Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Ex-FCK-Torwart Julian Pollersbeck lieber Football schaut als Fußball

Im Sommer 2025 gastierte Pollersbeck mit Jahn Regensburg beim FCK.
Im Sommer 2025 gastierte Pollersbeck mit Jahn Regensburg beim FCK.

Julian Pollersbeck ist NFL-Fan. American Football packt den Ex-Torwart des 1. FC Kaiserslautern mehr als Fußball. Zum Betzenberg hat er aber eine besondere Beziehung.

Herr Pollersbeck, für Sie als Torwart – was ist einfacher zu fangen: ein Football oder ein Fußball?
Ein Fußball, ganz klar. Wobei ein Football gar nicht so viel schwieriger ist. Ich habe das mit Receiver-Handschuhen probiert und sogar mit Torwarthandschuhen. Aber der Fußball ist berechenbarer und eiert weniger.

Das Werfen eines Footballs ist nicht ohne.
Ich habe eine Zeit gebraucht, bis ich ihn wirklich sauber werfen konnte. Aber inzwischen klappt das richtig gut. Während Corona habe ich viel geworfen, mir Zielnetze gekauft und überall aufgestellt. Ich freue mich, wenn ich Bälle werfen kann, ich bin ein verspieltes Kind. Einen Football oder Baseball hin und her zu werfen, das macht mehr Spaß als bei einem Fußball.

Sind Sie während der NFL-Saison montags im Training bei Jahn Regensburg übermüdet vom Footballschauen?
(lacht) Wir trainieren zum Glück nicht in aller Herrgottsfrüh. Und montags ist oft frei. Wir spielen meist samstags, sonntags ist Training, montags Pause – das kommt mir entgegen. Wenn die Green Bay Packers um zwei Uhr nachts spielen, dann ist das so. Aber ich zerschieße mir meinen Schlafrhythmus fast nie. Nach den späten Spielen mache ich um halb zwei den Fernseher aus.

Wie kamen Sie zum American Football?
In meiner ersten Saison beim 1. FC Kaiserslautern

haben mich die Teamkollegen zum Schauen des Super Bowls eingeladen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Ich war neu und froh, dass ich von den anderen eingebunden wurde.

Stimmt es, dass Sie vor allem wegen des Essens hin sind?
(lacht) Ja, es gab Burger. Essen umsonst war damals ein Argument – wir haben ja noch nicht viel verdient. Das Spiel, Seattle Seahawks gegen Denver Broncos, hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich bin vor dem Ende eingeschlafen.

Wie kam es, dass Sie begonnen haben, sich richtig für Football zu interessieren?
Über einen guten Freund. Wir haben eigentlich Darts zusammen geschaut. Dann hat er mich gefragt, ob ich auch Football gucke, und angefangen, mir das zu erklären. Und sobald ich etwas checke, fuchse ich mich rein. Als ich dann Aaron Rodgers als Quarterback bei den Packers gesehen habe, war schnell klar: Grün-gelb werden meine Farben.

Haben Sie den berühmten Käsehut daheim, das Wahrzeichen der Fans der Packers aus dem Käsestaat Wisconsin?
(lacht) Nein. Aber eine große Bärenfalle im Garten. (Anmerkung der Redaktion: Die Chicago Bears sind der Erzrivale der Green Bay Packers)

Was fasziniert Sie am Football besonders?
Die taktische Tiefe. Am Ende ist das Spiel total simpel. Beim Fußball muss der Ball ins Tor, beim Football muss er in die Endzone. Aber der Weg dahin ist extrem komplex. Fußball ist dynamischer und schneller. Football geht von Spielzug zu Spielzug. Aber die Verantwortung und die mentale Belastung – vor allem für Quarterbacks – ist einzigartig. Was er alles wissen muss: Die Spielzüge sind brutal aufwendig, er muss die Routen seiner Receiver kennen und die Verteidigung lesen, er muss sehen, wann die Verteidiger auf ihn zustürmen – und das alles in einem Fünf-Sekunden-Fenster. Und dann muss er den Ball auch noch perfekt werfen. Wahnsinn.

Wie läuft ein Super-Bowl-Abend bei Ihnen ab? Schauen Sie lieber alleine für den analytischen Blick oder lieber in der Gruppe?
Ich habe für mich herausgefunden, dass ich am liebsten mit Leuten gucke, die von Football etwas verstehen. Natürlich gibt es wie beim Fußball Event-Fans. Solche, die WM schauen, weil jetzt WM ist. Aber wer sich auskennt, schaut lieber mit Gleichgesinnten als mit reinen Event-Fans. Es gab schon Abende, da habe ich den ganzen Tag Chicken Wings vorbereitet, die wir dann zusammen gegessen haben. Ich habe aber auch schon alleine geschaut. Und manchmal ist es auch ein schlechtes Spiel – dann sitzt du um fünf Uhr morgens da und denkst dir: Ja, super. (lacht)

Ihr Tipp: Wer kommt in den Super Bowl 60 am 8. Februar?
Das ist schwer zu sagen. Diese Saison ist so offen. Wenn ich tippen muss: LA Rams oder Chicago Bears gegen die Denver Broncos.

Kein Gespräch über Football ohne die GOAT-Frage. Wer ist für Sie der Beste aller Zeiten?
Meine persönliche Präferenz ist Aaron Rodgers – weil er mehr Talent in seinem Arm hat. Aber Titel gehören dazu, und da führt kein Weg an Tom Brady mit seinen sieben Super-Bowl-Ringen vorbei. Und dann muss man natürlich auch Patrick Mahomes nennen. Was der in seinen ersten Jahren erreicht hat, ist unglaublich. Wahrscheinlich bekomme ich dafür nun viel Hass ab, aber das ist mir egal. Wer Erfolg schlecht macht, dem kann ich nicht helfen.

Wie beim FC Bayern: Der Erfolg kommt nicht von ungefähr.
Football ist wahrscheinlich die fairste Sportart, was das Finanzielle betrifft. Es gibt eine Gehaltsobergrenze, alle haben die gleichen Bedingungen. Am Ende zählen gutes Management und harte Arbeit, eine klare Strategie, die gute Auswahl von Nachwuchsspielern. Tom Brady wurde als junger Spieler im Draft an 199. Stelle gewählt. An 198 anderen Positionen hatten andere Teams vorher die Möglichkeit, ihn zu verpflichten. Niemand hat es gemacht.

Die NFL erfährt in Deutschland einen gewissen Hype. Kann Football dem Fußball irgendwann gefährlich werden?
Dem Produkt Fußball fehlt mehr und mehr an Interesse, weil es meiner Meinung nach auf eine gewisse Art und Weise auch einfach zu viel ist: Fußball, Fußball, Fußball – jeden Tag. Als Drittligaspieler rede ich natürlich leichter, als Spieler bei einem Champions-League-Klub würde ich mich sicherlich anders äußern, weil ich mehr davon profitieren würde. Football hat sechs Monate Saison, sechs Monate Pause. Das funktioniert in allen großen US-Sportarten.

Die ganz klar abgesteckte Saison bringt Spannung und Vorfreude.
Die Bundesliga ist vorbei, dann hast du DFB-Pokal, dann hast du Champions League, Nations League, dann kommt die EM und dann geht es mit der Vorbereitung schon wieder los. Es gibt wahrscheinlich eine Woche, in der fußballtechnisch nicht so viel ist. Außerdem braucht man aktuell sehr viele Abos, wenn man alles sehen möchte. Der VAR wird viel diskutiert, die Leute regen sich jede Woche darüber auf. Abseits von Jahn Regensburg verfolge ich eigentlich nur noch zwei Teams: den FCK und den HSV, weil ich dort mal gespielt habe.

Bei Regensburg kehrte Pollersbeck in seine Heimat zurück.
Bei Regensburg kehrte Pollersbeck in seine Heimat zurück.
Packers-Fan Julian Pollersbeck.
Packers-Fan Julian Pollersbeck.
Seine Karriere nahm beim FCK so richtig Fahrt auf.
Seine Karriere nahm beim FCK so richtig Fahrt auf.
31 Spiele absolvierte er für die Profis des 1. FC Kaiserslautern.
31 Spiele absolvierte er für die Profis des 1. FC Kaiserslautern.
2017 wechselte Pollersbeck aus der Pfalz nach Hamburg.
2017 wechselte Pollersbeck aus der Pfalz nach Hamburg.
2017 wurde Julian Pollersbeck mit der deutschen U21 Europameister.
2017 wurde Julian Pollersbeck mit der deutschen U21 Europameister.
Das Lambeau Field der Green Bay Packers: ein bisschen wie der Betzenberg.
Das Lambeau Field der Green Bay Packers: ein bisschen wie der Betzenberg.

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Sie waren 2022 beim ersten NFL-Spiel in München im Stadion. Wie sehen Sie diese Internationalisierung?
Die NFL ist von Grund auf kommerziell – das gehört dort zur Kultur. Das ist Entertainment und Show. Bei uns herrscht eine andere Kultur in den Stadien, und deshalb würde es auch nicht funktionieren, wenn die Bundesliga ins Ausland ginge. Fußball ist in Europa Volkssport, die Leute leben für ihren Verein, identifizieren sich damit. Wenn die US-Amerikaner europäischen Fußball schauen und 60.000 Zuschauer in der Zweiten Liga im Stadion sehen, sind sie beeindruckt von der Stimmung. Und was machen wir? Wir versuchen es trotzdem zu kopieren. Eine Halbzeitshow im Fußball? Tut mir leid, das passt für mich nicht.

Gibt es etwas, das der Fußball vom Football lernen kann?
Ganz klar: Coaches Challenges. Wenn jeder Trainer zwei Entscheidungen pro Halbzeit überprüfen lassen kann, nimmt das die Schiedsrichter aus der Schusslinie und gibt Verantwortung an die Trainer. Wenn die Challenges aufgebraucht sind, sind sie weg. Dann müssen alle mit der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters leben.

DAZN hat Sie als Football-Experten für seine Übertragungen engagiert. Wie war diese Erfahrung für Sie?
Richtig cool. Es wird sich ja oft beschwert über Kommentatoren, egal ob im Fußball oder in anderen Sportarten. Aber wenn man sieht, was da alles dahintersteckt an Vorbereitung, ist das eine echte Kunst. Ich habe großen Respekt vor deren Arbeit bekommen.

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Wäre das was für Sie nach der Karriere?
Mal schauen. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Ich habe zu Hause sogar Spiele selbst kommentiert, mit meinem Headset vor dem Gaming-Bildschirm habe ich mir ein kleines Set-up gebaut. Einfach, um besser zu werden.

Sie kennen die Aufs und Abs eines Fußballprofis. Wie sehen Sie das NFL-System mit ständigen Entlassungen, Kaderveränderungen ohne Transferfenster? Es kann immer alles passieren.
Das ist schon tough. Wenn man liest, wer alles mitten in der Saison wieder entlassen wurde, ist das krass. Es wäre schon besser, für Spieler eine gewisse Sicherheit einzubauen, damit die Fallhöhe nicht so groß ist. Die NFL ist hier durchaus unreguliert, das finde ich im Fußball besser. Du hast einen Vertrag und sowohl Spieler als auch der Verein können sich sicher sein, dass dieser Vertrag erstmal eingehalten wird. Man entscheidet sich im Einvernehmen, ihn aufzulösen oder einen Transfer zu vollziehen.

Was ist für Sie das Besondere an den Green Bay Packers?
Das ist eine altehrwürdige und traditionsreiche Franchise ohne Eigentümer, wo die Mitglieder ein gewisses Mitspracherecht haben. Die Nähe zwischen Stadt, Fans und Spielern ist extrem. Es gibt etwa 100.000 Einwohner, und gefühlt 80 Prozent davon gehen ins Stadion. Das erinnert mich sehr an Kaiserslautern. Das Lambeau Field als Stadion, das hat einfach was. Das ist für mich wie der Betzenberg.

Wie war es für Sie, das erste Mal den Betzenberg hochzufahren zum Fritz-Walter-Stadion?
Es war unglaublich, das weiß ich noch sehr gut. Mein erstes Spiel auf dem Betzenberg habe ich gesehen, als ich gerade beim FCK unterschrieben hatte, bei den Amateuren noch. Ich habe vom Verein eine Karte bekommen für mich und meinen Dad. Dann saßen wir im Stadion und haben die Stimmung mitbekommen. Ich habe zu meinem Dad gesagt: Hier werde ich mal die Nummer eins werden, koste es was es wolle. Drei Jahre später hatte ich es geschafft. Ich habe anderswo Titel gewonnen, aber jedes Mal, wenn ich als junger Spieler den Betze hochgefahren bin, hatte ich Gänsehaut. Dieses Gefühl hatte ich später in keinem Stadion mehr. Das Stadion ragt majestätisch aus diesem Berg heraus, es ist ein ganz besonderer Ort.

Zur Person

Julian Pollersbeck (31) war von 2013 bis 2017 Torhüter beim 1. FC Kaiserslautern, zunächst bei den Amateuren, ab 2014 bei den Profis. Dort absolvierte er 31 Spiele für die Roten Teufel. Er wechselte zum Hamburger SV, 2020 zu Olympique Lyon, wo er aber nur sechsmal zum Einsatz kam. Nun spielt er beim SSV Jahn Regensburg in der Dritten Liga.

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