrungen der vergangenen WM, bei der alle zwölf Partien unentschieden ausgingen, gibt es eine neue Regel: Vor dem 40. Zug dürfen die beiden Spieler kein Remis vereinbaren.

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