Fussball
Was Christian Wörns von einem Innenverteidiger erwartet
Nach dem deutschen WM-Aus in Katar legte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger den Finger in einige Wunden. „Wir haben außer Antonio Rüdiger keinen Weltklasse-Verteidiger mehr“, monierte der Weltmeister von 2014. Was läuft da schief in der Ausbildung und Ausrichtung deutschen Fußball? Die RHEINPFALZ hat den einstigen Klasseverteidiger Christian Wörns (50) gefragt.
Der gebürtige Mannheimer ist im vierten Jahr DFB-Trainer, derzeit Coach der U18. Wörns hat 66 Länderspiele bestritten. Er absolvierte für den SV Waldhof Mannheim, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund 469 Bundesligaspiele zwischen 1989 und 2008 und schoss 28 Tore.
Christian Wörns wurde beim SV Waldhof ausgebildet. In der „Vorstopperschule der Nation“ lernten auch Paul Steiner, die Förster-Brüder und Jürgen Kohler auf höchstem Niveau zu verteidigen. Mit den DFB-Trainern hat Wörns nun die WM-Spiele 2022 in Katar, speziell auch das Abwehrverhalten, analysiert. Wörns’ Arbeitsplatzbeschreibung ist deutlich: „Innenverteidiger sind Innenverteidiger. Sie haben eine ganz klare Rolle. Es geht um das defensive Zweikampfverhalten – am Boden und in der Luft und darum, mit wenig Risiko zu spielen. So wie das Ibrahima Konaté und Cristian Romero bei der WM herausragend gemacht haben, wie auch Thiago Silva, der ein bisschen ein anderer Spieler ist. Wie auch Josko Gvardiol. Er spielt mit viel Auge und schafft es, mit seiner Schnelligkeit immer wieder vor den Angreifer zu kommen, er foult kaum. Er ist noch jung und in der Entwicklung.“
Klare Aufgabenverteilung
Das Ansinnen, dass Abwehrspieler auch den Spielaufbau maßgeblich mittragen sollen, habe zu einem Rollenkonflikt geführt. „Ich sage immer, es ist schön, wenn ein Verteidiger auch gut im Spielaufbau ist. Das ist aber nur dann zielführend, wenn die defensiven Basics stimmen“, betont der DFB-Trainer, der eine geordnete Facharbeiterausbildung favorisiert. Wörns: „Einen Innenverteidiger machen wir nicht zum Linksaußen oder zum kreativen Zehner. Ein Innenverteidiger ist ein Innenverteidiger. Ein Sechser verteidigt und baut das Spiel mit auf. Der Achter und der Zehner sind kreativ. Die Stürmer machen Tore, die Außen sorgen mit Dribblings und Flanken für die Vorlagen.“
Christian Wörns begleitet die aktuelle U18-Nationalmannschaft drei Jahre bis zur U20, der „U21 light“, die Nachschub für die von Kuntz-Nachfolger Antonio Di Salvo trainierte U21 zu liefern hat. Dann beginnt Wörns wieder mit dem Aufbau einer neuen U18. „Im ersten halben Jahr geht es vor allem ums Scouting. Das Gefälle zwischen einzelnen Klubs in den Jugend-Bundesligen ist mitunter groß“, weiß der 50-Jährige. Das Scouting ist sehr intensiv, versichert Wörns, der mit Daniel Jungwirth und dem früheren Nationalspieler Heiko Westermann zwei Assistenten an seiner Seite weiß. „Wir sind ein Dreier-Team. Wir sind am Wochenende immer in den Jugend-Bundesligen unterwegs, jeder von uns sieht normalerweise zwei Spiele“, erklärt der Cheftrainer. Dazu kommen die Sichtung beim DFB-Länderpokal in Duisburg, eine Nachsichtung, dazu der Perspektivkader und auch der Blick in andere Länder, wo talentierte Jungs mit deutschen Pässen kicken. Wörns: „Uns sollte keiner durch die Lappen gehen.“
In Ausbildung zählen auch Ergebnisse
Ziel ist die EM-Qualifikation, was bei starker Konkurrenz kein Selbstläufer ist. Sechs, sieben Maßnahmen in der Saison stehen auf seinem Plan, dabei stehen meist zwei, drei Spiele mit auf dem Programm. „Trainieren ist für die Jungs genauso wichtig wie spielen“, sagt der in Straßlach bei München lebende gebürtige Mannheimer. „Ausbildung ist das eine, aber wir brauchen auch Ergebnisse. Das beinhaltet die Erziehung von Spielern zum Erfolg. Dafür sind diese Turniere, die Europameisterschaften mit Spielen auf höchstem Niveau, bedeutsam. Da kriegst du durch Erfolge Selbstvertrauen und nebenbei natürlich auch mehr Spielzeit. Darüber hinaus sind das richtige Selbstverständnis und eine gewisse Druckresistenz wichtig. Beides wird durch gutes Abschneiden bei internationalen Turnieren besonders gefördert“, erklärt Wörns.
„Mentalität, Wille, Willensausdauer und Identifikation mit der Nationalmannschaft. Es geht darum, dass sie ihr Herz auf dem Platz lassen. Es geht um Haltung, Demut und Bescheidenheit. Im Grunde haben sie ja noch nichts erreicht. Wenn du nicht klar in der Birne bist, erreichst du deine Ziele nie“, nennt er Grundvoraussetzungen für Talente, um es im „Männerfußball“ zu schaffen.
„Spieler nicht überfordern“
„Wir achten schon darauf, dass Innenverteidiger verteidigen können und trainieren das auch. Es geht um das Verteidigen der Box, das klassische Verteidigen. Wir wollen robuste Spieler, die mit der nötigen Aggressivität agieren“, sagt der U18-Coach. Er warnt vor zu viel Taktik, die Kreativität raubt, er warnt auch vor überhöhtem Anspruchsdenken: „Wir wollen den Spieler, der alles kann, einen wie Bellingham. Den kann man sich nicht schnitzen. Wir dürfen die Spieler nicht überfordern.“ Wörns ist mit großem Ehrgeiz bei der Sache, er fühlt sich wohl, verspürt große Jobzufriedenheit: „Du kannst mit den Top-Talenten trainieren, da sind einige Spieler dabei, die später einmal Nationalspieler werden können.“