Rudern
Warum Oliver Zeidler seine Rolle nicht gerecht wurde
Der Poster-Boy der European Championships in München konnte die hohen Erwartungen auf der Ruder-Regattastrecke in Oberschleißheim nicht erfüllen, im Einer trudelte er auf Rang vier ins Ziel.
Die Veranstalter des europäischen Ruderverbandes hatten den Endlauf des Männer-Einers ans Ende der Titelkämpfe gelegt, wohlwissend, dass mit Oliver Zeidler eines der Gesichter der Championships nach Gold greifen würde. Die Tribünen waren gefüllt, die Deutschland-Fahnen ausgerollt, und bis 200 Meter vor dem Ziel war alles für eine fast schon kitschig schöne Geschichte bereitet. Bei den Olympischen Spielen vor 50 Jahren hatte Zeidlers Großvater Hans-Johann Färber in Oberschleißheim die Goldmedaille gewonnen. Jetzt sollte und wollte Zeidler es ihm gleichtun, er war als Favorit auf die 2000 Meter lange Strecke gegangen.
„Ich bin blau geworden“
Nach einem Zwischenspurt nach knapp der Hälfte der Strecke lag Zeidler eine halbe Bootslänge vor der Konkurrenz, doch die holte im Schlussspurt auf. Ruderer bewegen sich im Schlussspurt stets im körperlichen Grenzbereich, weshalb es eine entscheidende Schwäche bedeutet, wenn der Kopf nicht (mehr) mitspielt. „Ich bin blau geworden“, sagte Zeidler später: „Meine Arme konnten nicht mehr ziehen.“ Etwa 150 Meter vor dem Ziel rutschte Zeidler auf Platz zwei – und plötzlich ging nichts mehr. Als Zeidler spürte, dass er Gold nicht würde gewinnen können, ging alles verloren.
Auf den finalen Metern des Rennens, das für ihn gemacht sein sollte, brach Zeidler ein und wurde bis auf den vierten Platz durchgereicht. Wie schon bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr in Tokio, als Goldfavorit Zeidler den Endlauf verpasste, spielte ihm auf der ganz großen Bühne die Nerven einen Streich.
Zu viel Druck aufgeladen
Vermutlich hatte sich Zeidler im Vorfeld der Titelkämpfe vor der Haustür zu viel auf seine – zugegebenermaßen – breite Schultern geladen. Der 26-Jährige hatte selbstbewusst angekündigt, nur mit dem Gewinn der Goldmedaille zufrieden zu sein. Zudem hatte er wenige Tage vor den Championships in einem Interview zu einem Rundumschlag gegen die sportliche Führung des Deutschen Ruderverbandes ausgeholt – und von zu wenig Kompetenz im Leistungssport gesprochen.
„Ich denke, es war ein Kopfproblem bei Oli“, sagte Brigitte Bielig nach dem Abschluss auf der Regattastrecke. Die DRV-Cheftrainerin war Teil der Kritik von Zeidler, zeigte sich nach dessen Debakel aber mitfühlend: „Die eigene Erwartungshaltung und die Kritik haben dabei wohl eine Rolle gespielt“, sagte Bielig und kündigte baldige „individuelle Gespräche“ mit dem Weltmeister von 2019 an.
Neuer Anlauf in Racice
Sie sind offensichtlich nicht nur mit Zeidler angebracht, denn der Deutsche Ruderverband enttäuschte bei der Heim-EM. Nur eine Medaille gab es in den olympischen Bootsklassen, das Nachwuchsproblem wurde in Oberschleißheim offensichtlich. „Wir werden jetzt ins Trainingslager fahren und hart arbeiten“, kündigte Cheftrainerin Bielig knapp fünf Wochen vor den Weltmeisterschaft im tschechischen Racice an.
Zeidler wird in Racice einen neuen Anlauf wagen, weit ab vom Trubel. Das könnte klappen, denn bislang klappte es für den Mann aus Erding besser, wenn die großen Scheinwerfer nicht auf ihn gerichtet waren.